Als ein Licht im Dunkel der Nazi-Besatzung initiierten der Direktor der Pariser Oper René Nicoly in Paris und Marcel Cuvelier als Direktor des Palais des Beaux Arts in Brüssel seit 1940 Konzerte und Musizierstunden für und mit Jugendlichen. 1945 gründeten sie die Fédération Internationale des Jeunesses Musicales, um nach dem Weltkrieg das Friedenspotenzial der Musik völkerverständigend zu verbreiten. 1951 wurde die „Musikalische Jugend Deutschland“ ins Vereinsregister Bayreuth eingetragen – als neunte nationale Sektion des Weltverbands. 1953 veröffentlichte sie das „Kitzinger Manifest“, ein Grundsatzprogramm, aus dem ein zentraler Satz unverändert Eingang gefunden hat in das aktuelle Mission Statement von 2016: „Der Mensch ist Mittel- und Ausgangspunkt aller Musik“.
Teilnehmer:innen des Kammermusikkurses für Junge Instrumentalisten:innen im Weikersheimer Schlosspark: Seit 75. Jahren berichtet die
neue musikzeitung über und für die Jeunesses Musicales Deutschland. Foto: JMD
Seit 75 Jahren „… in die Zukunft“
Die Musik als Humanum, als Faktor des Mensch-Seins zu begreifen, zu erleben und weiterzugeben als ein Medium friedlicher Begegnung und Verständigung, in welchem es gelingt, auch das Mensch-Sein im Anderen zu respektieren: Das ist der ideelle Wertekern der JMD, an dem wir unsere künstlerischen und pädagogischen Konzepte messen, welche deshalb auch immer eine sozial-ethische Komponente haben. Möglicherweise steuert die JMD mit ihren Angeboten – wenn wir es gut machen – auf eine neue „Konjunktur“ zu: in einer Welt, in deren rasanten Veränderungen Musik zur Besinnung und zu Kräften der eigenen Mitte führen kann; in einer Gesellschaft, in deren materiellem Konkurrenz- und Leistungsdenken Musik kommunikative, soziale, ja demokratiebildende Präsenz anbietet; auf einem Globus, auf dem Musik inmitten von aggressiven Verteilungskämpfen eine dünne, aber haltbare Brücke der Menschlichkeit sein kann. All das kann gelingen, wenn wir Musik in ihrer künstlerischen Tiefe „von Herz zu Herzen“ (Beethoven) vermitteln.
Die Jugend im Namen
Unser Jubiläumslogo zeigt einen grünenden Zweig. über die Symbolik hinaus steht er für das Lebensgefühl, das wir mit unseren Mitgliedern und Mitarbeitenden pflegen. Bei den Vorstandswahlen Ende 2025 nominierten die Mitglieder ein Präsidium mit einem Durchschnittsalter von 33 Jahren, Lebensalter und -erfahrung gleichmäßig verteilt von Anfang 20 bis Ende 50.
Ablesen lässt sich daran, dass es der JMD an jungen Engagierten offenbar nicht mangelt, aber auch, dass die Organisation zu einer (lebens-)langen Verweildauer einlädt. Ja, ein Leben lang – sind doch erst vor kurzem zwei stets aktive Gründungsmitglieder im hohen Alter von über 90 Jahren von uns geschieden. Muss doch was dran sein, an dem grünen Zweig. Und auf den kommen mehr und mehr junge Musiker*innen: Um 2008 gründete sich „mu:v – Musik verbindet“ als ausgeprägte Jugendinitiative, deren sichtbarstes Projekt das völlig selbst konzipierte und organisierte „mu:v-Camp“ ist. Mit seinen derzeitigen Protagonisten formulieren wir gerade Perspektiven, zu denen ein planmäßiges „Musikmanagement-Learning“ mit behutsamen Inputs vom Generalsekretariat ebenso gehört wie Ideen zu lokal machbaren Aktivitäten. Und diese Jugend setzt auf „Präsenz“, für sie wird ein Camp zum Erlebnis mit jeder Menge „beyond tellerrand“-Erfahrungen. Daneben entwickelt die JMD die Initiative „JM-Botschafter*in im Jugendorchester“ mit in der Regel deutlich jüngeren Jugendlichen in unseren Mitgliedsorchestern. Mit Coachings wie etwa „JM Botschafter sein“, „Sprechen und Auftreten“ und „Alles außer proben“ werden sie vom Jugendorchesterreferat der JMD für ihre Rolle empowert. Die Philosophie dahinter: Es sind die jungen Musiker*innen selbst, die „ihr“ Orchester wollen sollten und sich dafür einsetzen. Wie solches Engagement zu abrupt steigender Identifikation mit ihrem Orchester und damit zu einer spürbaren Qualität der musikalischen Ergebnisse führt, beweist seit 1996 der „Deutsche Jugendorchesterpreis“ der JMD, der auf diesen beiden Ebenen junges Engagement herausfordert.
Symbolik und Realität der Jugendorchester
Als sich 1973 in der JMD eine AG Jugendorchester mit knapp 20 Ensembles bildete, war dies der Beginn der systematischen Fachverbandsarbeit mit Treffen, Arbeitshilfen, Notenleihverbund und vielem mehr. Aktuell gehört zu unseren Leistungen die App „JOinJMD“, die bei der internen Organisation hilft, datensicher und jugendkompatibel ist. In den zurückliegenden Jahrzehnten sind Jugendorchester fast zur Selbstverständlichkeit geworden. Über 300 von ihnen haben sich der JMD angeschlossen. Die Musikakademie Schloss Weikersheim wurde konsequent für ideale Jugendorchesterproben ausgelegt und seit 2019 steht mit der TauberPhilharmonie ein traumhafter Konzertsaal zur Verfügung.
