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Musikratspräsidentin Lydia Grün. Foto: Raumfotografin Barbara Meyer-Selinger

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Freie Kultur als Puls einer offenen Gesellschaft

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Start der bundesweiten Initiative „Demokratie sowieso!“ – DMR-Präsidentin Lydia Grün im Gespräch
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Im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vor­pommern und Berlin im September 2026 greifen radikale Kräfte die Frei­heit der Kunst gezielt an, schüren Ver­unsicherung, propagieren Ausgren­zung und stellen demokratische Grund­werte zunehmend infrage. Dem will der Deutsche Musikrat gemeinsam mit zahlreichen Partnerinnen und Partnern mit der Initiative „Demokratie sowie­so!“ eine klare, positive Botschaft ent­gegensetzen. Zum Start der bundes­weiten Musikrats-Initiative führte nmz- Chefredakteur Andreas Kolb ein Inter­view mit der Präsidentin des Deutschen Musikrats, Lydia Grün. 

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neue musikzeitung: Im Wahljahr 2026 hat der Deutsche Musikrat die Initiati­ve „Demokratie sowieso“ aus der Taufe gehoben. Seit langem hat sich der Mu­sikrat nicht mehr so dezidiert politisch geäußert. Warum gerade jetzt? 

Lydia Grün: Wir sehen den Deutschen Musikrat – als den größten nationalen Dachverband des Musiklebens – in ei­ner besonderen Verantwortung. Durch unsere Mitgliedsverbände vertreten wir fast 17 Millionen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes in einem der wichtigsten Bereiche für die Zivilge­sellschaft: dem musikalischen Leben. Das braucht einen stabilen demokra­tischen Rahmen als Grundlage. Und den sehen wir gefährdet. Das Präsi­dium des DMR hat sich deshalb da­für entschieden, vor den anstehenden Landtagswahlen deutlich zu machen, dass für uns die demokratischen Wer­te, wie sie im Grundgesetz verankert sind, unverhandelbar sind. Zugleich wollten wir dem ‚Negativsprech‘, der in unseren aufgeladenen Zeiten gera­de vorherrscht, etwas Positives ent­gegensetzen. 

Vielstimmig

nmz: Ist der Musikrat ein Spiegelbild der Parteienlandschaft beziehungs­weise der Bevölkerung? 

Grün: Der Deutsche Musikrat ist in jedem Fall vielstimmig – und das ist eine seiner großen Qualitäten. Aus meiner Sicht ist der Raum für Viel­stimmigkeit überhaupt eine Qualität von Demokratie. Die Entscheidung für die Initiative „Demokratie sowieso!“ ist das Resultat vieler Ereignisse und Diskussionen in den verschiedensten Ebenen und Gremien unseres Ver­bands. Nachdem das neue Präsidi­um im Herbst letzten Jahres gewählt war – im Übrigen im Rahmen einer Mitgliederversammlung, die sich in ihrem öffentlichen Teil intensiv dem Thema „Musik und Demokratie“ wid­mete –, beschäftigten wir uns von An­fang an intensiv mit Fragen wie: Was passiert eigentlich gerade in unserem Land und wohin entwickelt es sich? Wie stärken wir zivilgesellschaftliche Kräfte, die für uns als unverhandel­barer Bestandteil der Gesellschaft zur demokratischen Verfassung unserer Gesellschaft gehören? Was können wir als Verband und als Musikleben ins­gesamt zur Stärkung von Demokratie beitragen? Mit der Initiative „Demo­kratie sowieso!“ wollen wir uns zu die­sen Fragen verhalten – und zwar nicht nur reagierend, sondern aktiv und im Schulterschluss mit den Landesmu­sikräten, auch und vor allem jenen in den Bundesländern, in denen die Wahlen anstehen. Beteiligt sind viele Mitgliedsverbände des Musikrats, die sich ebenfalls engagieren wollen, so­wie zahlreiche Musik- und Kulturin­stitutionen bundesweit. 

nmz: Am 10. August dieses Jahres ha­ben Sie die Initiative gestartet: „Demo­kratie sowieso!“ Der Slogan scheint das Ergebnis vorwegzunehmen, denn „sowieso“ heißt „unvermeidlicherwei­se“. Gehört da nicht ein Fragezeichen hin? 

