Blicke auf Beethoven und andere Jubilare

Neue Noten auf der Frankfurter Musikmesse


(nmz) -
Wer die Halle 3.1 der Musikmesse Frankfurt betritt, kann sie schon sehen, die wichtigste „Neuheit“ im Programm der Notenverlage: Ludwig van Beethoven, der als riesiges Logo des Bären­reiter Verlags über allen thront. Sein 250. Geburtstag ist zwar erst im nächsten Jahr, aber mit den Vorbereitungen kann man nicht früh genug anfangen. Damit wir den „alten Meister“ noch einmal ganz neu hören können, geben vor allem die großen Notenverlage einige seiner Werke in neuen Editionen heraus.
Ein Artikel von Jelena Rothermel

Der Bärenreiter Verlag verlegt schon seit 1997 in Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftler Jonathan Del Mar die wichtigsten Werke Beethovens als Urtextausgaben. In diesem Jahr werden unter anderem die Klaviersonaten als Sammelausgaben sowie die „Missa Solemnis“ erscheinen. In Letzterer zeigt der Herausgeber Barry Cooper einige erstaunliche neue Lesarten, etwa im „Sanctus“, wo nun der Chor statt der Solisten einsetzt. Einen anderen Blick auf Beethoven liefert Jean Kleeb, der für Bärenreiter dessen Musik neu arrangiert und musikalisch kommentiert; einmal als „Beethoven goes Jazz“, einmal für die Publikation „Beethoven around the world“.

Auch der Henle Verlag widmet sich Beethoven mit weiteren Ausgaben seiner Klaviervariationen  und vor allem seiner Klaviersonaten in der Ausgabe des Pianisten Murray Perahia. Neben der kontinuierlichen Erweiterung der Einzelausgaben als Urtext wird der zweite Sammelband der Sonaten mit kritischem Bericht im Oktober erscheinen. Die Henle-Ausgaben werden sich dann mit denen der Wiener Urtext Edition vergleichen lassen, die ebenfalls eine revidierte Neuausgabe der Klaviersonaten mit kritischem Bericht vorlegt. Der Carus-Verlag wiederum gibt im Rahmen von „Beethoven vocal“ die Jubliäumsausgabe „Chorbuch Beethoven“ mit Beethoven-Bearbeitungen für Laienchöre heraus, damit gerade auch kleiner besetzte Chöre das Beethoven-Jahr feiern können.

Vor Beethoven darf ein weiteres Jubiläum begangen werden: Der Verlag Breitkopf & Härtel besteht nun seit 300 Jahren und ist damit der älteste immer noch existierende Musikverlag. Zu diesem Anlass hat man das eigene Archiv durchsucht und einige der alten Editionen als „Breitkopf Originals“ noch einmal neu aufgelegt. Daneben nimmt man sich in diesem Jahr die Publikation aller Mahler-Symphonien vor allem als praktische Ausgaben vor – hier liegt die 1. Symphonie sowie der dazugehörige Symphonische Satz „Blumine“ vor. Auch die Universal Edition widmet sich Gustav Mahler und präsentiert im Rahmen der „Neuen Kritischen Gesamtausgabe“ die 4. Symphonie sowie „Titan“, die „Tondichtung in Symphonieform“, Mahlers letzte eigenhändige Revision der ersten Symphonie in ihrer ursprünglichen, fünfsätzigen Form.

