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Dem Weisen Weisheit entreißen

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Wolfgang Rihm beim Rihm-Schubert-Workshop in Düsseldorf
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Alles war gesagt, alle waren glücklich, als die Organisatoren um Rüdiger Bohn und den blitzgescheiten, zuweilen allzu ehrfürchtigen Rihm-Kenner Joachim Heidenreich zu guter Letzt noch zu einem „Podiumsgespräch“ baten. „Vollendetes, Unvollen­detes“ lautete das Orakel, auf dem dann solange herumgekaut wurde, bis Wolfgang Rihm in beherzter Übernahme des Moderatorenamtes „Frischluft!“ forderte. Wieder waren alle dankbar und harrten erwartungsvoll des Abschlusskonzerts, das wie schon die vorangegangenen Schubert’sche mit Rihm’scher Tonkunst auf das Prächtigste kombinierte. Allseits ungetrübte Freude.

Für vier ganze Tage hatte die Düsseldorfer Schumann-Hochschule den Vielbeschäf­tigten eingeladen, seine Musik mit den Studenten zu erarbeiten. Angereist war Rihm dann tatsächlich für drei Tage, was als kleines Rheinwunder zu bezeichnen kaum übertrieben scheint. Warum er überhaupt gekommen ist? Warum er Helsinki und Porto, die sich zeitnah, um nicht zu sagen zeitgleich seinem Werk widmeten, abgesagt hat?

Die Antwort ist einfach und erinnert an den hartnäckigen Frager aus Brechts „Legende von der Entstehung des Buches Taoteking“. Dort hört der Weise auf den Namen Laotse und ist eigentlich auch sehr beschäftigt. Aber das sympathische „He, du! Halt an!“ einer ehrlichen Haut wie Brechts Zollbeamten lässt ihn tatsächlich vom Ochsen steigen.

In Düsseldorf erschien der Frager in Gestalt des tatendurstigen Dirigierprofessors Rüdiger Bohn (vgl. nmz Hochschulmagazin12/10), der in der Rolle des Anfragers auf den Plan trat. Dies aber schon, was man wissen muss, vor anderthalb Jahren, worauf Rihm seinerseits mit einem „Warum nicht?“ zugesagt hat. Man muss dem Weisen seine Weisheit auch entreißen. Nach diesem schönen Motto bekam Düsseldorf – vor Helsinki, vor Porto – den Zuschlag und hat davon nicht wenig profitiert.

Glänzend vorbereitete Studenten machten es dem Komponisten zur süßen Pflicht, seine Kommentare, Tipps und Empfehlungen beizusteuern. Eine anfängliche Scheu auf Seiten der musikalischen Jugend war bald wie weggeblasen. Dankbar wurde die Gelegenheit genutzt, zu fragen, was im Alltag heutiger Instrumentalstudenten notgedrungen nicht gefragt werden kann: Herr van B. – wie haben Sie das gemeint? Rihm konnte man die Frage stellen. Und der Komponist war nicht knausrig mit der Antwort, enthüllte ganz nebenbei zu jedem Stück, das da aufs Tapet kam, den Referenzraum, das Netz, das darüber ausgespannt ist. Der Blick in die Werkstatt. Höchst anregend.

Womit an dieser Stelle noch etwas nachzutragen wäre: Es betrifft den Leistungsstand der jungen Interpretinnen. (Die Interpreten halten sich, warum auch immer, deutlich zurück. Im Ensemble sogar mit 1:10).

Zu nennen sind: Veronika Weiser und Heidi Luosurjärvi für fetzige „Fetzen IV für Viola und Akkordeon“, Bariton Patrick Ruyters für die Reife, mit der er Rihms­ „Wölfli-Liederbuch“ Gestalt werden ließ, und Pianistin Melissa Jacobson-Velandia für ein in der Erde verankertes „Klavierstück Nr. 5 Tombeau“. Chapeau!

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