Keine Hilfe von der Enterprise – Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“ in Mannheim


(nmz) -
Als Nigel Lowery vor vier Jahren in Halle zu den Händelfestspielen ästhetisch frech und politisch hintersinnig Händels „Arminio“ inszenierte, da baute er ein berühmtes Zitat aus den „Meistersingern“ ein. Den „Habt Acht!“ Appell des Schusterpoeten brachte er auf einem Zwischenvorhang gegen aktuelle Angriffe auf das finanzielle Fundament der Theaterlandschaft in Stellung. Weil davon beim Barockmeister aus Halle natürlich keine Silbe steht, löste das eine heftige Debatte im Publikum aus. Wer das auch als ein Versprechen des Briten auf subversive komplette „Meistersinger“ aus seiner Hand auffasste, der konnte jetzt vier Jahre später nach Mannheim pilgern, um es sich einlösen zu lassen.
30.10.2018 - Von Joachim Lange

Doch schon nach dem ersten Aufzug war die Neugier der Verblüffung gewichen. Da gibt es die Bühne auf der Bühne samt des wie eine Brechtgardine stark genutzten Vorhangs, dazu gemalte Kulissen und Meister-Kostüme wie aus einem Mittelaltercomic. Aber das ist alles eher lächerlich verkleinernd als hintersinnig witzig. Wenn die gemalten Kulissen (zwischen die Gewölbe verirrt sich auch mal kurz ein Blick auf Moulin Rouge) auf und ab tanzen und mal einer aus der Rolle treten darf und oben in der Höhe ein kleines Modell des Raumschiffs Enterprise vorüberzieht, dann ist Warten auf eine Art Fallhöhe, spätestens in der Prügelszene, angesagt. Doch die fällt fast ganz aus bzw. sie kommt nur als Variante für die Kleinsten als Marionettentheater vor. So ergeht es dann auch dem Aufmarsch zur Festwiese. In diesem Spiel mit dem Theater hat man zu keinem Zeitpunkt eine Chance, sich vom (ja tatsächlich auftretenden) Menscheln in dieser (einen) Wagneroper berühren zu lassen. Zu fern bleiben die (Witz-)Figuren.

Zu fern bleiben die (Witz-)Figuren

Dafür gibt es reichlich Gelegenheit zum Rätselraten, zum Wundern und auch zum Ärgern. Sogar über rein Handwerkliches. Warum um alles in der Welt man die Tiefe der Bühne bei jeder Gelegenheit aufgibt, um sich möglichst in Rampennähe, der ersten Reihe oder den Seitenlogen zu drängeln, und das Personal, das vor dem gemalten Kulissenraum hinter dem Theater-auf-dem-Theaterportal auftritt, unausgeleuchtet im Halbdunkel agieren muss, bleibt Lowerys Geheimnis. Ein Sinn erschließt sich dabei ebensowenig wie bei den aufgeschminkten Augenvergrößerungen. Oder mit der Prozession, mit der immer mal wieder ein Sarg durch die Szene getragen wird. Ohne, dass man des Rätsels Lösung, für wen der wohl gedacht sein könnte oder wer da drin liegt, auch nur einen Schritt näher kommt. Vielleicht ist es ja das Deutsche, das die Inzenierung aus dem Stück eliminieren wollte?

Rätsel und zu viele „vielleichts“

Lowery sucht ständig nach dem Witz in der Komödie. Wenn er einen findet, dann zahlt er ihn aber weder in Talern, Mark oder Euro, sondern höchstens in britischen Penny aus. Etwa, wenn zwei Pappkulissen-Büsche Nachwuchs bekommen und billige Lacher kassieren. Oder wenn Beckmesser, dem Kater oder der Katze, die uns Sachs bislang offenbar immer vorenthalten hat, mit einigem Aufwand den Notizzettel zum Preislied abjagt und das Tier nicht nur würgt und dann in eine Truhe verfrachtet, sondern auch noch den mit Punsch – oder was auch immer – gefüllten Kessel aus dem Kamin drauf stellt, damit das Vieh nicht entwischt. Des Katers Kern freilich ist nur der Witz selbst. Nichts weiter. 

Beim Preislied Solzings hat der Regisseur einen richtig guten Einfall. Nicht auf der Bühne, aber bei den Übertiteln. Wer schnell genug ist und es rechtzeitig bemerkt, der kann nämlich bei Beckmessers missglücktem Auftritt auf der einen Seite lesen, was Beckmesser singt und auf der anderen, was Walther von Stolzing draus gemacht hat. (Wer das verpasst, dem bleibt das Programmheft). Das hat Witz und hilft dem fabelhaften Joachim Goltz obendrein seinen Beckmesser nicht nur vor der Spitzbüberei Hans Sachsens, sondern ein Stück weit auch vor Lowerys Attacke auf alle Meister in Deckung zu bringen. Schon zu Beginn hatte Goltz – als Darsteller vor dem Einstieg in die Rolle – eine vorgeschlagene Kostümierung erst als Jude und dann als Nazi von sich gewiesen und sich dabei mit dem Finger an die Stirn getippt. Den angebotenen Schwarzkittel (vermutlich eines Anwalts) lässt er sich dann gefallen. Auch, dass er am Ende mit Sachs gemeinsam ganz wortwörtlich im Regen steht, ist ernsthaft diskutabel. 

Aber Lowery wollte wohl den Meistersingern die Meistersinger austreiben. Er verkleinert nicht nur das Kulissenbürgerhaus und den Brunnen davor – aus welchen Gründen auch immer – im folgenden Bild. Vor allem verkleinert er dauerhaft mit Hans Sachs einer der wenigen wirklich nachvollziehbaren und vielschichtigen Menschen im Wagneruniversum so, dass nur eine schlecht kostümierte Karikatur übrig bleibt. Zum Politischen im Stück und seiner Rezeptionsgeschichte müssen sich dann weder dieser Sachs noch der Regisseur noch irgendwie verhalten, weil dem jeder Resonanzraum entzogen ist.

Das Mannheimer Ensemble hat es in diesem Rahmen nicht leicht, schlägt sich aber alles in allem zwar nicht in idealer Besetzung, doch respektabel. Alexander Soddy braucht am Pult des Orchesters eine Weile um die Balance zwischen Graben und Bühne zu finden, was ihm aber im Laufe des Abends immer besser gelingt. Von den Protagonisten können sich einige weniger, andere mehr überzeugend behaupten.

Tilman Unger ist als Stolzig sicher aber etwas eng und auch Marie-Belle Sandis ist als Magdalene etwas kleinformatig. Astrid Kessler schlägt sich als Eva respektabel. Am überzeugendsten ist von Beginn an der Beckmesser von Joachim Goltz, während Thomas Jesatko einige Zeit braucht bis er seinen Hans Sachs ausfüllt und gleichsam gegen seine szenische Schrumpfung verteidigt. Die übrigen Meister sind durchweg solide besetzt. 

Das Mannheimer Premierenpublikum würdigte die Akteure und ließ auch Lowerys very britische Sicht auf die immer noch recht deutsche Oper Wagners passieren.

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