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An den Stellschrauben der digitalen Welt. Foto: Martin Hufner

An den Stellschrauben der digitalen Welt. Foto: Martin Hufner

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Die Treiber der Krise des öffentlich-rechtlichen Rundfunks

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Schlaglichter aus Martin Andrees „Vermessung der digitalen Welt“ · Von Rainer Nonnenmann
Vorspann / Teaser

Bis in die 1990er-Jahre erhielten Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften hundert Prozent der medialen Aufmerksamkeit. Als vierte Gewalt im Staat bestimmten die Leitmedien maßgeblich die Inhalte und Formen von Kultur, Musik, Diskurs und Meinungsbildung. Doch seit Jahren schwindet ihr Einfluss. Seit 1986 erwuchs dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ÖRR) Konkurrenz in Gestalt von Privatsendern. Inzwischen prägen digitale Medien alle Lebensbereiche einschließlich Kommunikation, Information, Handel, Unterhaltung, Kunst, Kultur, Musik… Laut Martin Andree sind die digitalen Medien „eine der größten medientechnologischen Revolutionen der Menschheitsgeschichte.“

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Wie zuvor im „Atlas der digitalen Welt“ (2020) greift der Kölner Marketing- und Medienwissenschaftler in seinem jüngsten Buch „Vermessung der digitalen Welt“ (2026) auf Daten der Gesellschaft für Konsumforschung zurück. Diese wurden 2025 bei etwa 8.000 Menschen neu erhoben. Die anschaulich in Tabellen aufbereiteten „Aktivitäten, Player, Märk­te, Trends“ liefern Erklärungen für die gegenwärtige Krise des ÖRR und der Printmedien sowie Argumente dafür, wie wichtig es ist, dass der ÖRR sorgfältig recherchierte Nachrichten und Kultur stärker im Internet präsentiert. Als ein Plädoyer für Vielfalt ist das Buch zugleich ein Argument gegen den seit Jahren grassierenden Abbau von Redaktionen, Programmen und Klangkörpern (vgl. Nonnenmann „Mehr Rundfunk wagen!“, Seite 1).

Vielfalt oder Monopolisten?

In den Neunziger- und Nullerjahren verbanden sich mit dem Internet noch Hoffnungen auf Meinungsvielfalt, Gleichberechtigung, Empowerment, Diversität, Sichtbarkeit von Minderheiten, Nischen, Alternativen, Gegenkultur. Laut Martin Andree bewirkt inzwischen die extreme „Monopolisierung und Vermachtung des Internets … das genaue Gegenteil“: Abhängigkeit statt Freiheit, Fremdbestimmung statt Emanzipation, Autokratie statt Demokratie, Konzentration statt Dezentralisierung, Polarisierung statt Diskussion, Manipulation statt Aufklärung, Fake News statt Fakten. Andrees „Kompakthandbuch“ zeigt, dass die digitalen Medien mittlerweile die Leitmedien unserer Gesellschaft sind, „in denen das politische Agendasetting sowie ein großer Teil der Meinungsbildung der Bürger und Bürgerinnen stattfindet.“ Und er stellt klar, dass die Gestaltung dieses digitalen Forums „vielleicht die wichtigste Herausforderung ist, die deutsche und europäische Demokratien aktuell bewältigen müssen.“

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In Deutschland sind aktuell fast 18 Millionen kostenpflichtige Domains mit der Endung .de registriert. Das ist eine sagenhafte Vielzahl an verschiedensten Angeboten. Doch allein 500 Webseiten absorbieren rund 86 Prozent der gesamten Aufmerksamkeit im Netz. Alle übrigen 99,997 Prozent Domains teilen sich die verbleibenden 14 Prozent Aufmerksamkeit. Bei der grafischen Darstellung der Netzanbieter und ihrer jeweiligen Nutzungsdauer hat dies zur Folge, dass die hundert meist besuchten Webseiten mit über 800 Millionen Nutzungsstunden pro Monat nahezu identisch mit der senkrechten­­ ­y-Achse zusammenfallen, während der große Rest aller anderen ausgewählten rund 74.000 Anbieter nicht über die Nullmarke entlang der x-Achse hinauskommt. Das heißt: Wenige Plattformen machen alle anderen Webseiten platt. Nahezu ohne Aufmerksamkeit sind diese quasi nicht-existent. Statt Vielfalt herrscht extreme Konzentration auf wenige Monopolisten. Fairer Wettbewerb findet nicht statt. Andrees „Vermessung der digitalen Welt“ offenbart die erdrückende Vermessenheit der digitalen Gigamedien und die ohnmächtige Unmessbarkeit aller anderen.

