Das Akkordeon ist als Instrument des Jahres 2026 in vielen Würdigungen und Weihen schon genannt. Einen ikonischen Farbtupfer gilt es aber unbedingt hinzuzufügen: das mit dem Amadeus-Award preisgekrönte österreichische Duo „Attwenger“. Steirische Harmonika gepaart mit minimalistischem Schlagzeug. Dialekt-Rap auf „Polka-Punk“, wie sie selbst sagen. Das alles auf Formel-1-Tempo! Im April erscheint nach fünf Jahren wieder ein Album von ihnen, wie sie beim nmz-Gespräch verrieten.
Zuständig für 50 Prozent des Attwenger-Sounds: Hans Peter Falkner. Foto: Bernd Schweinar
Das Akkordeon faucht Wah-Wah
Vor 35 Jahren fand im Backstage-Raum der Alten Mälzerei in Regensburg dieses Interview schon einmal statt. Hans-Peter Falkner (Gesang, Steirische Harmonika) zog damals ein leicht beschädigtes Foto aus seiner Geldbörse. Es zeigte ihn, seinen Vater und seinen Großvater jeweils mit einem Akkordeon auf einer „Holzstiang“. Holztreppe übersetzt. Und der junge Falkner erzählte, welche Tradition er seit seiner Kindheit mit der diatonischen, steirischen Knopfharmonika verbindet. Aber auch, dass er nach dem gemeinsamen Familienmusizieren immer rausgegangen sei, um in die Linzer Punkszene einzutauchen.
Das Ergebnis war ab Ende der achtziger Jahre ein Sound mit dem das Duo in vielen Ländern ein nie kopiertes Alleinstellungsmerkmal erreichte. Die Klangbrücke aus dem tradierten Alpental in die New Yorker Bronx war exorbitant kurz - musikalisch. Ein Hochgeschwindigkeitsinferno aus mal harmonischen, mal stakkativen Akkordeonsounds, die teils klar, aber vielfach auch mit Soundeffekten gespielt zu einer faszinierenden Melange verschmolzen. Immer auf den Punkt! Und immer auch damit rechnend, dass die Diatonische zur Diabolischen mutiert, wenn Falkner auf sein Pedal tritt und das Akkordeon verzerrt Wah-Wah fauchen lässt.
Und neben ihm sitzt hinter einem minimalistischen Schlagzeug Markus Binder. Snare, Bassdrum, High-Hat und ein Becken. Mehr braucht er seit Jahren nicht. Früher hing da auch mal noch ein Tom. Heute greift er bei einem Song stattdessen zur Maultrommel. Irgendwann kamen dann auch Samples hinzu, die heute den Livesound noch mehr anschieben. Falkner kämpft einen Ringkampf mit seiner „steirischen Quetschn“, wie sie das vor der Show beim Interview nennen. Buchstäblich geht er mit seiner „Ziach“ in die Knie, wälgt sie auf Knöchelhöhe schwer durch und zelebriert doch einen auf den Punkt passenden Akkordeonsound, der fasziniert. Und bei all dem wechseln sie sich mit ihrem Mundartsprechgesang ab oder rappen im Duett. In ihrem österreichischen Schmäh nennen sie das „beiderseitiger Gesang“. Der Weg vom Gstanzl nach New York ist dann plötzlich ganz kurz.
Dabei haben sie auch viel zu sagen. Sozialkritisch waren sie schon immer. Und auch das neue Album wird mit dem „Song vom entspannten Sozialismus“ und „NTNZFZRT“ zwei hochaktuelle Themen aufgreifen. Letzteres spricht sich „Entnazifiziert“, was im Alpenraum ohnehin eine ganz eigene Bedeutung hatte und leider auch noch immer hat. Im Interview kündigen sie zudem an, dass es im April das neue Album „Wos“ geben wird. Eingedeutscht: „Was“. Und wie bei vielen ihrer Titel auch doppeldeutig zu verstehen als Frage, aber auch als Angebot für „Etwas“ Neues, nachdem ihr letztes Studioalbum 2021 in die Corona-Pandemie hineinstarten musste. Ihre Lebenseinstellung bleibt wie immer auf ein prägnantes Wort als Albumtitel reduziert. Ganz in der Tradition der früheren Alben: „Most“ (1991), „Pflug“ (1992), „Luft“ (1993), „Song“ (1997), „Sun“ (2002), „Dog“ (2005), „Flux“ (2011), „Clubs“ (2013), „Spot“ (2015) und „Drum“ (2021). Alle erschienen bei Trikont-Unsere Stimme, der Urmutter der deutschen Independentlabels, für das sie auch nach über drei Dekaden noch brennen. „Bei Trikont ist es uns immer gut gegangen. Es gibt nix Besseres für uns“, resümiert Falkner im nmz-Gespräch und ergänzt: „Trikont ist ein Label, das interessiert ist, das sich für seine Leute einsetzt, sowas musst du suchen“, hängt Binder noch in seiner Entspannheit auf der Couch liegend mit dran.
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