Neben der niedergeschriebenen und quasi kodifizierten Musik gibt es natürlich (!?) auch die Möglichkeit, sich auf seinem Instrument „frei auszutoben“ – das nennt man dann Improvisation. Dabei werden spontane Gedanken aus dem Stehgreif auf dem Instrument umgesetzt und zum Klingen gebracht. Man kann sich hierbei selbst Grenzen in den musikalisch-stilistischen Mitteln auferlegen, aber auch mit allem vorstellbaren Material arbeiten. Improvisation gehört bis heute in vielen Musikerausbildungen leider noch immer nicht zum Lehrplan. Acht Akkordeonisten haben sich in einem musikalischen Projekt den Möglichkeiten der Improvisation gemeinsam hingegeben.
Reihe Akkordeon Folge 10: ZUGumZUG
Das Jahr des Akkordeons in der nmz (Teil 10): ZUGumZUG
Bekanntes erklären und verfestigen und dabei Klischees aufknacken, Neues ans Licht bringen und die Vision einer Zukunft anreißen und bei allem einen Impuls in die Nachwuchsarbeit hineingeben – so könnte man kurz gefasst das Konzept der Aktion „Instrument des Jahres“ der Landesmusikräte zusammenfassen. Über einen Teil der Aspekte dieser Idee haben wir im Rahmen dieser Serie über das Akkordeon schon gesprochen. Heute wollen wir einen Blick in die Gegenwart, die Zukunft und einen viel zu wenig beachteten Teil der Musik werfen: die Improvisation.
Improvisation ist eigentlich etwas ganz Natürliches – kleine Kinder nehmen ganz selbstverständlich ein Musikinstrument und probieren es aus, dieses Ding, das Töne produziert. Ganz organisch machen (=spielen) sie das, was ihnen in diesem Moment gefällt [sic!] noch einmal, was sie nicht mögen, lassen oder vermeiden sie. Gut, dass es Erwachsene gibt, die ihnen dann (und das kommt wohl öfter vor, als uns lieb sein darf) das Instrument wegnehmen, weil es ja kaputtgehen könnte. „Du musst das erst einmal richtig lernen“, mögen sie vielleicht dabei sagen oder denken. Was dann irgendwann folgt, ist die Hinführung zur richtigen Literatur für das Instrument, das, womit Komponisten ihnen den Einstieg in richtige Musik bereiten. Und natürlich muss Technik erlernt werden – um es für das Klavier zu sagen: Czerny und Hanon. Ergebnis: Ende der Improvisation.
30 Akkordeonspieler begeben sich auf eine musikalische Reise durch den Raum. © Ralf-Thomas Lindner
So richtig zuhause ist die Improvisation nur im Jazz und der Kirchenmusik. Und in beiden Fächern wird sie auch sehr bewusst und zielgerichtet – oft von Anfang an – gelehrt. In fast allen anderen musikalischen Studienfächern kommt sie beispielsweise an den Hochschulen bis zum heutigen Tag nicht (oder nur ganz selten) vor. Diese Erfahrung trugen auch acht professionelle Akkordeonisten in sich, die das Projekt „ZUGumZUG“ ins Leben gerufen haben – Improvisation kam in ihrem Studium nicht vor. Vielleicht ist dieses Manko umso größer, wenn man ein relativ junges Instrument spielt, für das es altersbedingt nur ein recht überschaubares Repertoire gibt. Das Improvisieren haben sie sich alle selbst angeeignet.
Heute liest man in ihren Lebensläufen so Sätze wie „erschafft mit ihrem Instrument kontrastreiche Stimmungen, die von feinsten vibrierenden Tönen bis hin zu kraftvollen akzentuierten Klängen reichen. Ihr besonderes Interesse gilt dem musikalischen Erspüren von Atmosphären und zwischenmenschlichen Beziehungen“ (Katharina König), „der an der Schnittstelle von zeitgenössischer Musik, Jazz und freier Improvisation arbeitet“ (Vojta Drnek), „ist sehr interessiert an den Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Menschen auf klanglicher Ebene, jenseits von Sprache“ (Susanne Stock), „bewegt sich zwischen Neuer Musik, Improvisation und elektroakustischen Klangräumen“ (Silke Lange), „hat sich hauptsächlich einer Improvisationsidee verschrieben, die Elemente aus Jazz, Klassik, Folk und zeitgenössischer Musik miteinander verbindet“ (Florian Stadler) oder „umkreist seit nun gut 25 Jahren stilistisch ihr ungreifbares Instrument“ (Annette Rießner).
