Ästhetische Überprüfungen in Porträts

Rück- und Ausblick auf die musica-viva-Spielzeit 2018/19: Peter Ruzicka, Beat Furrer und bald Peter Eötvös


(nmz) -
Seit ihrer Gründung kurz nach dem Krieg durch Karl Amadeus Hartmann erfindet sich die musica viva immer wieder neu. Standen anfangs unter den Nationalsozialisten verbotene Werke im Zentrum, waren es später Konzerte ausschließlich mit Uraufführungen oder Programme, die bereits andernorts erprobte Werke mit neuen mischten. Seit 2011, als Winrich Hopp, der in den 1990ern schon Programmkurator der Reihe des Bayerischen Rundfunks für zeitgenössische Musik gewesen war, die Leitung der musica viva übernahm, hat er immer wieder andere Schwerpunkte gesetzt und stets mit Neuerungen überrascht.
Ein Artikel von Klaus Kalchschmid

So begann die aktuelle Saison nicht mit einem Konzert des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, sondern mit einem Gastspiel des Ensemble Modern Orchestra unter Leitung von Enno Poppe. Am Anfang standen Hauptwerke von Anton Webern, dem Urvater aller seriellen Musik, aus den Gattungen Klavier (op. 27), Streichquartett (op. 9), Orchester (opp. 10, 30) oder Lieder für Sopran mit großer Instrumentalbegleitung. Da gab es so viel musikalische Intensität und Reichtum auf engstem Raum, dass in Herz und Hirn kaum Platz blieb für das große Orchesterwerk nach der Pause, Mathias Spahlingers passage/paysage, komponiert 1989/90: was für ein komplexer Koloss mit den unterschiedlichsten Teilen und dann doch immer wieder fast kammermusikalisch aufgefächert!

Mehrfach stellte die musica viva in letzter Zeit einen Komponisten in den Mittelpunkt eines Abends oder gar Wochenendes, so an einem langen Wochenende im März 2018 Gérard Grisey und Georges Aperghis oder im Herbst letzten Jahres Peter Ruzicka: Aus Anlass seines 70. Geburtstags dirigierte er im Oktober von ihm selbst ausgewählte Werke: beginnend mit den gut dreißig Jahre alten, höchst unterschiedlichen, packenden „Fünf Bruchstücke“ und als Höhepunkt der Uraufführung von Loop für Trompete (Flügelhorn), Piccolotrompete und Orchester aus dem Jahr 2017, ein rasant nervöses Stück, das freilich unmittelbare Wirkung besitzt. „Flucht“, im Untertitel „Sechs Passagen für Orchester“ genannt, bildete den Schlusspunkt.

Im März folgte ein zweiteiliges Komponisten-Porträt von Beat Furrer mit Oper und Konzert, Kammermusik in jeglicher Besetzung und einem großen, mehrteiligen Werk für Chor a cappella. Zum zweiten Mal – nach der Verleihung des Siemens-Musikpreises an ihn im letzten Jahr im Prinzregententheater – wurde der anwesende Komponist in München herzlich gefeiert. Kurz nach der Uraufführung seiner Oper „Violetter Schnee“ an der Berliner Lindenoper  auf einen Text von Händl Klaus nach einer Vorlage von Vladimir Sorokin kam das Publikum im Herkulessaal der Residenz in den Genuss einer halbstündigen „Konzertfassung“ des hochkomplexen, spannungsvollen 17-minütigen Prologs für Orchester, der Streicher und Bläserballungen räumlich gegeneinander setzt, und zweier „Schnee-Szenen“ daraus. Irritierend und seltsam isoliert wirkten zwei „Traumvisionen“ aus der Oper, eine Arie Silvias (Yeree Suh), die das Explodieren einer Hornisse in einer Bratsche fantasiert, und ein Duett Silvia/Natascha (Sophia Burgos), beides durchsetzt mit im lateinischen Original vorgebrachten Silben aus „De rerum natura“ von Lukrez. Das aufregendste Werk dieses Abends, bei dem auch das Klavierkonzert von 2007 mit Nicolas Hodges als Solist auf dem Programm stand, waren die sieben Stücke für Chor a cappella unter dem Titel „Enigma“ auf Texte von Leo-nardo da Vinci aus seinen „Profezie – Prophezeihungen“ in Erstaufführung des Gesamtzyklus. Der Chor des Bayerischen Rundfunks widmete sich unter Leitung von Rupert Huber mit Hingabe und höchster Konzentration diesen eigentümlich in die Zukunft weisenden, hochpoetisch-philosophischen Texten in höchst vielfältigen Vertonungen von Beat Furrer, die von tonalen Modulen und Flüstern bis zur doppelchörigen Auffächerung reichte.

