Tutti-Finale unter dem Zementsilo – „berlin westhafen – umschlagplatz klang“


(nmz) -
Der Berliner Westhafen war zeitweilig Deutschlands zweitgrößter Binnenhafen. Der Schweizer Künstler Daniel Ott bespielt das Gelände mit seiner Landschaftskomposition „berlin westhafen – umschlagplatz klang“. Mit dabei sind sieben Ensembles aus Berlins Freier Szene.
15.06.2022 - Von Antje Rößler

Der Abend verspricht sonnig und mild zu werden. 200 Besucher versammeln sich an der Pforte des Hafengeländes; sie werden mit Warnwesten und tragbaren Angel-Sitzhockern ausgerüstet. Von der Balustrade der monumentalen Hafen-Verwaltung bläst ein Posaunist zum Abmarsch. Auf geht’s zum Klangspaziergang entlang der Hafenbecken; vorbei an Lagerhallen und Kränen, Gleisanlagen und Container-Burgen.

Mitte Juni wurde der Westhafen drei Abende lang zum Klangraum, als sich sieben Berliner Ensembles für das Projekt „berlin westhafen – umschlagplatz klang“ zusammenschlossen: KNM, Solistenensemble Kaleidoskop, LUX:NM, ensemble mosaik, Zafraan, Adapter sowie Apparat. Insgesamt mehr als hundert Mitwirkende unter Regie von Enrico Stolzenburg. Ein riesiger logistischer Aufwand wurde hier in Zusammenarbeit mit der Hafen- und Lagerhausgesellschaft Behala betrieben.

Kreativer Kopf des Ganzen ist der Schweizer Künstler Daniel Ott, der vielseitig im Bereich Experimentelles Musiktheater tätig ist und zur Leitung der Münchener Biennale gehört. Sein Markenzeichen sind so genannte Landschaftskompositionen, mit denen er schon den Sassnitzer Hafen auf Rügen oder den Wallfahrtsort Heiligkreuz im schweizerischen Hasle bespielt hat. Das Westhafen-Projekt ist eine Weiterentwicklung seines Stücks für den Rheinhafen Basel, das 2006 aufgeführt wurde.

Dass der Westhafen inspirierend wirkt, ist nachvollziehbar. Berlins wichtigster Umschlag- und Lagerplatz ist über Spree und Havel in das überregionale Wasserstraßennetz integriert sowie an den Güterbahnverkehr angeschlossen. 1923 wurde der Hafen in Betrieb genommen. Die historischen Gebäude mit ihren dunkelvioletten Klinkerfassaden und neoklassizistischen Giebeln, Gauben, Gesimsen stehen unter Denkmalschutz.

Ott und Stolzenburg bespielen das Gelände in drei Kapiteln. Den Auftakt macht ein Klang-Spaziergang entlang des Hafenbeckens 1. Da läuft eine Flötistin über knirschenden Kies; Saxophonisten schwimmen auf einem Floß vorbei. Am Schrottplatz musizieren sechs Geiger zwischen geöffneten Container-Wänden, die den Effekt einer Konzertmuschel erreichen.

Spektakulär wirkt die Bläserriege, die hoch oben auf dem Schwerlastkran apokalyptische Fanfarenklänge in den Abendhimmel bläst. Das Publikum knipst, was das Zeug hält, ist doch all das visuell sehr beeindruckend und Instagram-tauglich. Am Ende des Hafengeländes sitzt ein Saxophonist am Wasser, der Möwenschreie imitiert. Ein Beispiel dafür, wie Otts Instrumentalklänge den Charakter des Ortes unterstreichen.

Was zunächst als freie Improvisation erscheint, ist in Wahrheit minutiös auskomponiert. Jeder Musiker hat auf seinem Pult genaue Zeitangaben verzeichnet. Leitthemen stiften Einheit. Markant ist ein rhythmisches Motiv mit Triolen-Auftakt und abrupten Pausen. Schlagwerker lassen ihre Schlegel auf Pfosten, Geländern, Greifhaken oder der Motorhaube eines Schüttgut-Förderbandes tanzen.

Das rhythmische Motiv wechselt oder überlappt sich mit liegenden Bläser-Akkorden, aufgeregten Streicher-Tremoli oder aber Musette-Bruchstücken, die vom Akkordeon vorgetragen werden.

Im zweiten Teil geht es zum einstigen Getreidespeicher, wo acht Musiker über den Vorplatz tönen. Später stehen rund um das Hafenbeckens 2 mehrere Bläser-Grüppchen, die wie Schiffshörner über das Wasser schallen. Nähe und Ferne werden zu entscheidenden musikalischen Parametern.

Das musikalische Material ist zwar begrenzt. Langatmig wird der dreistündige Abend dennoch nicht, weil es auf dem Gelände so viel zu sehen gibt und sich zudem ein faszinierender Kontrapunkt mit den Umgebungsgeräuschen einstellt.

Mal holpert ein Güterzug über die Schienen, dann ruckelt eine Weiche. Eine Lok faucht beim Abkoppeln; in der Ferne beschleunigt ein Auto. Musik und Hafengeräusche verbinden sich zu einem neuen Ganzen. Daniel Otts Klänge schreiben sich in die Industrielandschaft ein, drängen sich nicht vor, loten die akustischen Möglichkeiten der Umgebung aus.

So entfaltet dieser spröde Industrieort eine eigentümliche Schönheit. Als sich der rosige Abendhimmel im Wasserbecken spiegelt und der Vollmond erhebt, breitet sich andächtige Stimmung aus.

Schließlich treffen sich alle beteiligten Musiker zum Tutti-Finale unter dem dramatisch beleuchteten Zementsilo. Jonathan Stockhammer und Miguel Pérez Iñesta schwingen die Taktstöcke. Was zuvor einzeln erklang, wird nun orchestral resümiert.

Beim Verlassen des Geländes rumpelt ein leerer Lastwagen über das Kopfsteinpflaster in die Hafen-Einfahrt. Das könnte noch ein Bestandteil von Otts Landschaftskomposition sein – aber der Westhafen erwacht bereits zur neuen Arbeitswoche.

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