Im Ausgestoßensein vereint: Die Young Opera Company Freiburg spielt Anno Schreiers Oper „Kein Ort. Nirgends“


(nmz) -
Das Kleist-Grab am Kleinen Wannsee bei Berlin. Hier hat sich Heinrich von Kleist am 21. November 1811 das Leben genommen. Und hier ist für Regisseur Joachim Rathke der Ort, Anno Schreiers 2006 uraufgeführte Oper „Kein Ort. Nirgends“ nach der Erzählung von Christa Wolf (1979) anzusiedeln. Diese Produktion der Freiburger Young Opera Company (Leitung: Klaus Simon), die sich in der Vergangenheit immer wieder um selten gespielte, zeitgenössische Kammeropern gekümmert hat, kommt genau zum richtigen Zeitpunkt.
03.12.2011 - Von Georg Rudiger

Zum einen erfährt die Geschichte, die von einer fiktiven Begegnung zwischen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode erzählt, 200 Jahre nach Kleists Tod besondere Aufmerksamkeit. Zum anderen ist die Bekanntheit des 1979 in Aachen geborenen Komponisten nach der überaus erfolgreichen Uraufführung seiner zweiten Oper „Die Stadt der Blinden“ vor wenigen Wochen in Zürich schlagartig gestiegen. Dass die Freiburger Premiere schließlich genau einen Tag nach Christa Wolfs Tod stattfindet, verleiht diesem Musiktheaterabend, der der Schriftstellerin gewidmet ist, eine besondere Note.

Der Herbststurm bläst durch die Lautsprecherboxen. Am Boden vor dem nachgebauten Kleist-Grab (Ausstattung: Heike Mondschein) auf der Bühne des Freiburger E-Werks liegen Blätter. Ein Mann (Birger Radde) blickt verstört umher und lehnt sich an den Grabstein, ehe er von einer esoterisch angehauchten Gruppe – im Original eine Teegesellschaft um Clemens Brentano –  gestört wird, die am gleichen Ort ein Seminar des „Instituts für Angewandte Romantik“ abhalten möchte. Die Verlagerung der im Jahr 1804 spielenden, handlungsarmen Erzählung in die Gegenwart macht aus „Kein Ort. Nirgends“ eine griffigere Beziehungsgeschichte mit durchaus humorvollen Anteilen, ohne dem Stück Gewalt anzutun.

Anno Schreiers Musik hilft dabei, die Figuren zu charakterisieren. Clemens Brentanos Gesang (etwas brüchig in der Höhe: Marian Henze) erinnert an Robert Schumann; für Georg Wedekind (Ji-Su Park) hat Schreier einen barocken Opernstil komponiert. Bettine Brentano (brillant: Ljiljana Winkler) singt eine Rossinische Koloraturarie, Friedrich Carl von Savigny (Florian Rosskopp) doziert in Zwölftonreihen über die Vernunft. Nur Gunda Savigny (stark: Kristi Anna Isene) gestattet der Komponist karikaturfreie Phrasen. Natürlich lässt Schreier diese Stilkopien nicht unangetastet, sondern verfremdet Töne und Harmonien, setzt Störgeräusche hinzu und lässt auch mal das wache Instrumentalensemble mit Piccoloflöte und gedämpfter Posaune darüber spotten. Völlig unvermittelt switcht die Oper zwischen Walzer und Jazz, Barock und freier Atonalität, eingespielter Unterhaltungsmusik und einem live gesungenen, fünfstimmigen, romantischen Chorsatz. Das ist auf die Dauer ermüdend. Es fehlt an musikalischen Übergängen. Der Stilmix ist zu grell und zu kleinteilig – und verhindert einen größeren Spannungsbogen.

Für das eigentliche Paar Heinrich von Kleist (farbenreich: Birger Radde) und Karoline von Günderrode (präsent: Sibylle Fischer), das sich im Laufe des Abends immer mehr von der Gesellschaft löst, hat Anno Schreier emotionale, moderne Musik geschrieben, die ihren eigenen Ton findet. Hier treffen Seelenverwandte aufeinander, die im Ausgestoßensein vereint sind. Am Ende weist Kleist ihr den Weg. Und findet vielleicht doch einen Ort für die beiden. Irgendwo. 

Weitere Vorstellungen: 3./9./10./11. Dezember 2011, jeweils 20 Uhr
EWERK Freiburg, Eschholzstraße 77, 79106 Freiburg