Folke Rabe, Stuart Saunders Smith, Beat Furrer, Casey Cangelosi, Mathias Spahlinger und John Cage in einem von Architekten- und Bauingenieurfirmen privat finanzierten Konzert im Herzen Berlins: Was 2007 in einem Leipziger Innenhof in der Nikolaistraße mit Musik von den Balkonen und im Hof selbst begann, findet mittlerweile in einem Loft mit angeschlossener Galerie statt, in der zeitgleich übrigens eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Gerhard Altenbourg zu sehen ist.
20 Jahre hofklang. Foto: Steffen Kühn
20 Jahre Hofklang – privat finanzierte Initiative zur Förderung neuer Musik
Das Format war ursprünglich als Dank an Geschäftspartner und Unterstützer des Architekturbüros kister scheithauer gross gedacht, in deren Leipziger Dependance das Event zum ersten Mal stattfand. Daraus entwickelte sich schnell eine jährlich stattfindende Konzertreihe, die inzwischen mehr als 25 Veranstaltungen zählt mit 15 Uraufführungen und mehr als 85 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern. Das Projekt wird bis heute privat getragen und versteht sich ausdrücklich nicht als klassische Konzertveranstaltung, sondern als Ort der Begegnung von Musik, Architektur, Kunst und Menschen. Darunter sind viele, die ansonsten eher Berührungsängste mit „klassischer“ Musik, erst recht mit zeitgenössischen Klängen haben. Bei Hofklang sitzen sie mit weit geöffneten Ohren und Sinnen, kommen ins Gespräch, diskutieren teilweise kontrovers über das Gehörte, das sie überrascht, manchmal irritiert, stets aber offen und interessiert aufnehmen.
Von Beginn an ging es nicht nur um Musik, sondern um die Beziehung zwischen Klang und Raum. Der ungewöhnliche, vertikale Innenhof des ehemaligen Leipziger „Selterhauses“ wurde selbst Teil des musikalischen Konzepts. In den ersten Reaktionen wurde das Projekt von der Leipziger Presse als Experiment beschrieben, bei dem Komponisten und Musiker den Klang und Architekten und Gestalter den Raum erzeugen. Architektur sollte nicht bloß Kulisse sein; Musik sollte auf einen konkreten Ort reagieren und diesen für das Publikum neu erfahrbar machen.
Mit dem Bezug zu Johann Sebastian Bach, der zu seiner Zeit für Leipzig ständig neue Werke schrieb – teilweise bis zu 60 pro Jahr –, nahm Hofklang nicht nur Kontakt zum Bach-Archiv und seinem damaligen Geschäftsführer Dettloff Schwerdtfeger auf, sondern verlegte einige Konzerte ins „Bosehaus“. Darüber hinaus wurde ein Kompositionswettbewerb initiiert, in dessen Jury so bekannte Namen wie Helena Tulve, Franz-Martin Olbrisch, Friedrich Schenker, Peter Korfmacher, Sophie Bauer u. a. vertreten waren. Der Autor dieser Zeilen – damals Professor für Dirigieren und später Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden – wurde mit der Koordination beauftragt. Ausgezeichnet wurden 2011 Marios Joannou Elia und Suk Joo Chang; ihre Stücke „272727“ und „Insel“ wurden 2011 bei Hofklang aufgeführt. Bereits 2008 hatte Hofklang außerdem einen eigenen Kompositionsauftrag an Bernd Franke vergeben. Damit war die Förderung neuer Werke von Beginn an mehr als nur ein programmatisches Bekenntnis. Beim zweiten Kompositionswettbewerb 2012 gewann Sergey Khismatov mit seinem „Voice Quartet“. Am 20. April 2012 erhielt er im Bach-Archiv Leipzig den ersten Preis; die Uraufführung des Werkes erfolgte später beim ersten Konzert von Hofklang in Berlin, wohin die Initiative inzwischen umgezogen war.
Gerade Friedrich Schenkers Teilnahme an diesem Wettbewerb bekommt im Rückblick eine besondere Bedeutung. Schenker, der als Posaunist, Komponist, als von Kurt Masur beauftragter Leiter der Musikreihe musica nova von 1983 an und als Gründer der Gruppe Neue Musik Hanns Eisler tiefe Spuren in Leipzig hinterlassen hat, war zu diesem Zeitpunkt bereits schwer erkrankt; er starb am 8. Februar 2013. Damit gehört seine Mitwirkung als Juror beim Hofklang-Kompositionswettbewerb tatsächlich zu seinen letzten öffentlichen künstlerischen Aktivitäten und es schließt sich der Kreis von einer zentralen Figur der Leipziger Nachkriegsavantgarde zu einer jungen, privat getragenen Initiative, die einer neuen Generation von Komponisten Aufführungsmöglichkeiten verschaffen wollte (vgl. Nachruf von Ekkehard Klemm: „Lustvoll auf Messers Schneide“; Musik in Dresden; 14.02.2013). Peter Korfmacher, damals Kulturchef der Leipziger Volkszeitung und später selbst im Umfeld des Wettbewerbs beteiligt, schrieb in der Leipziger Volkszeitung LVZ über das Programm und kam zu dem bemerkenswerten Schluss: „… gäbe es mehr solcher Initiativen, es stünde besser ums Neue in der Musikstadt“ (Leipziger Volkszeitung, 9./10.07.2011: Rezension des damaligen Hofklang-Festivals). Schenkers eigene Musik wurde bei Hofklang aufgeführt, so z. B. „Kommunizierende Röhren II“ für vier Posaunen, die sich im Hof in Leipzig mit ihren avancierten Spieltechniken ganz besonders imposant anhörten!
