Nach einem ersten Onlinetermin im Januar fanden im Februar und März Informationsveranstaltungen für Mitglieder statt, um den Vorschlag von Aufsichtsrat und Vorstand zur Neuausrichtung der GEMA Kulturförderung vorzustellen. Über diesen wird als Antrag in der Mitgliederversammlung im Mai 2026 abgestimmt werden. Für die neue musikzeitung berichtet Bernhard Plechinger nicht in erster Linie als Journalist und objektiver Berichterstatter, sondern auch in seiner Rolle als Komponist und selbst von den geplanten Neuerungen Betroffener:
Eine Situation zum Haareraufen. Foto: Bernhard Plechinger
„Jeder kriegt das, was er verdient“
Ich muss kindlich naiv bleiben! Ich muss und will daran glauben, dass sich Menschen gegenseitig unterstützen und das Beste füreinander wollen. Und sehr viele Menschen in meinem Umfeld bestätigen mir, dass das keine verlorene Hoffnung ist. Wenn das nicht mein Mantra wäre, müsste ich aufgeben.
Umso verwirrender finde ich manche Fragestellungen und Antworten in Politik und Kulturwirtschaft: „Wie gehen wir mit einer neuen Flüchtlingswelle um?“ WTF? Wie wär’s mit: Wie können wir Menschen in Not, die aus ihrer Heimat fliehen und alles zurücklassen, am besten auffangen und helfen? „Die Leute sind verwirrt von Aufschriften wie ‚Schnitzel‘, obwohl da kein Fleisch drin ist“… Eine Gegenrede erübrigt sich.
Aber auch: Wie können wir die GEMA gerechter gestalten? Kann die Antwort darauf tatsächlich heißen: Die E-Musik hat zu viel, das müssen wir dort wegnehmen und neu verteilen! Ernsthaft? Erstaunlich auch der Flyer auf den Infoveranstaltungen der GEMA in verschiedenen Städten Deutschlands: Eine einzige Grafik ist dort zu finden, die die durchschnittliche Kulturförderung der GEMA Urheber:innen darstellt in einer Gegenüberstellung von E und U. Ein Durchschnittsverdienst der Sparten daneben hätte vielleicht aufgezeigt, warum dieses Förderungsverhältnis so ist/war? Und schwupps bin auch ich in die Falle getappt. Ich diskutiere über ein konstruiertes Thema, wobei Lösungen zu einer genreoffenen Förderung ganz anders funktionieren könnten. Und vor allem: Ich diskutiere zwischen/gegen/mit den Sparten U und E. Dorthinein treibt dieser Reformansatz, diese Antwort auf eine berechtigte Frage, einen Keil. Ich muss daran glauben, dass Kunst nicht marktbestimmt, kommerziell gedacht wird, davon bestimmt wird, dass die mit Geld bestimmen, wie es läuft. Das passiert doch schon überall, lasst das nicht auch noch in der Kunst geschehen!
Verwirren und ablenken
Leider haben all diese Fragen und Antworten eines gemeinsam: Sie wollen verwirren, wollen ablenken davon, worum es eigentlich geht. Von Intentionen, die nicht genannt werden wollen oder sollen. Zum Beispiel: Welche Rolle spielen Sony, Universal und Co. im Kontext der gewählten Fragestellungen?
Aber zurück zur „Kulturförderung“ der GEMA: „Jeder kriegt das, was er verdient“ – so wurde auf der GEMA Info-Veranstaltung meine Nachfrage der argumentierten „gerechteren“ Direktverteilung anstelle der kollektiven, beantwortet. Die Frage bezog sich darauf, dass für mich das Thema Solidarität im Kontext Gerechtigkeit eine große Rolle spielt. Eigentlich muss es nicht erwähnt werden. Aber TROTZDEM: Was ist mit unterschiedlichen Bildungs-/Aufstiegs-/Selbstverwirklichungs-Chancen? Ist „Jeder kriegt das, was er verdient“ wirklich ein Satz, den sich ein Verein aus Künstler:innen auf die Fahne schreiben möchte? Ist dieser Gedanke die Grundlage für die grandiose Idee: Die, die mehr erwirtschaften, sollen auch mehr gefördert werden? Überspitzt: Macht die Reichen noch reicher? (Aufgepasst: Ich spreche hier nicht von U!) Abgesehen davon, auf wie vielen Ebenen ich diese Aussage sehr bedenklich finde.