Intermediäre oder Medien?

YouTube erreicht in Deutschland fast 93 Prozent aller Internetnutzer. Diese rund 60 Millionen Menschen verbringen zusammen rund 850 Millionen Stunden pro Monat auf der Plattform, was je nach Endgerät zwischen 66.000 und 166.000 Megawattstunden Strom verbraucht. Google erzielt sogar eine Reichweite von 99 Prozent, WhatsApp 93 Prozent, Amazon 92 Prozent, Facebook 91 Prozent. Genau das sind die fünf Monopolisten für Recherche, Video, Kommunikation, Social Media, Film/Einkauf. Die Plattformen monetarisieren Medieninhalte und reinvestieren in KI sowie Übernahmen anderer Plattformen, Tools und Apps, um ihre Vormachtstellung auszubauen und dauerhaft zu zementieren. YouTube bindet 12 Prozent der gesamten digitalen Mediennutzung in Deutschland. Damit verglichen sind die größten Streaminganbieter Netflix und Amazon Prime zehn- beziehungsweise zwanzigmal kleiner und die digitalen Angebote des ÖRR kaum messbar. „In dieser gigantischen Abdeckung“, so Andree, „tritt YouTube zunehmend an die Stelle dessen, was früher einmal das Fernsehen war.“

Die Internetkonzerne gelten als Intermediäre, die Inhalte anderer Anbieter vermitteln. Sie fallen deswegen nicht unter das Medienrecht, das allzu große Monopolbildung und Meinungsmacht verbietet. Doch längst generieren die Plattformen selber Inhalte, nicht zuletzt mittels KI. Beispielsweise hat YouTube exklusive Übertragungsrechte an Sportveranstaltungen und den Oscar-Verleihungen ab 2029 erworben. Es sind allesamt US-Firmen, die sich von US-Regierung, Geheimdiensten und Militärs einspannen lassen oder über ihre Konzernchefs Elon Musk, Mark Zuckerberg und Konsorten selbst aktiv in die Politik eingreifen. Obwohl die Monopolisten mehr als 90 Prozent der jeweiligen Nutzungsart auf sich konzentrieren, werden sie von nationalen Kartellämtern und europäischen Wettbewerbshütern nicht belangt. In der Realwirtschaft gilt es dagegen bereits als sehr kritisch, wenn beispielsweise die vier größten Einzelhandelsketten 75 Prozent des Lebensmittelmarkts in Deutschland beherrschen.

Feeds and Greeds

Wie verzerrend sich Konzernabsprachen auf Inhalte, Reichweiten und Verweildauern auswirken, zeigt Andree am Beispiel von Reddit. Die 2005 gegründete Social Media-Plattform ging 2024 an die Börse mit einem Ausgabekurs von 34 US-Dollar pro Aktie. Binnen zwei Jahren stieg der Wert auf 140 US-Dollar. Da mit den gigantischen Textmengen dieser Plattform ChatGPT trainiert wurde, spült nun diese KI riesige Mengen an Traffic, Clicks und Verweildauer auf die Plattform zurück. Auch Google zahlt Reddit Millionenbeträge für die Nutzung von Inhalten für seine KI Gemini und steigerte dafür umgekehrt die Sichtbarkeit von Reddit in den USA um sagenhafte 867 Prozent. Ein Konzern featured und feeted den anderen. Man möchte wünschen, dass sie sich aneinander überfressen und irgendwann platzen – aber das tun sie nicht, sie werden nur noch größer und mächtiger.

