Makellose Märchenoper – Thierry Escaichs „Shirine“ wurde an der Oper Lyon uraufgeführt


(nmz) -
So etwas gibt es manchmal. Alle machen alles irgendwie richtig und trotzdem fehlt am Ende etwas. Im Falle der neuen Oper des französischen Komponisten und Organisten Thierry Escaich ist das so. Ein Bericht von Jörn Florian Fuchs aus Lyon. Er konstatiert: „Man folgt allem durchaus gerne, es gibt schöne Schauwerte mittels häufig wechselnder, leicht übernaturalistischer Settings (Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Wojciech Dziedzic), aber die szenischen und musikalischen Funken fehlen.“
11.05.2022 - Von Jörn Florian Fuchs

Escaich brachte 2013 seinen Erstling „Claude“ in Lyon heraus (Regie Olivier Py, Libretto vom Ex-Justizminister Robert Badinter), eine musikalisch wie szenisch messerscharf gebaute Geschichte um Gewalt, Homosexualität und die Todesstrafe. Das Stück funktionierte so gut, dass der damalige Intendant Serge Dorny (der mittlerweile an die Bayerische Staatsoper wechselte) ein weiteres Werk bei Escaich in Auftrag gab. Dabei brachte er, eine seiner Spezialitäten, wieder einen zeitgenössischen Komponisten mit einem opernlibrettomäßig eher fachfremden Dichter zusammen. Dornys Nachfolger in Lyon, Richard Brunel, hat es gleich selbst inszeniert und dies durchaus mit Fortune.

„Shirine“ handelt von der gleichnamigen Perserprinzessin, die der Dichter Nizami um 1200 in eine bis heute über die arabische Welt weit hinaus einschlägig bekannte Märchenfabel packte. Goncourt-Preisträger Atiq Rahimi hat daraus für Lyon ein fein poetisches Libretto gebastelt. Shirine (fabelhaft liebesschmollend und sehnsuchtslyrisch interpretiert von Jeanne Gérard) wird von einer ganzen Reihe Männer begehrt, Khosrow (zu blass: Julien Behr) ist der ‚eigentliche welche‘, Künstler Chapour (war als Claude in „Claude“ damals deutlich besser: Jean-Sébastien Bou) umgarnt die Schöne ebenso wie Farhâd (die beste männliche Stimme: Florent Karrer), der zwar nicht gerade Berge für Shirine versetzt, aber immerhin aus einem Berg ein Pferd herausmeißelt. Streifen wir noch kurz Khosrows Sohn (solide Stephen Mills) und die armenische Königin Chamira (stark Majdouline Zerari), die ebenfalls in Khosrow verliebt ist. Der Rest sind Verwicklungen, die doch über das gewohnte Maß bei solch einem Stoff hinausgehen. Shirine jedenfalls entgeht allen Avancen letztlich nur durch Selbstmord.

Richard Brunel inszeniert sauber, klar, mit gutem Timing und bisweilen herzhaftem szenischen Zugriff. Thierry Escaich schreibt eine flirrend aufgefächerte Musik voller Akkordballungen, viel Flächigem, nur wenigen Tiefenstrukturen und noch weniger emotionalen Ausbrüchen. Alles klingt irgendwie richtig und passend zu den jeweiligen Situationen, allein es fehlen Momente von Transzendenz, vom Ausbrechen oder Überschreiten (s)einer gemäßigten Tonsprache. Die Gesangslinien bewegen sich im Bereich mittlerer Avantgarde (genauer formuliert: Parlando mit ein paar ariosen Ausflügen).

Man folgt allem durchaus gerne, es gibt schöne Schauwerte mittels häufig wechselnder, leicht übernaturalistischer Settings (Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Wojciech Dziedzic), aber die szenischen und musikalischen Funken fehlen. Auf der Habenseite steht freilich der Zuspruch eines zu erheblichen Teilen jungen Publikums, das hier – wie man so schön sagt – abgeholt wird und einen mittelanspruchsvollen Abend ohne größere intellektuelle und sonstige Tücken erlebt.

Franck Ollu ist am Pult des Lyoner Opernorchester mäßig gefordert und macht seine Sache sehr gut, der in auffällig bunten Ethno-Klamotten gewandete Chor (die Hauptprotagonisten tragen eher mittelschicke Couture aus westlicheren Regionen) wurde von Denis Comtet perfekt präpariert.

„Shirine“ in Lyon – kann man machen, muss man aber nicht. Warten wir auf Escaichs Drittling, vielleicht ist da wieder mehr Verve drin.

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