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Der „Drachentöter wider Willen“ wird 90

Untertitel
Erneutes Nachdenken über Wolf Biermann
Vorspann / Teaser

„Um Deutschland ist mir gar nicht bang
Und ich als Weltkind mittenmang
Ob Wissen oder Glauben
Ob Freund, ob Feind, ob Weib, ob Mann
Die liebe Muttersprache kann
Kein Vaterland mir rauben.
Heimweh nach früher hab ich keins
Nach alten Kümmernissen
Deutschland Deutschland ist wieder eins
Nur ich bin noch zerrissen.“

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Paragraphs
Text

Dieser wundervolle Vers steht in Biermanns Autobiographie mit dem Titel „Warte nicht auf bessre Zeiten“ (Prophylaen-Verlag). Der Autor lieferte und liefert bis heute „Klartext im Getümmel“, wie auch eines seiner Bücher betitelt ist. Die Medien fanden und finden in ihm den geborenen Publikumsunterhalter, den tiefsinnigen Denker und gleichzeitig den ewigen Spötter, der er immer war und bleiben wird und noch dazu altersweise, altersmüde, listig, wach und angriffslustig wie eh und je. Der „Drachentöter wider Willen“ feiert nicht nur seinen 90. Geburtstag, sondern auch den 50. Jahrestag seiner Ausbürgerung aus der DDR am 16.11.1976, drei Tage nach seinem epochalen Auftritt in Köln. Das Ausbürgern möge sich nicht einbürgern, riet damals Stefan Heim der Regierung in einem offenen Brief. Es ist alles ganz anders gekommen. Biermann war danach eine historische Figur für mich. Aber seit dem Erscheinen des Buches: „Der Osten, eine westdeutsche Erfindung“ von Dirk Oschmann, also zu dem Zeitpunkt, da der „Kampf um das zukünftige Bild der Vergangenheit“ (Biermann) wieder neu eskaliert ist, las und hörte und beschäftigte ich mich wieder intensiv mit seinem Werk.

Biermanns Meinung über die Avantgarde-Musik seiner und unserer Zeit fällt allerdings eher negativ aus: „Manchmal denke ich: das neue Licht in der Musik dieses Jahrhunderts wurde von den Jazzmusikern angezündet. Die wirkliche schöpferische Weiterentwicklung wurde von den schwarzen und ein paar genialen weißen Negern im Modern Jazz geleistet. Die Beatles und die Rolling Stones rechne ich zu den erfreulicheren Nutznießern dieser lebendigen Tradition. Die allermeiste Popmusik ist freilich ein ordinäres Abfallprodukt, ein scharf gewürztes Hundefutter für die medial alimentierten Menschenmassen. Die Musik der altbackenen Avantgarde halte ich dagegen für ein Hüsteln unterm subventionierten Sauerstoffzelt“ (aus dem Buch „Wie man Verse macht und Lieder“). Das kann man natürlich auch ganz anders sehen. Aber der treffsichere Humor sowie die hochentwickelte Wort-Kunst, jeden Satz sofort zu relativieren, Alternativen anzudeuten und dabei scheinbar unverrückbare „Wahrheiten“ mit der Andeutung eines Lächelns anzuzweifeln, könnte wieder in die Welt der Kunst einziehen. Unbedingt zu empfehlen wäre vor allem die innere Haltung des Jubilars, sich selbst nicht als fertig, wissend oder weise gar zu empfinden, sondern in jeder neuen Situation neu nachzudenken. „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er könnte auch erkennen, das A falsch war“, formulierte Brecht diese dialektische Art des Denkens. Biermann weiß um das allzu flotte Vergessen: „Mag sein, dass ich einmal, wenn alles erreicht ist / erreicht habe nichts – als ein Anfang von vorn“ und schreibt trotz alledem über seine Autobiographie die Worte: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“.

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