Ein etwas anderer Fokus zeigt sich am Stand des Schott Verlags. Hier setzt man mit „Best of David Garrett“ auf populäre Musik und die Zugkraft eines der bekanntesten Geiger, der außerdem auch auf der Musikmesse selbst auftrat. Auch Lehrwerke wie „Violinissimo – The Entertainer“ mit bekannten Liedern für Geige und Klavier oder „Rock’s cool“ setzen auf beliebte Songs, zum Teil in Kombination mit Video-Tutorials und Trainingsplänen für das Selbststudium. Mit dem neuen Sammelband zu den Klavierwerken von Nikolai Kapustin bietet Schott auskomponierten Jazz für fortgeschrittene Pianist/-innen. Ebenfalls der Musikvermittlung hat sich der Schuh Verlag verschrieben. Hier gibt es „Neues vom Tastenkönig“ mit Begleit-CD zum Melodikalernen oder auch „Ukuleile – Ukulele leicht lernen“ für alle, die sich schnell mit dem Instrument vertraut machen möchten. Ein ähnliches Konzept hat der Holzschuh Verlag mit seiner neu erschienenen „Schule für Altblockflöte“ mit Begleit-CD und mp3-Dateien zum „play along“ oder Helbling mit „Tipolino“, dem Musik-Lehrwerk für die Grundschule mit Hör- und Rhythmusübungen. Neben den deutschen und österreichischen Verlagen fielen vor allem die vielen spanischen Musikverlage auf – insgesamt fünf, die vor allem die Musik spanischer Komponist/-innen verlegen. Außerdem stellten ungarische, polnische, italienische, baltische und englische Verlage aus. Zwei Verlagskooperationen gibt es noch zu vermelden: Die Musikverlagsgruppe AMA hat eine langfris­tige Zusammenarbeit mit dem bayerischen Richard Birnbach Musikverlag vereinbart. Und schon seit März 2018 hat der HeBu Musikverlag den Verlag Siebenhüner übernommen. Einige größere Verlage verzichteten ganz auf Stände auf der Musikmesse: Sowohl Sikorski als auch Ricordi waren in diesem Jahr nicht anwesend.

Aber noch einmal zurück zu den Jubiläumsfeiern, denn schon in diesem Jahr kann die Musikwelt einige Jubilare ehren: Jacques Offenbach etwa, der in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag begehen würde. Boosey & Hawkes feiert gemeinsam mit dem Geburtstag das 20-jährige Bestehen der Offenbach Edition Keck und bringt deshalb „Romantic Offenbach – Ausgewählte Arien“ heraus, in dem Herausgeber Jean-Christophe Keck einige berühmte Arien nach Stimmlage geordnet gesammelt hat.

Nicht nur Offenbach, auch Clara Schumann wird 200, aber das Interesse der Verlage scheint gering zu sein. Auf der Suche nach neuen Ausgaben, Sonderausgaben et cetera für diese bedeutende Komponistin muss man auf der Frankfurter Musikmesse schon ganz genau hinschauen. Nämlich in den Katalog der Edition Peters, die in Zusammenarbeit mit dem Schumann-Haus Leipzig ein Jubiläums-Liederalbum mit 14 Liedern, Werkeinführungen und CD anbieten. Breitkopf & Härtel dagegen feiert das Jubiläum mit dem „Berliner Blumentagebuch“ – eine wirklich schöne Publikation, aber keine Komposition Schumanns. Über diesen Missstand kann auch die Clara- Schumann-Ausgabe der „Sämtlichen Klavierwerke“ Robert Schumanns desselben Verlags nicht hinwegtrösten.

Die Möglichkeit, zumindest zum Jubiläum einer der bekanntesten Komponistinnen Deutschlands mehr Musik von Frauen zu verlegen, haben die Notenverlage nicht genutzt. Ganz generell herrscht ein starkes Ungleichgewicht zwischen Komponistinnen und Komponisten bei den Verlagspublikationen. Selbst in den Sektionen zu zeitgenössischer Musik finden sich oft nur männliche Komponisten aus Europa. Die Interessen einer pluralistischen Gesellschaft finden sich in den Programmen der Musikverlage kaum widergespiegelt. Der Furore Verlag, der sich auf die Publikation von Komponistinnen spezialisiert hat, war nicht auf der eigentlichen Musikmesse zu finden, sondern präsentierte das aktuelle Verlagsprogramm auf der neuen „Musikmesse Plaza“ nach dem offiziellen Ende der Messe. Vielleicht hätten sie ein Pendant zu dem übergroßen Beethoven-Logo bieten können, das die gesamte Halle 3.1 überschattete.

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