Verwertungsgesellschaften-Gesetz
In diesem Kontext ein kurzer unkommentierter Auszug aus dem Verwertungsgesellschaftengesetz:
§ 32 Kulturelle Förderung; Vorsorge- und Unterstützungseinrichtungen
(1) Die Verwertungsgesellschaft soll kulturell bedeutende Werke und Leistungen fördern.
(2) Die Verwertungsgesellschaft soll Vorsorge- und Unterstützungseinrichtungen für ihre Berechtigten einrichten.
(3) Werden kulturelle Förderungen und Vorsorge- und Unterstützungseinrichtungen durch Abzüge von den Einnahmen aus den Rechten finanziert, so hat die Verwertungsgesellschaft die kulturellen Förderungen und die Leistungen der Vorsorge- und Unterstützungseinrichtungen nach festen Regeln, die auf fairen Kriterien beruhen, zu erbringen.
Der Antrag der GEMA zu, wie sie sagen, Kulturförderung, schießt sich bei näherer Betrachtung selbst ins Aus. Das wurde zuhauf dargelegt: Vor allem, warum am Ende E UND U nicht gut dastehen. Zuletzt im 2. offenen Brief der Rektorenkonferenz, auf den der stellvertretende GEMA Vorstandsvorsitzende ehrlicherweise beschämend reagierte.
Neuen Fokus setzen
Deshalb, lasst uns nicht weiter in diese Kerbe schlagen, lasst uns einen neuen Fokus setzen, neue Fragen suchen und neue Antworten finden: Welche Lösungsansätze wurden vorgebracht, die nicht die E-Musiker:innen aus ihren Villen am Tegernsee treiben? (Ironie?) Lasst uns nicht U gegen E und andersherum argumentieren. Denn: Es gibt weitere Anträge im Mai zur Abstimmung bei der Mitgliederversammlung!
Schon seit geraumer Zeit existieren Ideen, was alles für die Kulturförderung im Land getan werden kann: Die GEMA könnte Impulse in Richtung einer Quote bezüglich etwa im Radio gespielten inländischen Repertoires geben. Wenn laut Aussage des Aufsichtsratsvorsitzenden Ralf Weigand 80 Prozent der Erträge ins Ausland gehen (Infoveranstaltung Berlin, März 2025), bleiben fürs Inland von der Verteilungssumme von 1,133 Milliarden bloß rund 226 Millionen (errechnet anhand des Geschäftsberichts 2024).
Der Gesetzgeber kann durch Impulse der GEMA weitere Kulturförderungsoptionen in Erwägung ziehen. Welche Initiativen wurden da ergriffen, bevor Existenzen von E-Komponist:innen ins Wanken gebracht wurden? Der Anteil von 30 Prozent der Fördermittel für die Sparte E könnte reduziert werden und die Sparte sich intern neu strukturieren.
Eine weitere Frage, die mich umtreibt: Was würde passieren, wenn man den von der GEMA erwähnten Druck der Majors ignoriert und diese austreten. Wie würde die GEMA funktionieren ohne die Swifts dieser Welt? Bricht alles zusammen, oder kann sich die GEMA für ihre Mitarbeitenden-Feier nur BossHoss nicht mehr leisten?
Seit Mitte März sind auch die genannten Anträge der Mitglieder zur Abstimmung auf der MV im Mai auf der Webseite der GEMA einsehbar. Da gibt es interessante Ideen: Zum Beispiel die Definition von E-Musik so zu erweitern, dass sie inklusiver und genreoffen wird. Bei ähnlicher Struktur der jetzigen.