Improvisation kann man lernen. Karlheinz Stockhausen soll gesagt haben, dass man einen Ton solange spielen solle, bis man ihn nicht mehr hören könne, der Organist Karl-Heinrich Büchsel postulierte, dass es beim Improvisieren keine falschen Töne gäbe, und der Organist Peter Bares pflegte zu neuen Schülern, die sich bei ihm mit einer Improvisation vorgestellt haben, zu sagen, dass bei dem Schüler erst einmal die „harmonischen Finger“ gebrochen werden müssten. Ute Völker, neben Eva Zöllner Mitinitiatorin von ZUGumZUG, schwört auf das reichhaltige Hören von zeitgenössischer Musik – und darauf, dass man es einfach nur „tun“ müsse und es beim Spielen quasi automatisch lerne.
ZUGumZUG
Völker und Zöllner haben das Projekt ZUGumZUG entworfen, weil das Akkordeon im Zuge der Aktion „Instrument des Jahres“ in „den Fokus einer musikalischen Neubetrachtung zwischen Tradition und Avantgarde“ gerückt ist. Mit insgesamt acht professionellen Akkordeonisten und fünf Akkordeonorchestern an verschiedenen Standorten in Deutschland wollten und haben sie sich diesem Spannungsfeld gestellt und neue Perspektiven für ein Instrument, das aus ihrer Sicht „viel zu lange unterschätzt wurde“. Erst seit den 1980er Jahren hat es sich einen festen Platz in der zeitgenössischen klassischen Musik erarbeitet.
Gleichzeitig kämpfen Akkordeonorchester heute ums Überleben. Hier setzt ZUGumZUG an: Der Klangapparat der Akkordeonorchester soll neu gedacht werden. „In einem experimentellen Prozess entwickeln die beteiligten Musiker:innen ein Programm, das Improvisation, Komposition und Performance miteinander verbindet“, beschreiben die beiden Initiatorinnen das Projekt. „Bestehende Werke werden transformiert, folkloristische Elemente aufgegriffen und in einen zeitgenössischen Kontext überführt. Raum, Bewegung und Klang verschmelzen zu einem immersiven Konzerterlebnis.“
Dreiteiliger Konzertabend
Für den Auftakt des Konzertes wurde eigens eine Komposition in Auftrag gegeben: Ergebnis war der „Salut für Cyrill Demian“ des Komponisten Osvaldo Budón, der zu den führenden zeitgenössischen Komponisten in Uruguay und Südamerika gehört. Die Komposition ist für frei im Raum agierende Akkordeonisten – Solo-Akkordeonisten und das in Teile aufgesplittete Akkordeonorchester – konzipiert. Sie verbindet Klang und Bewegung zu einer dichten, körperlichen Erfahrung. Dabei bekommt jeder Mitspieler eine eigene Partitur und einen Bewegungsplan für sich im Raum. Die Choreographie stammt von Thusnelda Mercy und erweitert das musikalische Geschehen um eine visuelle und performative Dimension, in der sich die Musiker als bewegte Klangkörper durch den Raum entfalten.
Im zweiten Teil des Programms hatten die jeweils teilnehmenden Akkordeonorchester (in jedem der Konzerte ein anderes regionales Orchester) die Möglichkeit, sich und ihr ureigenstes Repertoire vorzustellen. Hier wurde die Leistungsstärke, die Vielfalt und die Lebendigkeit dieser Klangkörper wunderbar sichtbar!
Der dritte Teil des Konzertes war nach Standort unterschiedlich, diente aber einer weiteren Steigerung des bereits Erlebten und der verwendeten musikalischen Mittel und Techniken. Im Konzert im Kunstraum Heilig Geist am Essener UNESCO‑Weltkulturerbe Zollverein haben die acht Profis eine gemeinsame Improvisation auf die Bühne gebracht. Dabei war harmonisch und melodisch vieles Neues zu hören, aber auch neue Spieltechniken und Umgangsweisen mit dem Akkordeon zu hören und zu sehen. Wichtig war bei dieser Improvisation die bewusste Nutzung und Einbeziehung des Raumes in das musikalische Geschehen – in jedem Fall war hier das Akkordeon in seiner gesamten Bandbreite hör- und erlebbar. Aber das sollte man sich (s. der Link dazu unter „Klänge“) selbst anhören!
Information:
- Homepage des Projektes ZUGumZUG: http://www.zugumzug2026.de
Klänge:
- Das gesamte ZUGumZUG-Konzert: Streame Songs von ZUGumZUG | Spotify
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