Bedingungsloses Grundprekariat

Cluster 2020/07 – Martin Hufner


(nmz) -
Zeiten sind das. Wurstwaren, Flugzeuge, Konzertsäle. Der Kulturkompass scheint unter dem Eindruck von Hepa-Filtern, Kühlanlagen, Lebensbedingungen und Arbeitsverträgen verrückt zu spielen. Eine ungeheure Energie wird darauf verwandt, Dinge zu vergleichen, die irgendwie zusammengehören sollen, aber nicht zusammenpassen. Bei der Reise in die nächste Zukunft droht ein Rückfall in ein bedingungsloses Grundprekariat.
Ein Artikel von Martin Hufner

Da hört man, dass man doch gefälligst den Konzertbetrieb in einer Form zulassen soll, wie er für Kindergärten oder die fliegende Tourismusindustrie auch gilt. Links das Bild eines vollbesetzten Innenraums eines Flugzeugs, rechts die abstandhaltende Bestuhlung eines Konzertsaales. Man könnte natürlich auch einem Bild aus einem brasilianischen Krankenhaus eines aus Deutschland gegenüberstellen. Warum orientieren wir uns also nicht an einer offenen, „unbeschränkten“ Lebensweise eines Landes wie Brasilien oder der Vereinigten Staaten von Amerika? Weil eine verantwortungslose Freiheit keine Freiheit ist, sondern eine kulturelle Todesanzeige.

Das vollbesetzte Flugzeug ist genauso irre. Es als Vorbild wahrnehmen kann aber auch nur der- und diejenige, die oder der auch bei Fleischwaren nicht besonders wählerisch ist und deren Produktion in die Hände eines ausbeuterischen Systems gibt. Aber wie es aussieht, will man auch im Kulturbereich anscheinend wieder zurück – zur Normalität prekärer Arbeitsbedingungen am Rande oder unterhalb des Existenzminimums.

Das gefüllte Flugzeug sollte nicht Leitbild sein, so wenig wie kulturelle Massentierhaltung.

Moritz Eggert hat das in unserem Bad Blog Of Musick schön zusammengefasst: „Gewinnen werden (…) neue Denkmodelle, neue Ansätze. Man kann sehr viel Energie darauf verwenden, krampfhaft etwas zu erhalten, was vielleicht dem Untergang geweiht ist. Oder man kann den Moment dazu nutzen, etwas Neues zu erfinden.“ Nicht nur Neues, sondern Besseres.

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