Der Musikwissenschaftler Matthias Pasdzierny ist seit 2007 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Berliner Universität der Künste, seit 2024 dort Akademie-Juniorprofessor; eine Stelle, die gemeinsam von der UdK und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) getragen wird. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Exil-und Nachkriegskultur, Neue Musik, Techno und Tonmedien.Von 2019 bis 2024 war Pasdzierny reguläres Mitglied der 2013 gegründeten Arab- German Young Academy of Sciences and Humanities (AGYA), seit 2024 nun Alumnus, jedoch weiterhin im Geschehen der Akademie aktiv. Was genau die AGYA eigentlich macht, wie viel sie im kulturpolitischen Austausch zwischen Deutschland und den arabischen Ländern bewirken kann und inwiefern die AGYA und ihre Mitglieder tatsächlich mitten im Zentrum der Nahostkonflikte und den daraus resultierenden interkulturellen Spannungen stehen, verriet Matthias Pasdzierny der nmz im Interview.
Matthais Pasdzierny. Foto: privat
Deutsch-arabischer Kulturaustausch in Krisenzeiten
neue musikzeitung: Herr Pasdzierny, warum gibt es die „Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities“ (kurz AGYA), was ist die Zielsetzung dieser Akademie?
Matthias Pasdzierny: Ich leite es mal geschichtlich her: Die AGYA fußt auf bereits existierenden Akademieprojekten wie der „Jungen Akademie“. Zielgruppe dieser Jungen Akademien sind Wissenschaftler:innen, die sich frisch im Postdoc befinden; wissenschaftlicher Nachwuchs sozusagen, der aber schon antragsberechtigt ist und eigenständig handeln kann. Diesen Wissenschaftler:innen soll durch die Jungen Akademien ein interdisziplinäres Netzwerk eröffnet werden, um ihre Forschungen und Kontakte voranzutreiben. Um die Zeit des arabischen Frühlings hatten dann zwei damalige Mitglieder der Jungen Akademie den Aufbau der Deutsch-Arabischen Jungen Akademie – quasi als „Spin-Off“ der Jungen Akademie – initiiert, mit dem Ziel, auf der Hoffnungswelle des arabischen Frühlings wissenschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen Deutschland und den arabischen Ländern zu befördern, aber auch Wissenschaftler:innen innerhalb der arabischen Länder miteinander zu vernetzen, die bislang oft institutionell und wissenschaftlich isoliert voneinander tätig waren.
Hauptfinanzier war von Anfang an das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), und deren Idee bezüglich des AGYA-Projekts war sicherlich auch, einen gewissen Brain-Drain zu erzeugen, also gezielt hochkarätige Wissenschaftler:innen aus der arabischen Welt nach Deutschland abzuwerben.
nmz: Stichwort Naturwissenschaftskollegen: Die AGYA konstituiert sich als betont interdisziplinäres Netzwerk. Wie steht es innerhalb der AGYA aber speziell um die Musikwissenschaft?
Pasdzierny: Die Musikwissenschaft ist dort schon ein ziemlicher Exot. In der Geisteswissenschaft gibt es immer viele Bewerbungen aus dem Bereich der Islamwissenschaft, Politikwissenschaft und Soziologie; Kunstgeschichte und Musikwissenschaft leider eher selten. Die Bewerber:innen aus den arabischen Ländern sind zum Großteil aus den Naturwissenschaften. Es gab neben mir zu der Zeit nur einen anderen Musikwissenschaftler.
In der AGYA hatten viele zunächstdie Vorstel lung, Musikwissenschaftler:innen seien die, die selber komponieren und die Events bespaßen. Diese Rolle musste ich während meiner Zeit erstmal abschütteln und klar machen, dass Musikwissenschaft schon auch eine ernst zu nehmende Geisteswissenschaft ist.
nmz: Wenn die Musikwissenschaft in der AGYA eher der Exot ist, wie kam es überhaupt dazu, dass Sie AGYA-Mitglied wurden?