Grün: Für Menschen meiner Generati­on beschreibt „Demokratie sowieso!“ eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Ich bin zum Beispiel in Westdeutsch­land aufgewachsen, habe keine ande­re Staatsform als die Demokratie ken­nengelernt und lebe in der Selbstver­ständlichkeit, dass diese einfach da ist und von allen getragen wird. Aber diese Selbstverständlichkeit, der Kon­sens über den Wert von Demokratie, gerät ins Wanken. Gerade deshalb ha­ben wir hinter das „Demokratie sowie­so!“ kein Fragezeichen gesetzt, son­dern ein Ausrufezeichen. Denn die Initiative drückt selbstbewusst eine Haltung aus: Demokratie ist für uns die Grundlage unseres Zusammenle­bens, sie ist unverhandelbar. Genau das wird durch das Wörtchen „sowie­so“ unterstrichen. 

nmz: Kein Fragezeichen also, aber viele Fragen finden sich auf der Home­page der Kampagne. Hier einige Bei­spiele: „Singen in allen Sprachen?“, „Mit 70 Ukulele lernen? “, „Händel und HipHop in der Schule?“, „Raum für neue Klänge?“ oder „Jede Stimme zählt?“ 

Grün: Mit diesen Fragen wollen wir auf die Vielfalt des musikalischen Le­bens hinweisen, die zunehmend ge­fährdet ist. Wenn wir sagen: „Singen in allen Sprachen?“, heißt das: Ja, das wollen wir, dafür stehen wir ein! Die Fragen, die wir mit den Kampagnen­motiven stellen, stehen somit zwar ex­emplarisch für Kulturelle Vielfalt, aber auch für die Offenheit der Gesellschaft, die wir fördern möchten. Freie Kultur ist die Grundlage unserer offenen Ge­sellschaft: Diese Idee teilen sehr viele Menschen mit uns. Mit der Initiative zeigen wir daher auch: Wir sind viele! Innerhalb der ersten Tage haben sich der Initiative bereits weit über 50 In­stitutionen angeschlossen. Ein Ziel die­ser Kampagne ist es zudem, die Men­schen zu stützen, die sich für Demo­kratie und für ein gutes Miteinander in der Gesellschaft einsetzen, aber ge­rade zunehmend unter Druck geraten. Ihnen wollen wir zeigen: Wir haken uns mit Euch unter! 

nmz: Die Initiative besteht hauptsäch­lich darin, zu vernetzen und Partner zusammenzubringen, die sich vielleicht sonst nicht automatisch gesprochen hätten. Was tut der Musikrat genau? 

Grün: Wir haben mit der Initiative den Stein ins Wasser geworfen – und jetzt müssen diese Botschaften ihre Wir­kung entfalten und sich verbreiten. „Demokratie sowieso!“ ist eine Kom­munikationskampagne und auch – so wie sich der Deutsche Musikrat selbst versteht – ein Netzwerk und ein Dach für viele Menschen, für viele Initiati­ven. Es ist auch eine Einladung: Kom­men Sie auf uns zu, so wie es gerade viele tun, verbreiten Sie die Botschaf­ten der Kampagne im digitalen und analogen Raum und lassen Sie uns so gemeinsam öffentlich Haltung zeigen. Parallel dazu rufen wir in einer zwei­ten Phase prominente Menschen aus der Musik – und natürlich auch aus be­freundeten Künsten oder gesellschaft­lichen Bereichen – dazu auf, auf Social Media mit kurzen Videos unsere Kam­pagne zu unterstützen. Das wollen wir gerade im Kontext der bevorstehen­den Wahlen verbreiten, weil wir sagen: Jetzt gilt’s, jede Stimme zählt. Demo­kratie ist nicht mehr selbstverständ­lich. Jetzt müssen wir uns zeigen. 

nmz: Sie haben eine Werbeagentur da­für engagiert, die Agentur Boros. Das kostet Geld. Gleichzeitig werden vom Bundeskulturbeauftragten Gelder ge­kürzt, gerade in diesem besonderen Bereich der Demokratieförderung. Wie passt das alles zusammen? 

Grün: Uns war es ganz wichtig, dass wir hier professionelle Unterstützung haben und Hilfe von Menschen, die solche großen Initiativen und Kam­pagnen bereits umgesetzt haben. Ich möchte ganz stark betonen: Die Mit­tel für die Kampagne haben wir kurz­fristig durch Spenden akquiriert – von einer privaten Stiftung und von zahl­reichen unserer Mitgliedsverbände, die das Projekt auch finanziell unter­stützen wollten. Dafür danken wir ih­nen herzlich! 

Falsches Signal?

nmz: Der Beauftragte der Bundes­regierung für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland, Wolf­ram Weimer, hat kürzlich die Förde­rung für demokratische Teilhabe und gegen Extremismus von 17 auf 10,6 Millionen Euro reduziert. Das ist ein anderes Signal, was da ausgestrahlt wird. Wie schätzen Sie das ein? 

