Den eingeschlagenen Weg fortsetzen

Zum Hörfest Neue Musik in Ostwestfalen


(nmz) -
In seiner dritten Auflage ist es fast schon zur Institution geworden: Das Hörfest Neue Musik, das vom 29. September bis 1. Oktober in Ostwestfalen stattfand. Mit dem diesjährigen Thema „Musik und Sprache“ wandte man sich einer uralt-prekären, mitunter krisengeschüttelten Beziehung zu. Sie aufarbeiten zu wollen, wäre schon im Ansatz verfehlt. So waren es eher einzelne Schlaglichter, die in acht Konzerten präsentiert wurden und doch deutlich einen roten Faden erkennen ließen.
Ein Artikel von Iris Witt

Von der Schweizer Geigerin Anne-Noëlle Darbellay, die in der Klangwerkstatt Detmold die – auch schauspielerisch faszinierende – Zwiesprache mit ihrem Instrument suchte, spannte sich ein Bogen bis zum niederländischen Ensemble „Insomnio“. Unter der Leitung von Ulrich Pöhl demonstrierten die Musiker in ihrem Programm „Vom Pierrot zum Marteau“ die ungebrochene Aktualität der „Klassiker“ Schönberg und Boulez. 

Das Ensemble Horizonte präsentierte das Herzstück seiner neuen CD, Henzes „Kammermusik 1958“, flankiert von einer szenischen Lesung der semantisch entrückten Hölderlin-Hymne „In lieblicher Bläue“. Damit kontrastierte der wohlgesetzte Grass-Text „Mir träumte ich müsste Abschied nehmen“, den Giselher Klebe 1998 für das Ensemble und die Sängerin Gerhild Romberger vertont hatte, wohlwissend, dass letzterer keine noch so feine Nuance zwischen den Zeilen entgehen würde. Das Ensemble unter der Leitung von Jörg-Peter Mittmann lud gleich noch zu einem zweiten Hörabend in die gotische Kirche St. Marien in Lemgo. Im Dialog mit Schülern und der örtlichen Kantorei machte man sich daran, den alt-ehrwürdigen Dichter Friedrich Gottlieb Klopstock zu entstauben und sein Werk bohrenden Fragen auszusetzen. 

Etwas leichtfüßiger präsentierte sich die Matinee des Landestheaters Detmold mit Berios spritzig musizierten „Folk Songs“ und den entzückend-hintersinnigen „Federico’s Little Songs for Children“ von George Crumb. Der engagierte Einsatz der Orchestermusiker für das Hörfest hat mittlerweile Tradition. Erstmals dagegen fand ein Konzert in den Räumlichkeiten des Literaturbüros Ostwestfalen-Lippe statt, bei dem die Sängerin Frauke Aulbert und der Bratschist Hariolf Schlichtig im Zusammenwirken mit der Lyrikerin Irena Wachendorff Kompositionen von Cage, Kurtag, Berio und Redel zu Gehör brachten. Diese mehr lyrische Facette des Hörfest-Themas kontrapunktierte einen Tag später das ArtWork Ensemble (2 Klaviere und Schlagzeug) durch Vinko Globokars „Discours IX“ und zwei Uraufführungen: „Verlorene Gesichter“ von Bernd Schumann sowie „AHs, facing the iconostasis“ des mazedonischen Komponisten Aleksandar Pejovski. 

Als faszinierender Ort für die Präsentation Neuer Musik erwies sich erneut der ehemalige Flugzeug-Hangar an der Detmolder Peripherie. In seiner überbordenden Kathedral-Akustik machte er unter anderem die Aufführung von Nonos Streichquartett „Fragmente – Stille, An Diotima“ – hervorragend dargeboten vom Nomos-Quartett – zu einem ganz besonderen Erlebnis. Das Werk erwies wie Stockhausens „Gesang der Jünglinge“ in diesem Kontext einmal mehr seine Unantastbarkeit als Meilenstein der Musik des 20. Jahrhunderts. 

Die Resonanz des Publikums be­stärkt die Macher des Hörfestes, die Initiative Neue Musik in Ostwestfalen-Lippe um ihren Vorsitzenden Hans Timm darin, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen. So feilt man bereits an der Konzeption für das Jahr 2013, das sich dem Thema „Mythos und Moderne“ zuwendet.

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