Münchens Gärtnerplatztheater landet mit „My fair Lady“ einen weiteren Spielplan-Hit


(nmz) -
„Deutsch und Spanisch sind für Ausländer zugänglich: Englisch noch nicht einmal für einen Engländer!“ stellte George Bernard Shaw im Vorwort zu seinem Drama „Pygmalion“ ironisch fest. Aus dem Schauspiel machten Alan Jay Lerner und Frederick Loewe 1956 einen Musical-Welterfolg, dem erst 1984 eine Inszenierung am Gärtnerplatztheater folgte: Cornelia Froboess, Helmut Griem, Lambert Hamel und Regisseur August Everding zündeten einen Dauerbrenner – 234 Vorstellungen bis 2011. Die Messlatte für die Neuinszenierung lag also hoch.
14.02.2018 - Von Wolf-Dieter Peter

Viel sonst eher theaterfernes „Tout Munich“ saß in der Premiere, um den Wechsel von Cornelia Froboess in die Mutter-Rolle der Mrs. Higgins und das Musical-Debut Friedrich von Thuns als Oberst Pickering zu erleben. Doch nicht nur die beiden, die gesamte Produktion und alle Beteiligten wurden mit vielfachem Szenenapplaus, am Ende mit einhelligem Jubel, Marschbeifall und standing ovations gefeiert. Neben den für den Rest der Saison ausverkauften „Priscilla“-Vorstellungen (vgl. nmz-online vom 15.12.2017) hat Münchens Opéra comique einen weiteren Hit… dem nur ein Erdenrest anhaftet.

„Die Sprache macht den Menschen, die Herkunft tut es nicht“ heißt es im Text – und da will Intendant und Regisseur Josef E. Köpplinger einen eigenen Akzent setzen. Mit Co-Autor Stefan Bischoff hat er eine „Münchner Textfassung“ erstellt: aus den vermeintlichen Niederungen des Bayerischen soll Eliza in Hochdeutsch-Höhen emporerzogen werden. Statt Berliner Kodderschnauze oder „Weana Schmäh“ sollte bajuwarischer Rindstein-Dialekt erklingen. Doch mit dem Wiener Volksopern-Edelstein Robert Meyer als kapitalem Müllkutscher Alfred P. Doolittle, mit dem souverän überheblichen Professor Higgins des am Wiener Josephsstadt-Theater tätigen Salzburgers Michael Dangl und der krawallig kratzbürstigen Eliza der Oberösterreicherin Nadine Zeintl wurde es ein Dialekt-Mischmasch – reichlich un-münchnerisch, durch die breiten Vokale des Rest-Bayerisch nicht so dialog-schnell wie das fetzige Berlinerisch, dennoch aber unverwüstlich amüsant. Wenn der in Musizier-Tempo und Timing der Einsätze fabelhafte Andreas Kowalewitz künftig noch ein bisschen Orchesterlautstärke zurücknimmt, wenn Cornelia Froboess der Professoren-Mutter noch mehr trockenen Witz und Friedrich von Thun seinem Pickering ein bisschen mehr Offiziersstatur verleihen, wird das Bühnenfeuerwerk noch mehr funkeln und blitzen.

Temporeich

Regisseur Köpplinger hat wegen der dem Werk zugrundeliegenden Standes- und Klassenunterschiede alles im Jahr 1912 der Vorlage belassen – und Marie-Luise Waleks Kostüme und Hüte sind eine Augenweide. Rainer Sinells Haus bietet rasant schnell auf der Drehbühne fabelhaft charakterisierende Fassaden zwischen Covent Garden, Kneipenvorplatz, Wimpole Street und Markt, einmal eine Tribüne fürs Pferderennen in Ascot, einmal einen Wintergarten und im Zentrum immer wieder ein herrliches Studierwohnzimmer. Dort wird Higgins zwischen Bücherwänden, Grammophon und Sprechwalzen-Geräten von einer hübsch ausdifferenzierten Dienerschaft und der stattlich mütterlichen Hausdame Mrs. Pearce von Dagmar Hellberg so um- und versorgt, dass seine Junggesellenattitüden glaubhaft sind.

Temporeich wie Szenenwechsel und die pointierte Dialogregie ist auch Karl Alfred Schreiners Choreographie, in der stilisierte Ascot-Steifheit der Upperclass kontrastiert zum handfesten Wirbel der „arbeitenden Bevölkerung“. Der unbedarfte Freddy von Maximilian Mayer brilliert tenoral. Dem Higgins von Michael Dangl glaubt man Shaws berühmten Satz, dass er „Gräfinnen wie Putzfrauen und Putzfrauen wie Gräfinnen“ behandle und er ist als Sprach-Klang-Wissenschaftler auch perfekt in „Mehr-als-Sprechgesang“. Nadine Zeintl bringt Fallen, Stürzen, Tanzen des Straßenkinds und allmähliche „Haltung“ einer jungen Lady bewundernswert zusammen. Dann singt sie ihr „Ich hätt‘ getanzt heut Nacht“ so glückstrahlend, dass man ihr die Verletzung durch Nichtbeachtung nach dem – dramaturgisch geschickt – ausgelassenen, nur erzählten Ball-Erfolg abnimmt. Und ihre Rückkehr ins Haus Higgins wirkt so offen, dass Köpplingers Regieraffinesse die Schwebe zwischen Happyend im Musical und Shaw-Aussage „Eliza heiratet Freddy“ hält. Der Beifall für seine Sprechszene „Ich bin einer Untermensch…“ krönt nur die rundeste Leistung des Abends: dem „Bühnenviech“ von Robert Meyers Müllkutscher Doolittle glaubt man alles, den Suff, die Dennoch-Lebenslust im wuchtig derben Tanz, die Bauernschläue beim „Verkauf“ Elizas an Higgins, das Leiden am und die Verfallenheit ans große Geld vom US-Millionär – eben den „Fingerhut voll Glück“. Sie alle zusammen beweisen, dass präzise Kostüme, charakterisierender Tanz, schmissige Musik mit strahlendem Gesang und bissig intelligente Dialoge ein Werk der „leichten Unterhaltung“ zu dem machen können, was es im Kern ist: hinter allem Amüsement die Entlarvung sozialer Wirklichkeit.