Ein bisschen passte der Titel „Enigma“ tags darauf in der Allerheiligen -Hofkirche auch auf die Kammermusik Furrers mit Mitgliedern des Klangforum Wien, das der Komponist 1985 gründete und welches seither eines der wichtigsten Ensembles für zeitgenössische Musik wurde. „spur“ für Klavier und Streichquartett aus dem Jahr 1998 flankierten Duos, einmal Bassflöte plus Sopran (Katrien Baerts), einmal Bassflöte plus Kontrabass. Ersteres war ebenfalls ein Opern-Schnipsel, diesmal aus „Invocation“, uraufgeführt 2003 in Zürich. Bei „Ira-Arca“ für Bassflöte (Eva Furrer) und Kontrabass (Uli Fussenegger) müssen die beiden Interpreten der Uraufführung (2012) in der Dichte der Ineinanderverzahnung der beiden Instrumente höchste Virtuosität beweisen. Begonnen hatte das Kammerkonzert mit „Kaleidoscopic memories“ für zwei Kontrabässe von 2018. Da war das Publikum noch ausgeruht und konnte sich den 21 Minuten eines schwer beschreibbaren, aber durchaus eingängigen Vexierspiels mit weit geöffneten Ohren hingeben. Anstrengender war das Hören der beiden Stücke für Streichquartett und Klavier beziehungsweise Streichquartett und Klarinette. Letzteres beschloss den Abend und war erschöpfend in mehrfacher Hinsicht: Fast durchweg komponiert im Piano-Bereich mit viel Flageolett, besteht es aus immer wieder fein sich reibenden Klängen und schraubt sich am Ende scheinbar immer höher, bevor die Klarinette endlich sich aus den Fängen der Streicher befreit und lustvoll derb zu tröten beginnt. Aber bevor sie so richtig loslegen kann, ist das Stück – und der höchst anspruchsvolle, anstrengende Abend – zu Ende.

Der 75-jährige Peter Eötvös ist der vorerst letzte Komponist, dem am 3. Mai die Ehre eines ebenfalls von ihm selbst dirigierten Porträts zuteil wird, da sich die musica viva in der nächsten Spielzeit wieder vermehrt gemischten Programmen und diversen Uraufführungen widmet. In „The gliding of the eagle in the skies“ ließ Eötvös sich vom Bild eines in hoher Luft gleitenden Adlers inspirieren, das in einem baskischen Lied besungen wird. „Alle vittime senza nome“ erinnert an die unzähligen, namenlosen Menschen, die auf dem Weg in ein besseres Dasein im Mittelmeer den Tod fanden. „Halleluja – Oratorium balbulum“ auf ein Libretto von Péter Esterházy bezieht sich auf den stotternden mittelalterlichen Mönch Notker Balbulus und ist eine hintersinnig ironische Bestandsaufnahme der Gegenwart. In „vier Fragmenten“ agieren Chöre und Engel sowie ein stotternder Prophet, der zugleich der Erzähler ist – hier Matthias Brandt – und von sich sagt: „Meine Geschwätzigkeit ist struktureller Natur, somit ein nicht verbesserbarer Fehler.“ Eötvös reichert das 2016 bei den Salzburger Festspielen uraufgeführte Werk mit Zitaten aus Bachs „Ich hatte viel Bekümmernis“, Händels „Messiah“ und Mussorgskys „Boris Godunow“ sowie Gospels an.

Neben den Konzerten mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks spielten bei der musica viva immer wieder bedeutende Dirigenten und Gast-Orchester wie die Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan, das Ensemble Intercontemporain oder BBC Symphony unter Pierre Boulez. Daran knüpfen die räsonanz Stifterkonzerte der Ernst von Siemens Musikstiftung an; deshalb passen SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg,  Mahler Chamber Orchestra, Chamber Orchestra of Europe oder jetzt London Symphony gut zur musica viva, die hier aber „nur“ als Veranstalter auftritt. Sir Simon Rattle hat ein ambitioniertes, spannendes und mehrheitstaugliches Programm mit München-Bezug zusammengestellt: Mark- Anthony Turnages Oedipus-Oper „Greek“ wurde 1988 bei der ersten Münchner Biennale für neues Musiktheater uraufgeführt und viel gespielt. Der britische Komponist leitet den Titel „Dispelling the Fears“ vom gleichnamigen, düsteren Gemälde der australischen Malerin Heather Betts ab. Harrison Birtwistle bekam 1995 den Siemens-Musikpreis in München; über sein halbstündiges „The Shadow of Night“ schrieb er: „Ich erhielt Inspiration von zwei dunklen Quellen, Albrecht Dürers Stich ‚Melencholia‘ (1514) und John Dowlands berühmten Song ‚In Darkness Let Me Dwell‘.“ John Adams‘ 40-minütige Harmonielehre geht auf einen Traum des Komponisten zurück, in dem er einen riesigen Tanker sah, der aus der Bucht von San Francisco aufstieg und plötzlich wie eine Rakete abhob.

Das räsonanz-Stifterkonzert in der nächsten Spielzeit mit dem ersten Münchner Gastspiel des Orchestre les Siècles unter François-Xavier Roth setzt dagegen eine Tradition aus den Gründerjahren der musica viva fort und kombiniert ganz alte Musik – eine Suite aus Jean-Philippe Rameaus „Les Boréades“ – mit Werken von Varèse und Philippe Manoury aus dem 20. Jahrhundert. Auf den Programmen anderer Konzerte stehen Hans Zenders „33 Veränderungen über 33 Veränderungen“, seine höchst eigenwillige, weit von Beethoven sich entfernende „komponierte Interpretation“ der Diabelli-Variationen, oder John Adams‘ launige „Grand Pianola Music“ mit dem GrauSchumacher Piano Duo, das letztes Jahr bei der musica viva mit Debussy und Bernd Alois Zimmermann Furore machte, sowie den drei Sängerinnen vom Trio Mediaeval. Außerdem gibt es in drei von fünf Konzerten Werke von Komponistinnen: Nina Šenk, Olga Neuwirth und Milica Djordjevic.

Beat Furrer, glücklich. Alle Fotos: Astrid Ackermann

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