Spannende Person
Pasdzierny: Ich habe mich damals beworben aufgrund meiner Forschung zu Brigitte Schiffer. Aus dem Exil-und Nachkriegs-Forschungsprojekt an der UdK hatte ich besonderes Interesse an der Emigrantin, Komponistin, Musikwissenschaftlerin Brigitte Schiffer entwickelt, die durch ihre Flucht vor dem Nationalsozialismus 30 Jahre in Kairo gelebt hat und eine der wichtigsten Figuren des Kairoer Musiklebens wurde. Sie hat dort eine Musikhochschule geleitet, war zeitweise Mitarbeiterin im Kultusministerium, gleichzeitig Verfechterin der Neuen Musik; eine unheimlich spannende Person. Ich hatte von Berlin aus viel über ihre Zeit in Deutschland und London herausfinden können, aber die 30 Jahre in Kairo blieben ein blinder Fleck. Meine Hoffnung war also, durch die AGYA und die Möglichkeit, wissenschaftlich durch die arabischen Länder reisen zu können, an mehr Informationen zu gelangen. Das hat sich dann schnell bewährt. Außerdem hat mir die Interdisziplinarität im AGYA-Netzwerk bei der Forschung sehr weitergeholfen, zum Beispiel habe ich mich mit einer tunesischen Literaturwissenschaftlerin zusammengetan, die mir half, Schiffers Kairoer Briefe ins Arabische zu übersetzen, um sie für dortige Forschende zugänglich zu machen. Ein anderes sehr interessantes interdisziplinäres Projekt, an dem ich mich vor kurzem erst beteiligte, war eines zum Thema Techno – was bei meinen arabischen Kolleg:innen sowieso immer ganz gut ankam. Da habe ich jetzt zusammen mit einem Kollegen aus dem Oman, der im Bereich Sportpädagogik tätig ist, ein Projekt gemacht, bei dem es darum ging, zu schauen, inwieweit Techno im Fitness-Bereich dabei helfen könnte, Menschen auf der arabischen Halbinsel zu mehr Bewegung und Sport zu motivieren. Dazu haben wir gemeinsam Surveys und statistische Erhebungen durchgeführt. Das sind Forschungsideen, auf die ich ansonsten gar nicht gekommen wäre.
nmz: Sie waren in Zusammenhang Ihrer AGYA-Mitgliedschaft viel auf Reisen in den arabischen Kooperationsländern. Konnten Sie bei Ihren Besuchen vor Ort für sich neue Erkenntnisse oder aufschlussreiche Momente bezüglich der Musikkultur des Nahen Ostens gewinnen?
Pasdzierny: Am häufigsten war ich in Kairo und dort habe ich viel in der elektronischen Musikszene erlebt. Ich wusste vorher nur, dass es diese Szene gibt, aber live vor Ort zu entdecken, wo es Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zur europäischen Szene gibt, war schon aufschlussreich. Sehr prägend waren außerdem die Perspektiven rund um den Postkolonialismus-Diskurs, die ich vor Ort gewinnen konnte. Brigitte Schiffer hatte damals, Anfang der 1930er- Jahre, noch in Berlin ihre Dissertation im Bereich der vergleichenden Musikwissenschaft – heute Ethnomusikologie genannt – geschrieben, über die Oase Siwa an der ägyptisch-lybischen Grenze. Dort lebt bis heute eine Amazigh-Bevölkerung und Schiffer war im Prinzip die erste Forscherin, die die Musik dieser Menschen beschrieben und auf Wachswalzen aufgenommen hat. Diese Wachswalzen-Tonträger haben wir als Projekt digitalisiert und ein interdisziplinäres Team gebildet mit einer Ethnologin, einer Linguistin und einer Filmemacherin, sind dann gemeinsam dorthin gefahren und haben uns zusammen mit den Einwohnern diese Aufnahmen angehört. „Repatriation“ oder „recirculation“ würde man so ein Vorgehen in der Musikethnologie heute nennen. Das war für mich eines der eindrucksvollsten Forschungsprojekte, auch hinsichtlich unseres eurozentristischen Blicks auf das Thema Postkolonialismus. Da kamen wir nämlich an mit unserem Equipment, verkündeten: „Wir bringen euch eure Musik zurück“, und bekamen als Reaktion: „Wieso, was bringt ihr denn zurück? Wir singen das doch noch jeden Tag“. Das war schon ein Aha-Moment für mich. Im Nachgang zu diesem Projekt gab es dann noch viele Zoom-Interviews mit lokalen Musiker:innen, mit denen wir auch die Musik auf den Walzen nachgespielt und nachgesungen haben. Es sind auch mehrere künstlerische Projekte daraus entstanden. Da hatte ich wirklich das Gefühl, dass eine Forschung aus sich selbst heraus eine unglaubliche Zugkraft entwickeln kann, wie man das sonst selten hat, wenn man nur an seinem Schreibtisch sitzt und seine Essays schreibt.
Frage der Sicherheit
nmz: Nun liegen derzeit aus anderen unschönen Gründen alle Augen auf dem Nahen Osten: Der neu entfachte Iran-Krieg und zuvor bereits der lang anhaltende Gaza-Konflikt. Inwieweit haben diese Kriegs- und Krisenzustände die interkulturelle Arbeit der AGYA beeinträchtigt?
