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Sonnyboy mit Tiefe: Robert Neumann. Foto: Marco Borggreve

Sonnyboy mit Tiefe: Robert Neumann. Foto: Marco Borggreve

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Freiheit und Ausdruckswille

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Der Pianist Robert Neumann ist längst kein Nachwuchskünstler mehr
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Das PR-Foto auf dem Cover des Programmheftes zeigt noch einen jugendlichen Pianisten. Aber längst hat Robert Neumann den Wunderkind-Status verlassen und ist auch kein „Nachwuchskünstler“ mehr, als der er 2021 den Opus Klassik gewonnen hat. Inzwischen sind in seiner Karriere wichtige Preise dazugekommen, darunter im letzten Jahr der Preis des Deutschen Musikwettbewerbs. Neumann trägt Bart, als er im Freiburger Kaisersaal des historischen Kaufhauses die Bühne betritt, um ein Benefiz-Konzert mit allen Chopin-Etüden zu spielen. Der 25-jährige, in Berlin lebende Pianist beginnt den Abend mit einer kleinen Einführung, da er die Etüden aus op. 10, op. 25 und den drei op. posth. in eine neue Reihenfolge gebracht hat, um neue Zusammenhänge zu entdecken und einen Gesamtzyklus zu erschaffen.


 

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Ganz ruhig am Klavier sitzend, begibt er sich wie immer auswendig in diesen Klavierkosmos. Kein Zuckerwatte-Chopin, sondern mächtig, manchmal für den Saal auch zu mächtig in den Klangballungen. Die Melodiestimme arbeitet er klar heraus – die Struktur ist ihm wichtiger als der reine Klang. Trotz aller interpretatorischen Freiheiten klingt sein Spiel nicht manieriert, sondern bleibt organisch. Seine langjährige Freiburger Lehrerin Elza Kolodin sitzt im Publikum. Beim Gespräch mit ihm am nächs­ten Tag sagt er über sie: „Ich bin sehr dankbar für diese manchmal auch herausfordernde Arbeit bei ihr. Bei Chopin hat sie mir eine Predigt gehalten zum Umgang mit der Zeit. Das ist überhaupt das Wichtigste beim Klavierspiel – diese Freiheit innerhalb des Metrums, dieses Spielen mit der Erwartungshaltung des Publikums.“

Für die Musik musste sich Robert Neumann nie entscheiden. Die Mutter Alexandra Neumann ist Pianistin, der Vater Marin Smesnoi ist Cellist im SWR-Symphonieorchester – zu Hause in Stuttgart wurde immer musiziert. Mit vier Jahren begann Robert Neumann mit dem Klavierunterricht bei Monika Giurgiuman. Schon als Kind begnügte er sich nicht mit dem Nachspielen von Melodien, sondern fügte eigene hinzu: Improvisation als ganz natürlicher Ausdruck. Nach einigen Privatstunden bei Elza Kolodin in Freiburg wurde er mit elf Jahren als Jüngster in die Freiburger Akademie zur Begabtenförderung aufgenommen. Nach der elften Klasse verließ er das Stuttgarter Gymnasium und begann ein Studium an der Freiburger Musikhochschule.

Mit zwanzig folgte dann der Wechsel zu Eldar Nebolsin an die Musikhochschule Hanns Eisler in Berlin. „Er hat einen ausgewogenen Geschmack bezüglich 300 Jahre Musikgeschichte. Er weiß hinzuzufügen und wegzunehmen,“ sagt Neumann über seinen letzten Lehrer – geprägt habe ihn aber auch der am 16. April dieses Jahres verstorbene Oleg Maisenberg als Mentor. Zur richtigen Zeit beim richtigen Lehrer gewesen zu sein – das ist für Neumann ein ganz wichtiger Grund für seine Karriere.

Außerdem: „Die Kinderwettbewerbe, die ich bis zum Alter von 13 oder 14 spielte, haben meine Repertoire-Erweiterung stark gebremst. Diese nicht mehr zu machen, war eine wichtige und richtige Entscheidung für mich.“ Als Erwachsener hat er dann wieder angefangen, pro Jahr einen Wettbewerb zu spielen – dass er die meisten davon gewonnen hat, spricht für sein Können und seine Nervenstärke. Und auch eine Freude am Sich-Messen mit anderen. „Wenn ich nicht gewollt hätte, gewertet zu werden, hätte ich nicht Klavier studieren müssen. Man trifft dort Freunde und sitzt zusammen in den Pausen. Auch bei Eldar Nebolsin haben wir eine phänomenale Klasse. Das empfinde ich nicht als Konkurrenz, sondern die Kolleginnen und Kollegen ziehen mich hoch.“

Auch bei Aufnahmen sind Freiheit und Ausdruckswille für Robert Neumanns Verständnis als Interpret wichtig. In der Fantasie in fis-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach auf der 2019/20 entstandenen „SWR NewTalent“-CD ist gar kein Metrum mehr zu spüren. Natürlich kann Neumann seinen Freiheitsdrang auch zügeln und ganz präzise agieren wie in Rachmaninows „Paganini-Variationen“, die sich gut mit dem begleitenden SWR Symphonieorchester vernetzen. Aber auch hier hinterlässt er eine deutliche Handschrift, wenn er in der 15. Variation selbst in den virtuosesten Klangtrauben Wichtiges von Unwichtigem klar unterscheidet. „Natürlich habe ich Respekt gegenüber dem Notenmaterial, aber es ist unerlässlich, dass man bei der Interpretation selbst spricht. Sich auf die reine Reproduktion zu beschränken, ergibt für mich keinen Sinn.“

In seinen Konzertprogrammen mischt er gerne vertrautes mit frischem Repertoire – und lässt immer wieder auch eigene Kompositionen mit einfließen. Von anderer zeitgenössischer Musik hält er sich eher fern. Auch um soziale Medien macht er einen Bogen. „Ich bin ein ganz analoger Künstler. Ich möchte gegenüber den Menschen, die im Konzert sind, eine große Nähe aufbauen. Nahbarkeit schaffen – das finde ich wichtig. Deshalb spreche ich bei meinen Konzerten auch meistens ein paar Worte zum Publikum.“ Bei dem von ihm gegründeten Festival Cannstatter Klavierfrühling präsentiert er junge internationale Pianistinnen und Pianisten. Er selbst spielt dort nicht, sondern hält Werkeinführungen vor beiden Konzerthälften.

Am Ende des umjubelten Freiburger Konzertes steht Robert Neumann auf und fordert das Publikum auf, ihm für eine „Stilkopie“ Ideen zu geben. Schubert, Ravel, Brahms, Des-Dur, a-Moll lauten die Vorschläge. Dann improvisiert er am Klavier, lässt Schuberts volkstümliche Schlichtheit anklingen, wandert allmählich zu Ravels reicher Harmonik, um mit weit gespreizten Akkorden und einem Konfliktrhythmus von Triole gegen Duole in brahms­ähnlichen Welten zu landen.

„Im 19. Jahrhundert hat fast jeder Musiker auch improvisiert, arrangiert, komponiert und dirigiert – es gab immer das Gesamtpaket.“ Dieses Universaldenken möchte Neumann wieder in den Konzertsaal bringen. Dass damit auch verloren gegangene Spontaneität in den Klassikbetrieb zurückkommt, ist ein schöner Nebeneffekt.

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