Klare funktionale Trennung: Verteilung – Wertung – Förderung
Das Modell beruht auf einer klaren Systemarchitektur:
- Verteilung bildet konkrete Nutzung ab. [unteres Segment Kollektiv, höheres Segment Direkt]
- Wertung bildet wirtschaftliche Relevanz über das Aufkommen ab.
- Förderung unterstützt neue Werke unabhängig vom Marktaufkommen. (Mitgliederantrag zur ordentlichen Mitgliederversammlung 2026 „Antrag auf Auflösung bzw. Neudefinition der Sparte E, Einführung eines E-INKA, eines genreoffenen Förderungsverfahrens, eines geöffneten Allgemeinen Wertungsverfahrens sowie eines Übergangfonds“)
Weitere Auszüge aus bestehenden Anträgen:
- Für Veranstaltungen mit einem auf das einzelne Werk entfallenden Inkassoanteil bis einschließlich 100,00 Euro erfolgt die Verteilung kollektiv. („Änderungsantrag zum Antrag „Die neue GEMA Kulturförderung“ von Vorstand und Aufsichtsrat – Verteilung CCL“)
- Auf Vorschlag des Aufsichtsrats wählt die Mitgliederversammlung alle 3 Jahre die Förderkommission, die mit 5 Vertretern der Sparte L (2 Komponisten, 2 Textdichter, 1 Verleger) und 4 Vertretern der Sparte CCL (je 2 Komponisten, 1 Textdichter, 1 Verleger) zu besetzen ist. Zudem werden 6 Stellvertreter gewählt, für jede Sparte 3 Stellvertreter, je 1 Komponist, Textdichter und Verleger. („Änderungsantrag zum Antrag des Vorstands und Aufsichtsrats ‚Neue Kulturförderung‘ zur Förderkommission“)
Es existieren haufenweise Fragen und Antworten, mit deren Hilfe sich gemeinsam Wege im Sinne einer vielfältigen Kulturlandschaft finden lassen. Vielleicht könnte der Satz „Gehen ein E-Komponist, ein Singer-Songwriter und ein Textdichter in eine Bar“ kein Anfang eines Witzes sein, sondern der Beginn einer Erzählung, wie sie die Köpfe zusammen strecken, grübelnd über Fragen der Kunst und deren Existenzerhalt.
Ich freue mich auf die Präsentation und Erläuterung der GEMA dieser Anträge, damit auch diese für alle verständlich werden.
Aber, wenn ihr mir nur meine Naivität austreiben wollt – versucht’s erst gar nicht. In dem Sinne, bleibt bunt!
Bernhard Plechinger (*1994) ist ein Komponist mit Wohnsitz in Köln. Von 2014 bis 2019 studierte er gymnasiales Lehramt mit den Fächern Musik und Geographie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst und der Goethe Universität Frankfurt.
Neben seinem Schwerpunktfach Musiktheorie bei Christian Raff erhielt er zeitgleich von 2016–2020 Kompositionsunterricht bei Prof. Gerhard Müller-Hornbach. Ein Studium bei Prof. Moritz Eggert und Kurse bei Stefan Hakenberg und Georg Friedrich Haas schlossen sich an. Wichtige Impulse erhielt er außerdem von Prof. Markus Hechtle. In seiner Arbeit verschließt sich Bernhard Plechinger vor keinem Genre, sondern stellt immer den zu vermittelnden Inhalt in den Fokus. Diesem versucht er sich weitestgehend zu nähern und nutzt dazu auch genreübergreifend alle zur Verfügung stehenden Mittel. Zu seinem Repertoire zählen verschiedene Musiktheater, Orchester- und Kammermusik, Chorwerke und zahlreiche Stücke der Gattung Lied. Diese wurden bereits international von professionellen Ensembles (HR-Sinfonieorchester, Ensemble Musikfabrik etc.) und auf diversen Festivals gespielt. Für die nmz ist Plechinger als Social-Media-Redakteur tätig.
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