Von Tango bis Techno: Das Akkordeon ist ein oft unterschätztes Multitalent. In diesem Jahr wird es als Musikinstrument des Jahres gefeiert. Was macht das Akkordeon aus?
Quetschkommode, Schifferklavier oder Ziehharmonika - das Akkordeon hat einige, nicht unbedingt nur schmeichelhafte Namen. Und das Image? Eher angestaubt. Nun wurde das Akkordeon von Landesmusikräten in Deutschland zum Instrument des Jahres 2026 gewählt. In vielen Bundesländern sind Veranstaltungen und Konzerte geplant. In Schleswig-Holstein wird das Programm heute vorgestellt, in NRW beispielsweise am Samstag. Zeit, ein paar Fragen rund um das Akkordeon zu beantworten:
Das Akkordeon - ein Instrument nur für Volksmusiker und Seeleute?
Nein, nicht nur. «Das kann man natürlich auch machen», sagte die Akkordeonistin und Bildungsreferentin für den Deutschen Akkordeonlehrerverband, Susanne Stock, der Deutschen Presse-Agentur. Aber eben nicht nur. «Es funktioniert so ziemlich alles darauf», von frühester Musik, über Barockmusik und Klassik bis hin zu experimenteller und Weltmusik, ja sogar Techno. «Das Akkordeon ist unfassbar wandelbar.»
Und so verwundert es nicht, dass neben Volksmusikstars auch Jazzmusiker und Entertainer wie Helge Schneider oder Schauspieler und «Tatort»-Kommissar Ulrich Tukur zum Akkordeon greifen. Tukur ist als überzeugter Akkordeonspieler Schirmherr des Jahres des Akkordeons in Nordrhein-Westfalen.
Was macht das Akkordeon so besonders?
Die Akkordeonistin Stock meint: mehrere Dinge. Vor allem, dass man mit dem Akkordeon so ziemlich jedes Genre bedienen kann. Das sei auch das Schöne, wenn man als Kind anfange, Akkordeon zu lernen: Man könne immer wieder entscheiden, welche Musik man spielen wolle.
Und was es auch besonders macht, ist, dass es ein körperliches Instrument ist, wie Stock findet. «Man hat es ganz nah an seinem Körper, es atmet. Der Balg ist ja wie so eine Lunge, die ein- und ausatmet. Man ist sehr verschmolzen mit dem Instrument, wenn man es spielt. Das ist sehr schön.»
Wo und wann wurde das Akkordeon erfunden?
Das Akkordeon ist ein recht junges Instrument, wie der Deutsche Harmonika-Verband auf seinen Internetseiten mitteilte. Aus dem Jahr 1829 ist in Wien eine Patentanmeldung unter dem Namen «Accordion» von Cyrill Demian belegt. Daher wird er als Erfinder des Akkordeons genannt. Die Wurzeln reichen aber weit zurück: Als Vorläufer gelten Instrumente wie die chinesische Mundorgel Sheng.
Das Akkordeon ist international beliebt und wird fast überall auf der Welt gespielt: «Ob im argentinischen Tango, der französischen Musette, in der osteuropäischen Spätmoderne oder im gälischen Liedgut - es prägt den Klang ganzer Kulturen», teilte etwa der Landesmusikrat Berlin mit.
Wie sind die Instrumente aufgebaut?
Vereinfacht gesagt sind Akkordeons wie folgt aufgebaut: Auf der einen Seite ist der Diskant mit den Tasten oder Knöpfen, auf der anderen Seite liegen die Bassknöpfe. Dazwischen ist der Balg. Der sei sehr wichtig, berichtete Stock. «Ohne den Balg würde dieses Instrument keinen einzigen Ton von sich geben.» Zudem würden die Töne mit dem Balg geformt. «Der schöne Ton kommt durch die Balgführung.» Und im Inneren des Instruments liegen die sogenannten Stimmzungen.
Jedes Akkordeon hat demnach einen relativ großen Tonumfang. «Ein ausgewachsenes Konzertinstrument hat den gleichen Tonumfang wie ein Flügel, manchmal sogar noch ein bisschen mehr, wenn es die Knopfakkordeons sind.» Die kleinen Schülerinstrumente für Kinder hätten natürlich nicht so einen großen Tonumfang.
Spielen wieder mehr junge Menschen Akkordeon?
Sie nehme das schon so wahr, sagte Stock. Es gebe auch einige Hochschulen, an denen man das Instrument studieren könne. «Die Ausbildung ist über die Jahre immer besser geworden.» Es gebe auch eine Fülle an Unterrichtsmaterialien, die nicht nur Volksmusik beinhalteten. «Für Schüler ist es mittlerweile eigentlich auch ein ganz cooles Instrument.» Sie habe immer wieder Schüler erlebt, die mit Stolz sagten, sie spielten ein ganz cooles Instrument, das Akkordeon. Sie habe in den 1980ern angefangen, Akkordeon zu lernen, «da war das vielleicht noch nicht ganz so».
Ist Akkordeonspielen schwer zu lernen?
«Jedes Instrument muss man lernen und jedes Instrument kann man lernen», erzählte Stock. «Was Kindern, glaube ich, gut gefällt: Man kann direkt loslegen und es klingt einfach direkt wie ein Akkordeon, während man auf der Geige beispielsweise sehr lange warten muss, bis der Ton wirklich richtig schön klingt.» Das sei ein irrer Vorteil am Akkordeon.
Wenn man das richtige Instrument habe, könne man schon mit fünf Jahren anfangen, Akkordeon zu spielen, sagte Stock. «Davor ist man noch ein bisschen zu klein.» Aber man könne natürlich ebenso später einsteigen - auch als Erwachsener noch. «Wenn man Lust hat, soll man anfangen.» An vielen Musikschulen gebe es Akkordeonlehrer.
Welche Hoffnung ist mit der Wahl zum Instrument des Jahres verbunden?
Mit der Wahl soll die Vielseitigkeit des Akkordeons und sein Potenzial - als Unterrichts-, Konzert- und Kulturinstrument - in den Fokus gerückt werden, wie der Landesmusikrat NRW mitteilte. Ziel sei es, das bewährte Image als Volks- oder «Folk»-Instrument zu erweitern und das Akkordeon in all seinen Facetten sichtbar zu machen.
Leon Jonas ist Präsidiumsmitglied im Landesmusikrat Brandenburg und Landesjugendleiter im Landesverband Brandenburg des Deutschen Harmonika-Verbandes (DHV). Er sagte der «Harmonika International», der Zeitung des DHV, das Instrument des Jahres biete die Möglichkeit, das Akkordeon aus seinen bekannten Klischees herauszulösen «und als das zu präsentieren, was es meiner Meinung nach ist: als eines der vielfältigsten Instrumente unserer Zeit».