2013 zog Hofklang mit seinem Initiator Steffen Kühn und dessen Frau Charis – die Ideen von Beginn an engagiert unterstützend und in wunderbarer Weise immer im Hintergrund tätig und u. a. auch für das kulinarische „Finale“ der Abende zuständig – nach Berlin. Die beiden repräsentieren damit als Paar jene Berliner Tradition der Salons, die Veranstaltungen organisieren, Menschen zusammenbringen, einen Raum für Musik, Begegnung und gesellschaftlichen Diskurs schaffen und damit vielleicht auch versuchen, der Gesellschaft auf diese Weise etwas zurückzugeben.
Foto: Steffen Kühn
Seitdem wurde der Innenhof der Michaelkirchstraße 15 in Berlin-Mitte zum neuen Zentrum der Reihe, der Raum blieb Bestandteil des Konzepts: eine ehemalige Fabrik, Innenhöfe, Balkone und unterschiedliche Ebenen blieben immer wieder in die Aufführungen einbezogen.
Zu den über die Jahre aufgeführten Komponistinnen und Komponisten gehören unter anderem Arvo Pärt, Kaija Saariaho, Helena Tulve, Erkki-Sven Tüür, PÄ“teris Vasks, Sofia Gubaidulina, Karlheinz Stockhausen, John Cage, Wolfgang Rihm, Aribert Reimann, Beat Furrer, Mathias Spahlinger, Ying Wang, Folke Rabe und Stuart Saunders Smith, neben zahlreichen jüngeren Komponisten und Uraufführungen. Prägende Interpreten waren über die Jahre insbesondere Gerd Schenker, Cornelia Friederike Müller, Tobias Lampelzammer und Claudia Herr.
Eine herauszuhebende Besonderheit ist die private Finanzierung. Schon die Leipziger Pressemitteilungen von 2011 beschreiben Hofklang ausdrücklich als eine Initiative, die von Förderern und Partnern aus der Wirtschaft getragen wurde. Heute sind die Büros ahw, entenza, Nutz und BEST 4 PROJECT als Hauptsponsoren genannt; ahw wird ausdrücklich als Förderer „von Anfang an“ bezeichnet. Hofklang ist demnach weder staatliche Institution noch öffentlich finanziertes Festival. Es lebt von persönlichem Interesse, von Freundschaften und langfristigen Beziehungen zwischen Unternehmern, Musikern, Komponisten und Publikum. Darin liegt möglicherweise auch seine besondere Wirkung. Viele Besucher kommen nicht als ausgewiesene Spezialisten für Neue Musik. Sie erleben ein Konzert in einem Hof, trinken gemeinsam Wein, begegnen den Künstlern unmittelbar und hören dabei Musik, mit der sie sonst vielleicht nie in Berührung gekommen wären. Hofklang will Neue Musik nicht erklären, bevor man sie hören darf, sondern schafft zunächst eine Situation, in der Neugier möglich wird.
So lässt sich nach zwanzig Jahren, wie der Gründer Steffen Kühn schreibt, „tatsächlich eine Linie ziehen: von Bach als Komponisten der eigenen Gegenwart über Mendelssohns Wiederentdeckung des historischen Repertoires [in Berlin], vom Gewandhaus und Kurt Masur über Friedrich Schenkers Reihe musica nova und die Brüder Friedrich und Gerd Schenker bis zu Hofklang – zunächst in Leipzig und seit 2013 in Berlin. Der Gedanke dahinter ist einfach: Wir brauchen die große Musik der Vergangenheit. Aber wenn wir nur die Vergangenheit aufführen, nehmen wir zukünftigen Generationen die Möglichkeit, einmal eine Vergangenheit zu besitzen, die in unserer Gegenwart entstanden ist. Vielleicht ist das der eigentliche rote Faden von Hofklang.“
Die Ausgabe von 2026 erhielt durch ihre Reduktion auf Posaune, Gesang und Schlagwerk eine besondere Fokussierung einerseits, wurde aber in Cages „Aria“ ganz bewusst ins Publikum hinein geöffnet, das sich lust- und humorvoll in die Improvisation der Sängerin einmischte. Ein ebenso herrlicher wie tiefgründiger Spaß, der dem von Claudia Herr (Gesang), Richard Putz (Percussion) und Roberto de la Guia (Posaune) hervorragend und engagiert gestalteten Abend eine sehr besondere Note und nachhaltige Erinnerung verschaffte! Auf die nächsten 20 Jahre und: Herzliche Glückwünsche!
20 Jahre hofklang. Foto: Steffen Kühn
- Share by mail
Share on