Grün: Die Reduzierung in diesem Be­reich kann ich nicht gutheißen. Den­noch lassen wir uns davon nicht irri­tieren und sind auch mit dem Bundes­beauftragten zu diesem und anderen Themen im intensiven Austausch. Der Musikrat verkörpert 116 Mitgliedsver­bände, die über ihre Mitglieder einen großen Teil unserer Gesellschaft aus­machen. Wir sind eine starke Stim­me der Zivilgesellschaft und unsere Aufgabe ist es, Impulse in die Gesell­schaft und die Politik zu geben. Ich bin davon überzeugt, dass diese Signale in der Politik ankommen. 

Wir versuchen, immer konstruktiv in eine Debatte hineinzugehen und da auch nicht leise zu sein. Zugleich muss man Entwicklungen etwa im Bereich Förderung und Zuwendung nicht nur mit Blick auf die anstehen­den Wahltermine und aktuelle poli­tische Schwerpunkte begleiten. Wir weisen immer auf die grundsätzlichen positiven Aspekte hin, die wir mit un­serem Bereich – der Musik – in die Ge­sellschaft einbringen können. Diese brauchen langfristig eine angemesse­ne Förderung, und zwar mindestens in dem Maß wie bisher. 

nmz: Sie sind mit „Demokratie so­wieso!“ mitten in einem Konzert von Gruppierungen, die versuchen, hier Bewusstsein zu schaffen. Ich nenne nur Initiativen der Hertie-Stiftung, oder von Bundesprogramm Demo­kratie leben, Demokratie in Baden- Württemberg, Robert-Bosch-Stiftung, Landeszentrale für politische Bildung oder Deutscher Ethikrat. Wie sehen Sie sich in diesem „Konzert der demo­kratiefördernden Initiativen“? 

Grün: An der Vielzahl derjenigen, die jetzt gerade Handlungsbedarf sehen, wird deutlich, wie drängend das Pro­blem ist. Wir können nicht mehr von Selbstverständlichkeiten ausgehen, sondern man muss jetzt offensiv für Werte eintreten und dies auch deutlich sagen. Unser kurzfristiges Ziel ist es, dies deutlich zu machen. 

Langfristig positionieren wir uns mit unserer Kampagne im „Konzert“ die­ser Player. Daraus ergeben sich auf je­den Fall neue, wichtige Verbindungen. Und unsere Initiative lädt andere, die sich ebenfalls für Freiheit, Vielfalt und Offenheit engagieren, ein, mit uns Kon­takt aufzunehmen. 

nmz: Kann man in den Musikverbän­den eine Art Unterwanderung von rechts feststellen? Der Bundesmusik­verband Chor & Orchester (BMCO) un­terstützt Amateurmusivereine aktiv gegen rechtsextremes Gedankengut durch praktische Aufklärung, klare Positionsbestimmungen und konkrete Handreichungen für die Vereinsarbeit vor Ort. 

Grün: Erstmal ist es wichtig, dass es weiterhin Orte der Begegnung und des Austauschs gibt. Viele Probleme unserer Zeit entwickeln sich meiner Meinung daraus, dass Menschen nicht mehr miteinander in Kontakt kom­men, nicht mehr miteinander kommu­nizieren, sondern nur noch in ihren Blasen unterwegs sind. Das ist etwas, womit wir uns als Deutscher Musikrat ganz offensiv auseinandersetzen. Wir haben auch unser Leitbild daher vor Kurzem weiterentwickelt und sagen darin ganz klar: Wir setzen uns für Freiheit, für Vielfalt und für Offenheit ein. Unsere Aufgabe als Musikrat ist es, dazu beizutragen, eine Atmosphäre zu schaffen und zu erhalten, die Dialog möglich macht – und das gemeinsame Musizieren oder Erleben von Musik bietet dafür enorme Chancen.

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„Demokratie sowieso!“

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Die Kampagne „Demokratie sowieso!“ läuft vom 10. August bis Anfang Oktober 2026. Auf www.musikrat.de/sowieso gibt es weitere Informationen zur Initiati­ve und zu den Möglichkeiten der Beteiligung sowie sämtliche Ma­terialien zum Download. Außer­dem finden sich hier Links zu ähn­lichen Initiativen und Hilfs- und Beratungsangeboten bei Anfein­dungen. Im Generalsekretariat des Deutschen Musikrats können zudem kostenlos Aufkleber, Post­karten und Plakate bestellt wer­den.

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