Bei der Nutzung von digitalen Nachrichtenportalen entfällt 88 Prozent der aufgewendeten Zeit auf kostenfreie Inhalte. Diese sind erkauft durch eine Flut an Werbung und notdürftig als Information kaschierte Reklame. Qualitäts- medien können aufwändig recherchierte Inhalte dagegen nur zu geringem Anteil gratis anbieten, weil ihr Geschäftsmodell vorsieht, die dafür geleistete Arbeit durch den Verkauf der Information zu finanzieren.

Was sich im Printbereich über Jahrhunderte bewährte, funktioniert im Internet nicht mehr, da die Nutzer dort kostenlose Inhalte erwarten. Hinzu kommt, dass seit 2020 Suchanfragen bei Google immer seltener zu weiteren Klicks auf andere verlinkte Webseiten führten, weil die Suchmaschine die Fragen der Nutzer schon selbst mit Kurzzusammenfassungen beantwortet. Seit Einführung des Chatbots Gemini Anfang 2024 gelangen noch weniger Nutzer zu den eigentlichen Anbietern der jeweiligen Inhalte, während sich die Nutzungsdauer von Google seit 2018 verdreifachte. Die maximale Monetarisierung bei Google ist erkauft durch weniger Clicks bei Millionen anderen Internetanbietern. Und dieser geringere Traffic bedeutet einschneidende Verluste an Einnahmen durch Online-Abos und Werbung. Die Finanzierung journalistischer Arbeit wird immer prekärer. Das Sterben von Zeitungen und Zeitschriften wird sich noch beschleunigen.

In dieser Situation sind die kulturellen und journalistischen Angebote des ÖRR wichtiger denn je, sowohl im linearen Funk und Fernsehen als auch im Internet. Wie einst im Nachkriegsdeutschland müssten die 2020er-Jahre eigentlich zu einer neuen Sternstunde des Rundfunks werden.

Sternstunde oder Sende­schluss?

Das Fernsehen des ÖRR behauptete gegenüber den Privatsendern 2025 einen Marktanteil von 52 Prozent. Die Gesamtnutzungszeit der digitalen Angebote des ÖRR nahm immerhin von 1 Prozent 2019 auf 1,6 Prozent 2025 zu. Doch ausgerechnet jetzt greifen ARD, ZDF und Deutschlandfunk zu gravierenden Sparmaßnahmen. Zugleich ist durchaus fraglich, ob es wirklich eine gute Idee ist, dass der ÖRR seine Inhalte bei den Internetmonopolisten YouTube, TikTok und Co einspeist. Die Sender können damit vielleicht ihre Reichweite steigern, aber zugleich mästen sie mit noch mehr Content ihre omnipotente Konkurrenz, die alle User für sich okkupiert und ohnehin nicht mehr zu den Urhebern verlinkt. Kunst, Kultur und Musik haben auf der Ebene maßgeblicher Entscheider keinen Anwalt mehr, weder bei den Ministerpräsidenten der Länder noch bei den Intendantinnen und Intendanten der Landesrundfunkanstalten. Geradezu tragisch ist, dass über die gesamtgesellschaftliche Aufgaben des ÖRR viel zu wenig in Landesparlamenten, Bundestag und Bundesrat sowie öffentlich diskutiert wird. In Deutschland, der Welt und ohnehin in autokratischen Staaten steht es gegenwärtig schlecht und immer schlechter um kulturelle Vielfalt, politische Aufklärung, streitbare Demokratie sowie um die Bildung unabhängiger Urteilskraft und sachlich fundierter Meinung. Genau das aber gilt es, den digitalen Oligarchen entgegenzusetzen. Das kann der ÖRR tun, aber auch jede andere Form von kritisch-diskursiver Öffentlichkeit, digital oder analog, medial oder live.

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