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Wir veröffentlichen hier einen Brief von Prof. Wilfried Krätzschmar, in dem er seinen Rücktritt vom Amt als Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrates erklärt. Er war seit Oktober 2000 im Präsidium tätig und tritt nicht ohne Bitterkeit und Enttäuschung zurück.
An dasPräsidium des Deutschen Musikrates e.V.
Weberstraße 59
53113 Bonn
Sehr geehrte Herr Präsident!
Sehr geehrte Mitglieder des Präsidiums!
Liebe Kollegin und liebe Kollegen!
Ich habe mich entschlossen, mein Amt als Präsidiumsmitglied des Deutschen Musikrates wie auch als Mitglied des Bundesfachausschusses Musikberufe sowie des Hauptausschusses Konzert des Deutschen Musikrates mit sofortiger Wirkung niederzulegen.
Ich lege Wert auf die Feststellung, daß dies an erster Stelle aus Solidarität mit Herrn Thomas Rietschel geschieht, für dessen Bestellung zum Generalsekretär ich als Präsidiumsmitglied Verantwortung mitgetragen habe. Er besaß und besitzt mein Vertrauen, die Geschicke des Deutschen Musikrates in der Funktion des Generalsekretärs in eine tragfähige Zukunft zu begleiten.
Ich möchte in diesem Zusammenhang betonen, daß ich zwar dem Insolvenzverwalter durchaus vertraue, den Deutschen Musikrat aus der kritischen Situation zu bringen und zu neuen Formierungen, wo sie notwendig sind, mit wertvollem Sachverstand beizutragen. Daß jedoch zur Erneuerung die fristlose Kündigung des Generalsekretärs zwingend hilfreich sein soll, weise ich unter Protest zurück. Es bleibt nur zu hoffen, daß der Schaden, den diese Maßnahme sichtbar und weithin auslöst, den Deutschen Musikrat nicht in eine weitere - und diesmal echte! - Krise taumeln läßt.
Ich sehe außerdem in der fristlosen Entlassung und in der Art des Vorgehens, das jegliche Andeutung, sich mit dem Präsidium ins Benehmen zu setzen unterlassen hat, den eigentlichen Rausschmiß auch für mich als Präsidiumsmitglied. Ich habe den Vorgang als Signal zu verstehen, daß ich nicht gefragt und eigentlich im Wege bin. Damit endet das, was als Ehrenamt bezeichnet wird und wofür ich angetreten und gewählt worden bin. So sehe ich mich veranlaßt, nun meinerseits zu signalisieren, daß ich für den Deutschen Musikrat da sein wollte und nicht umgekehrt, und daß ich Wichtigeres zu tun habe als mich zur Staffage in einem mutwillig hergestellten Insolvenzverfahren je nach Bedarf aufstellen oder bereitstellen zu lassen.
Mein Entschluß ist voller Bitterkeit des Deutschen Musikrates wegen. Denn ich hing an meinen Tätigkeiten und habe was ich einbringen konnte, aus voller Überzeugung und auch in allen Schwierigkeiten mit Begeisterung eingebracht. Die Wahl ins Präsidium war eine krönende Herausforderung. Die Arbeit in der neu gewählten Mannschaft war eine bereichernde Erfahrung. Dankbar war zu erleben - und ich möchte es jedem Präsidiumsmitglied persönlich und nachdrücklich sagen! - wie selbst in schwierigsten Fragen mit einem unbeirrbaren Geist des Aufbruchs, mit ermunternder Unverdrossenheit, aufopferungsvollem Engagement, rückhaltloser Offenheit und einem grundsätzlichen Vertrauen mit selbstlosem persönlichem Einsatz für den Musikrat gearbeitet und gekämpft wurde. Es ist mir wichtig festzustellen, dass es keinen Grund gäbe, mich davon zu trennen.
Die Beherztheit des Präsidiums hat es nicht vermocht, eine unselige Entwicklung aufzuhalten. Wie die Anstrengungen zur Verbesserung der Musikratsarbeit (den Begriff "Reform" halte ich für eine herbeigeredete Überzeichnung des tatsächlich zu Bewerkstelligenden; das Ordnen der Buchführung und das Umorganisieren von Arbeitsfeldern ist noch keine Reform!) zum Teil von innen, vor allem aber von außen gelähmt und blockiert wurden, ist der üble Teil meiner Präsidiumserfahrung. Zu sehen, wie die schlimme Situation, in die der Musikrat geraten ist, in keinem Verhältnis steht zu den relativ unerheblichen tatsächlichen Auslösern, zu erleben, welchen Rechtfertigungsbedarf Ehrenamtliche für ihre Arbeitsgegenstände gegenüber einem hauptamtlichen Apparat aufzubringen haben, hat das tägliche Dennoch! Abverlangt - dem Musikrat und nicht zuletzt der Solidarität mit den Mitarbeitern zuliebe. Mein Vorrat an "Dennoch" ist aufgebraucht. Die Situation des Deutschen Musikrates stellt, nicht nur gemessen an seinen Verdiensten um und im Dienste für die Gesellschaft, eine Schande für dieses Gemeinwesen dar. Eine Schande, die mit gutem Willen - vom Präsidium und seinen Verbündeten immer wieder angemahnt - produktiv hätte vermieden werden können.
Ich werfe mir vor, daß ich die Möglichkeit solch unglaublicher Entwicklungen tatsächlich nicht geglaubt habe. Ich werfe mir vor, daß ich den Verlautbarungen, die am Anfang meiner Präsidiumstätigkeit aus dem Generalsekretariat gegeben wurden, zu lange Vertrauensvorschuß eingeräumt habe. Ich werfe mir vor, daß ich still gehalten habe gegen den politisch Verantwortlichen, um in empfindlicher Situation die Sache des Deutschen Musikrates nicht zu gefährden. Es hat nichts geholfen. Die Nähe von politischer Seite und Musikratsleitung, die jetzt in den Erneuerungsmodellen eine zentrale Rolle spielt, ist dem seit Oktober 2000 arbeitenden Präsidium trotzt dessen dringenden Ersuchens stets verweigert worden. Ich werfe mir vor, sie nicht erzwungen zu haben.
Die Bilanz ist bitter. Sie wird mich aber nicht hindern, an anderer Stelle für die Musik und für das Musikleben, um einiges an Erfahrung reicher, tätig zu sein. Ob die Erwägung, in einem späteren Deutschen Musikrat wieder mitzuwirken, eine Rolle spielen könnte, möchte ich zur Zeit ausdrücklich offen lassen.
An den Präsidenten, an die Vizepräsidentin und an den Vizepräsidenten, an alle meine Präsidiumskollegen
Herzliche Grüße
Von Ihrem
Prof. Wilfried Krätzschmar
Dresden, den 10.01.2003
Hochschule für Musik Dresden
Carl Maria von Weber
Der Rektor
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