Erstaunlich ist, dass es das Business überhaupt noch gibt. Denn eigentlich arbeitet fast jeder in der Halle im Modus der Selbstausbeutung. Fragt man herum, wird geseufzt. CDs? Macht man vielleicht noch als Visitenkarten für die paar unverbesserlichen Veranstalter:innen, die weiterhin etwas Festes in der Hand halten wollen. Vinyl? Schön und teuer, aber ein Geschäft sind Langspielplatten nicht. Streams? Generieren geschätzt 15 Euro Jahreseinnahmen pro Künstler:in ohne Chart-Erfolg. Sie sind also aus Sicht der Kreativen eine vernachlässigbare Größe. Kürzungen im Kulturbereich? Die sind von allen Seiten zu spüren, besonders sichtbar an prominenten Grablegungen wie der des XJazz!-Festivals, das vor allem angesichts Berliner Kulturturbulenzen nicht mehr sicher planbar war.
Treffpunkt der Branche: die jazzahead! 2026. Foto: Jens Schlenker/jazzahead!
Die Neugier bleibt groß
Und dann ist da noch KI, der bislang kaum regulierte Troll aus den globalen Rechenzentren, der alte Geschäftsmodelle pulverisiert. Es ist wirklich erstaunlich, dass die Stimmung unter den Fachteilnehmern der jazzahead! trotz allem nicht schlecht war. Denn Jazz ist mehr denn je eine Kunst der Resilienz und man merkt an einigen gefragten Themen, dass durchaus nach Lösungen gesucht wird, die angesichts der Krise Rettungsanker bieten. Ein Panel wie „Anyone Can Book A Gig“ zum Beispiel, bei dem Szeneprofis wie die Agentin Katherine McVicker Tipps zur organisatorischen Selbsthilfe gaben, platzten vor Interessent:innen aus den Nähten.
Neugier war groß
Überhaupt war die Neugier der Fachbesucher:innen groß. Immerhin 2984 Fachteilnehmer:innen aus 62 Ländern tummelten sich über die drei Messetage hinweg an den Ständen und gehörten zu den Zuhörenden der 38 Showcase-Konzerte. „Die jazzahead! ist weltweit das größte Branchentreffen seiner Art“, meint Sybille Kornitschky, seit der Gründung der Messe 2006 Leiterin der jazzahead!, und ergänzt: „Und sie ist inzwischen auch ein Festival, das neben der Messe über 30 Spielstätten im Bremer Stadtgebiet füllt. Wir haben uns vom nationalen Spezialistentreffen zu einem globalen Marktplatz entwickelt. Denn Jazz kann nicht für sich alleine stehen. Er braucht den Austausch, nicht nur künstlerisch, sondern auch ökonomisch. Für sich alleine hätte es die Entwicklung nicht gegeben. Dann hätte die jazzahead! eine Nabelschau des heimischen Jazz werden können, so wie man es aus anderen Ländern kennt. Aber das war nicht unser Plan. Wir wollten den Jazz aus den Kellern holen – wo er natürlich auch weiterhin seine Berechtigung hat – und das Feld für die Künstler:innen und die Musik weiten.“
Kooperationen
Damit das über zwei Jahrzehnte hinweg so laufen konnte, wurden zahlreiche Formen der Kooperation entwickelt. Das Partnerland im Jubiläumsjahr Schweden zum Beispiel war mit vielen Initiativen und Vertreter:innen vor Ort, von Künstlern wie Magnus Öström oder Joel Lyssarides bis hin zu Projekten der Swedish Performer Rights Society STIM, die ein Lizenz-System zur Rechtewahrung vorstellte, das auf die Herausforderungen von KI-generierter Musik reagiert. Das Konferenz-Programm brachte aktuelle Themen wie Gendergerechtigkeit beim Booking, die drohende Verödung der Rundfunklandschaft durch algorithmisch kuratierte Programme oder auch die Notwendigkeit für Aktivismus in einer tendenziell unpolitischen Kunst auf die Panel-Podien. Praktische Formate wie Speed Datings zwischen Veranstalter:innen, Agent:innen und Künstler:innen wurden intensiv genutzt. Der Themen-Schwerpunkt „Jazz aus Afrika“, der drei Jahre lang das Show-Case-Programm und viele Meetings prägte, ging mit gefeierten Konzerten wie dem des Trompeters Sydney Mavundla ins Finale. Als nächster internationaler Fokus ist dann von 2027 an der Jazz der Pazifischen Länder im Mittelpunkt, außerdem beerben die Baltischen Staaten Schweden als Partnerland.
Öffentliche Konzerte
Für die Außenwirkung der jazzahead! sind außerdem die öffentlichen Showcase-Konzerte in der Messehalle und im Kulturzentrum Schlachthof wichtig. Manche Künstler:innen wie die Trompeterin Laura Jurd oder die Saxophonistin Yvonne Moriel haben bereits ein solides Standing auf heimischen Bühnen, andere schaffen es wie der kanadische Pianist Jeremy Ledbetter, mit angenehm anspruchsvollem Trio-Sound viel neue Aufmerksamkeit zu wecken.
Die Stadt Bremen, und erstmals auch Bremerhafen, profitieren außerdem von den zum eigenen Festival herangereiften Club-Nächten der jazzahead! mit rund 120 Konzerten auf 45 Bühnen. Und dann ist da noch der Deutsche Jazzpreis, der trotz organisatorischer Unabhängigkeit als eine Art Messefinale im Congress Centrum Bremen stattfand. Seine Strahlkraft als Selbstdarstellung der Szene hielt sich allerdings in Grenzen, auch weil sich angesichts stagnierender Förderungen die Notwendigkeit von Pomp im TV-Format nicht erschließt. Für die jazzahead! insgesamt jedenfalls war die Jubiläumsausgabe ein Erfolg. Sie bewährt sich als Netzwerkknoten einer weit verzweigten Szene voller unterschiedlicher Bedürfnisse. Und sie blickt nach vorne, zur nächsten Messe vom 21. bis 24. April 2027.
- Infos: www.jazzahead.de
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