Wir sehen Jugendorchester dadurch charakterisiert, dass sie unter Leitung von Profis „wie Profis“ musizieren und mit einem Plus an Emotionalität zu erstaunlichen Leistungen gelangen. Sie bieten eine Form von Live-Community als Freizeit-, Bildungs- und Erlebnisraum, einen „dritten Ort“ der Sozialisierung neben Familie und Schule. Diese Selbstverständlichkeit ist durch den Corona-Knick 2020 bis 2022 geschwunden, der die Orchester einer ganzen Nachwuchs-Generation und damit der Kontinuität beraubte. Zu schaffen machen ihnen auch der schulische Ganztag, die den Alltag der Jugendlichen okkupierenden Bildschirmzeiten, zunehmende Unverbindlichkeit und vieles mehr.
Aktuell hat die JMD ein Lehrgangsangebot in Kooperation mit dem VdM und dem BMU in Arbeit, das Jugendorchester-Leiter*innen befähigen soll, mit den sich verändernden Bedingungen umzugehen. Neben den mit „Spannend proben“ titulierten Präsenzphasen werden Inhalte zur eigenen pädagogisch-künstlerischen Doppelrolle, zu Jugendpartizipation und Ressourcenakquise auch digital vermittelt – im Sinne eines „Blended Learning“. Es geht um die Erschließung von Spielräumen für zeitgemäße und in Zukunft agilere Jugendorchesterarbeit. Für das bildungspolitische Lobbying läuft unser Antrag an die deutsche UNESCO-Kommission zur Anerkennung von Jugendorchestern als immaterielles Kulturerbe. Darin steht der Satz: „Jede*r Einzelne trägt hier zu einem größeren Ganzen bei, und unvergessliche Musik-Momente wirken gar wie die ‚Utopie einer gelingenden Gesellschaft‘“.
Die Welt im Fokus
Was 1945 ein visionäres Unterfangen war, hat sich als „großer Wurf“ erwiesen: Heute gehören 80 Mitgliedsorganisationen in über 60 Ländern der JM International an. Die JMD war immer eine „forte section“. Viermal richtete man den Weltkongress aus: 1954 in Hannover, 1972 in München, 1996 sowie 2011 in der Musikakademie Schloss Weikersheim, die 2005 zum „World Meeting Center“ ernannt wurde. Dessen Kern sind seit 1956 der „JM International Chamber Music Campus“ und die „JM International Opera Academy“ – in ihnen prägt sich die stete Erneuerung der Gen-Substanz der JMD am sichtbarsten aus. Die große Zeit des JM World Orchestra – dieser 1968 gegründeten „Mutter aller internationalen Jugendorchester“ – führte die JMD in Berlin von 1988 bis 2002 zu einem Höhepunkt mit namhaften Dirigenten und oft mit politischer Botschaft, seit 1996 als „UNESCO Artist for Peace“. Das Ethno-Programm der JMI, das seit etwa 2010 rasch globale Verbreitung fand, wurde in Deutschland an den Landesverband Rheinland-Pfalz „delegiert“, wo beim jährlichen „Ethno Germany Music Camp“ auf Burg Lichtenberg junge Musiker*innen verschiedenster Kulturen Tunes und Songs ihrer Heimat einbringen, die in Arrangements mit jeglicher Art von Instrumenten gemeinsam musiziert werden, und wo – auf Zeit – eine friedliche, tolerante, respektvolle Gemeinschaft als eine kleine „heile Welt“ entsteht. Subsidiär und doch substanziell fördert die JMD mit Mitteln des Bundesjugendministeriums und der Jugendwerke internationale Begegnungen ihrer Mitgliedsorchester. Als ein in dieser Hinsicht vorbildliches Projekt wurde 2025 das International Youth Symphony Orchestra Bremen mit dem Würth-Preis der JMD ausgezeichnet.
Der Traum von einer geeinten Menschheit war und bleibt für die Jeunesses Musicales weltweit eine treibende Energiequelle. Im aktuellen Satzungstext versteht sich die JMD als „Teil einer aktiven Bürgergesellschaft in einer freiheitlich-demokratischen und weltbürgerlich orientierten Gesellschaftsordnung“ – auch und gerade dort, wo dies keine Wirklichkeit ist – als ein kleiner Beitrag zum Weltfrieden.
Mit Teilnehmer*innen der Internationalen Opernakademie der Jeunesses Musicales Deutschland als Solistenensemble
und dem Bundesjugendorchester
Musikalische Leitung: Dirk Kaftan
Regie: Dominik Wilgenbus
Fröhlich, frech, fulminat und in bester Champagner- und Spiellaune präsentierten sich in der Opernsaison 2025 die internationalen jungen Solistinnen und Solisten, der ebenfalls international besetzte Opernchor und die jungen Instrumentalisten*innen. In der herrlich komischen Inzenierung, den prächtigen Kostümen (Uschi Haug) und auf der Bühne (Sandra Linde) gabt es unzählige witzige Details zu entdecken.
Die musikalische Leitung der Produktion hatte Dirk Kaftan. Regie führte Dominik Wilgenbus. Auf der Bühne und im Rampenlicht stand einmal mehr der internationale Opernnachwuchs. Die Rolle des Opernorchesters übernahmen die jungen Spitzenmusiker*innen des Bundesjugendorchesters.
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