Seit Monaten beschäftigt der Plan eines großen Musikhauses die Münchner Öffentlichkeit. Daß ein Musikhaus in der bayrischen Hauptstadt geschaffen werden muß, ist unbestritten. Die staatliche Musikakademie reicht mit ihren Räumen im alten Bau des Odeons schon lange nicht mehr aus, der Konzertverein benötigte ebenfalls geeignetere Säle für seine stets gut besuchten Volkssinfoniekonzerte, als sie in der Tonhalle zur Verfügung stehen, die Deutsche Stunde in Bayern endlich ist im Dachgeschoß des Verkehrsministeriums nur vorläufig notgedrungen untergebracht worden, wo sie aber nicht mehr lange bleiben kann. Infolgedessen haben sich der bayrische Staat, der Konzertverein München, die Deutsche Stunde in Bayern und die Stadtgemeinde München zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um gemeinsam für ihre sich berührenden Zwecke ein großes, repräsentatives Musikhaus zu bauen und dessen Kosten daher wesentlich geringer zu halten, als wenn jeder der vier Interessenten einzeln für seine besonderen Bedürfnisse sich passende Räume schaffen würde.
Neue Musik-Zeitung – Vor 100 Jahren
Vor 100 Jahren: Der Plan eines Münchner Musikhauses
Während man sich aber über das Ziele einig ist, gehen die Ansichten über den Raum, auf dem das Musikhaus erstehen soll, noch sehr auseinander. Zuerst wurde der Platz des alten botanischen Gartens am Glaspalast in der Nähe des Hauptbahnhofs in Aussicht genommen. Gegen die Überbauung dieses einzigen größeren freien Raumes im Bahnhofsviertel nahm aber ein großer Teil der Münchner Bevölkerung entschieden Stellung und ist mit der Verwirklichung dieses Planes wohl nicht mehr zu rechnen. Weiter wurde als Platz für das Musikhaus der Hof der früheren Türkenkaserne an der Barerstraße gegenüber der alten Pinakothek vorgeschlagen. Hier würde das Musikhaus zweifellos eine würdigere und ruhigere Umgebung finden als im verkehrsreichen Bahnhofsviertel mit seinen nüchternen Geschäftshäusern. Andererseits wäre zur Ausführung dieses Planes die Niederlegung eines Teiles der alten Türkenkaserne erforderlich, wodurch etwa fünfzig dort wohnende Familien ihre Wohnung verlieren würden.
Auch der Verwirklichung eines dritten, von Professor Riemerschmied stammenden Planes stellen sich erhebliche Schwierigkeiten entgegen. Die in diesem Falle vorliegenden Entwürfe verdienen aber Beachtung dadurch, daß nach ihnen dem Reiche der Musik eine Stätte bereitet werden würde, wie sie ähnlich nur wenige andere Städte aufweisen dürften.
Vor 100 Jahren: Der Plan eines Münchner Musikhauses
Der Entwurf Prof. Riemerschmieds sieht als Platz für das Musikhaus der Garten des Finanzministeriums an der Galeriestraße vor. Eine monumentale Langfront würde auf die Arkaden des Hofgartens aufgebaut werden und von ihr aus die übrigen Baulichkeiten über die Galeriestraße hinweg sich in den Garten des Finanzministeriums erstrecken. Ein geräumiger Flügel wurde die Akademie der Tonkunst aufnehmen, der Hauptbau würde einen sehr großen festlichen Saal mit Bühne, einen mittleren und einen kleinen Saal enthalten, während nach dem Englischen Garten zu sich eine Gaststätte mit Gartenterrasse anschließen würde. Büroräume und Wandelhallen sind ebenfalls vorgesehen. Der modern und großzügig gehaltene Entwurf Prof. Riemerschmieds würde etwa sechs Millionen Mark Kosten verursachen, während bei einem Einzelvorgehen der vorher genannten vier Körperschaften sich eine Gesamtbausumme von mindestens zwölf Millionen Mark ergeben würde.
Vor 100 Jahren: Der Plan eines Münchner Musikhauses
Der Platz am Hofgarten wäre für ein Münchner Musikhaus, das ein Kunst-und Kulturmittelpunkt ersten Ranges zu werden bestimmt ist, außerordentlich günstig. Die ruhige Lage mit der stimmungsvollen Umgebung, der Residenz gegenüber und dem Armeemuseum zur Seite, andererseits dem Ausblick auf den Englischen Garten sprechen sehr für diesen Plan. Bedenken entstehen aber aus der Tatsache, daß durch den Bau des Musikhauses nach dem Riemerschmiedschen Plane die Galeriestraße zugebaut würde und eine neue Verbindungsstraße zur Von-der-Tann-Straße angelegt werden müßte, durch die dann auch die Straßenbahn von der Galeriestraße aus zu leiten wäre. Diese erheblichen Verkehrsschwierigkeiten waren der Hauptgrund, der gegen den Riemerschmiedschen Entwurf bisher angeführt worden ist. Die kürzlich im bayrischen Landtag erfolgte Beratung über das Münchner Musikhaus führte zu keinem Ergebnis, die Lösung der Frage ist einstweilen noch vertagt worden. Selbst wenn aber eine Einigung nicht erzielt werden könnte, so bliebe doch ein Plan wie der Riemerschmiedsche auch als „Architektur, die nicht gebaut wurde“, ein bemerkenswertes Zeichen dafür, daß man in München versucht hat, ein Musikhaus modernster Art als großes repräsentatives Volkshaus, als ein geistiges und kulturelles Zentrum zu schaffen dadurch, daß den praktischen Bedürfnissen von vier großen Körperschaften zugleich Rechnung getragen würde. Da die Mittel zum Bau des Musikhauses den vier Interessenten bereits zur Verfügung stehen, kann auch der Einwurf, es würde durch diesen Bau dem so dringend notwendigen Bau von Wohnhäusern Geld entzogen, nicht erhoben werden. Man darf gespannt darauf sein, wie die für München so wichtige Frage des Musikhauses ihre Lösung finden wird.
A. Dresler, Neue Musik-Zeitung, 47. Jg., 1. Mai-Heft 1926
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