Via Wüste in die Humanität – Musical „Priscilla“ im Münchner Gärtnerplatztheater


(nmz) -
Ist in Paul Abrahams Operette „Roxy und ihr Wunderteam“ zu fragen, ob nicht Frauen die besseren Männer sind (nmz.de/online vom 10.12.2017) – so dominiert in und nach der Münchner Premiere der Musical-Fassung des Film-Hits „Priscilla – Königin der Wüste“ von 1994 eher das Gegenteil: Männer sind die besseren Frauen… oder nein: der ganze Gender-Kram ist eigentlich egal – Hauptsache: Mensch!
15.12.2017 - Von Wolf-Dieter Peter

Nach einer Minute war alle Skepsis beiseite gefegt: die drei für die Musical-Fassung hinzuerfundenen „Diven“ – die mal als alter ego oder als traumhafte Ergänzung der drei Protagonisten oder als kommentierender „Chor“ auftreten – fingen als libellenhafte Traumwesen auf dem Dach des „Cacatoo“-Clubs zu singen an „It’s raining men“; dazu schwebten im Gegenlicht aus dem Bühnenhimmel wie Batman-Silhouetten sieben fabelhaft trainierte Kerle herab, warfen ihre Regenmäntel ab und tanzten (hier wie durchweg spritzige Choreographie von Melissa King) als Bodybuilder-Ballett ironisch fetzig los… der Zuschauerraum explodierte förmlich, frenetischer Beifall und begeisterter Jubel übertönten Musik und Gesang. Von da an, über die Pause hinweg bis zum Ende schwebte das London-New-Yorker Exzellenzsiegel über dem Abend: „A stunning Show!“

„A stunning Show!“

Der Erdenrest des fulminanten Abends sei nicht unterschlagen: die Aussteuerung der vielen Mikroports klang im ersten Teil befremdlich „unterprobiert“, was auch die Wirkung einiger feiner Dialogszenen bedauerlich minderte; die per Live-Video groß projizierten Szenen aus dem Inneren des Busses wirkten durch Asynchronität und Premierenhektik eher nur umständlich; auch bei einigen Umbauten der meisterlich vielfältigen Bühne von Jens Kilian hakte es noch etwas.

Doch das minderte die fesselnde Kraft der Bühnenfassung gegenüber dem Film nicht. Das ist auch der neuen musikalischen Fassung zu danken, denn Dirigent Jeff Frohner hat mit Urfassungs-Arrangeur Stephen Murphy das Orchester fast auf das Dreifache vergrößert, was der Farbigkeit der vielen Songs zwischen Jerome Kern und Tina Turner zugutekam – bis hin zur „Sempre libera“-Nummer aus Verdis „Traviata“.

Auf der Filmleinwand steht natürlich die Wirkung des „Roadmovies“ oft im Vordergrund, die Fahrt dreier Drag-Queens im „Priscilla“ getauften alten Bus durch die australische Wüsten-Landschaft von Sydney hin zum Engagement im Outback-Kaff Alice Springs.

Theaterhandwerk der Sonderklasse

Die Bühnenfassung betont aber drei unterschiedlich „andere“ Lebensläufe und Gil Mehmerts fein ausdifferenzierte Regie akzentuierte dies. Da ist der auf „Spaß“ und sexuelle Abenteuer jugendlich fixierte Adam, der mit anzüglichen Sprüchen seines losen Mundwerks und Anmache-Gehabe prompt seine erste Vergewaltigung durch testosteron-dumpfe Bergarbeiter durchleiden muss, aber am Ende doch den weiteren Lebensweg von Tour-Organisator Tick miterleben will (was dem geschmeidig kessen Terry Alfaro als „Venus“-Typ mal frech ranschmeißerisch, mal ironisch tuntig gelang). Die Hauptfigur Tick ist bisexuell, hat Frau und Sohn vor acht Jahren verlassen, in Sydney eine mittelmäßige Karriere als Transvestit gemacht und fühlt sich herausgefordert, den Nachfragen seines Sohnes persönlich gegenüberzutreten (dafür war der virile Armin Kahl eine perfekte Besetzung, der die „Misch-Lebensform“ perfekt verkörperte und von Regisseur Mehmert zu glaubhafter Zwiespältigkeit geführt wurde).

Dritter im Bunde ist in Selbstcharakteristik die oder der „alte, abgewrackte Flugsaurier Bernadette“, ein operierter Transsexueller, der eben seinen jungen Partner verloren hat – und nun „on the road“ ein neues Glück findet, ja Gemeinsamkeit wagt: mit Bob, einem aus einer schlechten Ehe aussteigenden Mann (gekonnt gradlinig einfach Frank Berg); was Erwin Windegger da als reifer Transen-Star der australischen Truppe „Les Girls“ spielte, tanzte, in einem wunderbar ironischen Solo die „Kunst der Lippen-Synchronität“ vorführte und „Klasse und Stil“ gegenüber Adams grellem Ego-Sexappeal verkörperte – all das erntete durchweg Szenenbeifall und am Ende Bravostürme.

Atemberaubendes Tempo

Damit ist das Hautverdienst von Gil Mehmerts Regie umrissen: neben aller farbigen „Transen-Show“ in den immer wieder bejubelten, schier überbordenden Kostüm-Träumen von Alfred Mayerhofer erzählte Mehmert überzeugend andere, aber eben anrührend menschliche Lebensgeschichten. Dafür schlug er ein mitunter atemberaubendes Tempo an, fand kontrastierend dazu in fein konzentrierten Dialogszenen „seelische Atempausen“ und formte in der großen Show in Alice Springs einen Höhepunkt. Jens Kilian hat ihm speziell dafür eine rasant wechselnde Vorder-Hinter-Bühnen-Kulisse gebaut, in der mit zunehmend beschleunigter Vorhang-Auf-Zu-Turbulenz und stupenden Kostümwechseln mal die drei Hauptfiguren, mal die drei Diven zu immer schneller abgespielten Songs fast schon wie „menschliche Puppen im alles verschlingenden Show-Biz“ agierten – Beifall-umtostes Theaterhandwerk der Sonderklasse, das mit dem „Together“ aller auf dem Ayers Rock abschloss, dann aber von der das ganze Theater umfassenden „Standing Ovation“ noch einmal als „Encore“ erzwungen wurde. Mit dieser Deutschen Erstaufführung hat das Gärtnerplatztheater nicht nur bewiesen, dass es nach fünf erfolgreichen Jahren in der Reithalle auch im edel renovierten Haus, im Guckkastentheater „funken“ kann, sondern auch dem deutschsprachigen Unterhaltungstheater ein popig-peppiges „Feuer-Werk“ hinzugefügt.