Pasdzierny: Einschneidend für die Arbeit der AGYA waren vor allem die Ereignisse des 7. Oktobers. Der jetzige Konflikt mit dem Iran bislang gar nicht so sehr; hier ist es gerade eher eine Frage der allgemeinen Sicherheit, natürlich in erster Linie und teilweise auf dramatische Weise für die Kolleg:innen vor Ort, etwa in Beirut, aber auch eine logistische Frage, in welchen Ländern und Städten derzeit noch Reisen und Meetings möglich sind oder nicht. Der 7. Oktober hingegen war für die Verhältnisse und Kommunikation innerhalb der AGYA sehr verheerend. So ein Projekt wie die arabische Übersetzung der Schiffer-Dokumente wäre jetzt, nach dem 7. Oktober und dessen Folgen, glaube ich, nicht mehr möglich, weil Brigitte Schiffer selbst jüdisch gewesen ist und auch mit dem Staat Israel Verbindungen hatte. Darüber mussten wir auch vorher schon lange und kontrovers diskutieren; zum Beispiel haben wir Archivstandorte und Archivsignaturen einzeln verhandelt.
nmz: Einen weiteren internen Konfliktherd könnte man darin vermuten, dass einige der Kooperationsländer wie Saudi-Arabien, die VAE oder Ägypten immer wieder aufgrund von mangelhafter Presse- und Wissenschaftsfreiheit in der Kritik stehen. Wird das in der AGYA offen thematisiert oder ist das ein rotes Tuch?
Pasdzierny: Ich selbst verstehe die Initiative der AGYA auch immer als Versuch, einen kritischen, über Landesgrenzen hinweg tretenden Wissenschaftsdiskurs aufzubauen, in Richtung einer „Soft Power“. Wir sind, was die politischen Zustände angeht, aber natürlich auch nicht verblendet. Ich war für meine Forschungen wie gesagt häufig in Ägypten und dort herrscht eine Polizei- beziehungsweise Militärdiktatur. Das hat mit einer Demokratie nach unserem Verständnis nichts zu tun. Ich denke aber, es wäre ebenso vermessen, als außenstehende Europäer von hier aus Demokratie-Missionare spielen zu wollen. Ich glaube, die AGYA-Methode des intensiven Kulturaustausches ist dabei eine wesentlich nachhaltigere Herangehensweise: zum Beispiel die ägyptischen Wissenschaftler:innen einzuladen, sich die politischen Zustände und das Wissenschaftsverständnis in Deutschland anzusehen, dann wiederum selbst nach Ägypten zu gehen und zu versuchen, gegenseitig die kulturellen und politischen Perspektiven anzureichern. Das ist meines Erachtens auch eine Lehre, die man aus den Folgen des arabischen Frühlings ziehen sollte. Und der Blick in den Nahen Osten kann sich hier und da auch für uns in gesellschaftspolitischer Hinsicht lohnen. In vielen arabischen Ländern ist es beispielsweise ganz selbstverständlich, dass in der Wissenschaft überall Frauen in Führungspositionen sitzen, oftmals mit viel besseren Quoten als in Deutschland, besonders in den MINT-Fächern. In Saudi-Arabien etwa gibt es sehr viele MINT-Professorinnen. Da kommt man mit den gängigen Stereotypen schnell ins Grübeln und fragt sich: Woran genau kann ich denn jetzt messen, wie „modern“ eine Gesellschaft ist?
nmz: Würden Sie also konkludieren, dass Projekte wie die AGYA tatsächlich Potenzial haben, auch in größerem Rahmen interkulturelle Verhältnisse nachhaltig zu verbessern?
Pasdzierny: Ich würde sagen ja, auf jeden Fall. Das mag mittlerweile zwar ein Klischee sein, weil man es schon so oft gehört hat, aber es sind wirklich vor allem die persönlichen Begegnungen und Erfahrungen, die man im Zuge solcher Netzwerke und Austauschprogramme macht, auf die es ankommt. Diese persönliche Ebene ist durch nichts zu ersetzen und hat mir immer wieder verdeutlicht: Man kann zu fast allen politisch noch so brisanten Diskursen Lösungen finden, wenn man persönlich im Gespräch bleibt.
nmz: Eine hoffnungsvolle Perspektive, vielen Dank! Abschließend: Die AGYA hatte bis zum 23. März zu neuen Bewerbungen aufgerufen. Was müssen Interessierte mitbringen, um eine Chance auf Mitgliedschaft zu haben?
Pasdzierny: Die AGYA ist allen voran eine wissenschaftliche Akademie, das heißt Künstler:innen werden leider nicht angenommen, es sei denn natürlich, sie sind wissenschaftlich promoviert. Die Promotion ist im Grunde die Hauptvoraussetzung. Die AGYA spricht offiziell von einem Zeitraum binnen 3 bis 10 Jahren nach dem promovieren, in dem man für eine Mitgliedschaft in Frage kommt, das ist je nach Bewerber:in und Fachbereich aber manchmal auch verhandelbar. Man muss eine Affiliation entweder in einem arabischen Land oder in Deutschland haben, aber nicht zwangsläufig aus diesen Ländern stammen. Die „Amtssprache“ innerhalb der Akademie ist englisch; Arabisch- oder Deutschkenntnisse sind keine Voraussetzung. Wir haben den Kreis an potenziellen Mitgliedern bewusst relativ groß gezogen, um eine möglichst breit gestreute Interdisziplinarität und Interkulturalität zu ermöglichen
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