Den Kulturmarkt besser verstehen

Der Deutsche Kulturrat legt ein Kompendium zur wirtschaftlichen und sozialen Lage vor


(nmz) -
Gabriele Schulz und Olaf Zimmermann, stellvertretende Geschäftsführerin und Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, haben mit der Studie „Frauen und Männer im Kulturmarkt“ ein beeindruckendes und umfassendes Kompendium vorgelegt, in dem Zahlen, Daten und Fakten zur wirtschaftlichen und sozialen Lage von Künstlerinnen und Künstlern im weiteren Sinne, auch zur Kulturwirtschaft zusammengetragen und präsentiert werden. Auf über 500 Seiten wird der Leser/Nutzer differenziert über die unterschiedlichen Kultursparten, über Ausbildung, sozialversicherungspflichtig Beschäftigte sowie Selbständige informiert: Wie viele Menschen sind beschäftigt? Wie ist der Männer-/Frauenanteil, Altersstufen, Anteil von Ausländerinnen und Ausländern, Ost-/Westverteilung? Et cetera. Natürlich gibt es auch Auskünfte über Einkommen und – nach wie vor erschreckend – über den Gender Pay Gap, der mitnichten durchweg gesenkt werden konnte, trotz aller Thematisierung des Missstandes in den letzten Jahren.
Ein Artikel von Barbara Haack

Eine Zusammenfassung der Ergebnisse ist schlicht unmöglich. Überhaupt eignet sich die Studie nicht, um sie von vorne bis hinten durchzulesen. Dennoch sollte sie im Bücherschrank der Menschen, die beruflich mit Kunst und Kultur zu tun haben, möglicherweise auch für ihre Sparten eintreten müssen, um Konditionen und Rahmenbedingungen zu verbessern, nicht fehlen. Als Grundlage für ein besseres Verständnis des Kulturmarktes ist sie ein echtes Pfund.

Immerhin, so lesen wir in der Einleitung, ist der Arbeitsmarkt Kultur schon länger kein Nischenmarkt mehr und trägt inzwischen mehr zur Bruttowertschöpfung in Deutschland bei als zum Beispiel die Energieversorgungswirtschaft, die Chemische Industrie oder die Finanzdienstleister. Umso erschreckender sind teilweise die Ergebnisse der Studie. Die Corona-Pandemie habe noch sichtbarer gemacht, wie dünn das Eis der ökonomischen Absicherung der Frauen und Männer, die im Kulturmarkt arbeiten, sei, so die Beobachtung der Autoren.

Der Bericht schließt an Vorgängerstudien des Deutschen Kulturrates an, wurde aber um verschiedene Aspekte erweitert. Unterschiedliche Datenquellen wurden für die Darstellung und Analyse der Zahlen herangezogen. Natürlich wird auch der Musikmarkt detailliert beleuchtet. Dabei belegen einige Zahlen Erkenntnisse, die nicht überraschen. Andere sind eher unerwartet. Der große Anteil der Studierenden in Fächern der Musikerziehung täuscht nicht darüber hinweg, dass hier schon heute und in den nächsten Jahren verstärkt ein Fachkräftemangel zu beobachten sein wird.

Der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ist im Zeitraum zwischen 2015 und 2019 um insgesamt 477 gestiegen: eine gute Nachricht, auch angesichts der Tatsache, dass im Bereich der Selbständigen die Einkommen im Durchschnitt nach wie vor niedrig, um nicht zu sagen prekär sind: Beleg dafür, dass deren Stimmen im Corona-Jahr unbedingt gehört werden sollten. Dabei ist die Zahl der „Mini-Selbständigen“ (die unter 17.500 Euro im Jahr verdienen) größer als die der Selbständigen (die über dieser Grenze liegen).

Bemerkenswert, um ein weiteres Detail herauszugreifen, ist der Anteil ausländischer Beschäftigter: ein Großteil von ihnen spielt in Orchestern, die, so die Studie, für Internationalität stehen. Dass der Gender Pay Gap bei den sogenannten „Spezialisten“ steigt, bei den „Fachkräften“ zu gering sinkt, zeigt, wie wichtig hier der Kampf für Veränderung ist. Noch ein Detail: Während die Zahl der Musiker/-innen im Bereich Jazz und improvsierte Musik innerhalb von sechs Jahren von 4.325 auf 3.252 gesunken ist, stieg die Zahl der Tanz- und Popmusiker/-innen von 4.921 auf 6.280.

Verdienstvoll ist auch das Schlusskapitel, in dem die Autoren, quasi zusammenfassend, „20 Fragen und Antworten zu Kulturberufen“ liefern und sich unter anderem zu Fragen wie „Werden zu viele Künstlerinnen und Künstler ausgebildet?“, „Wie divers sind die Belegschaften?“ oder „Was ist besser: angestellt oder selbständig?“ äußern.

Hier werden auch kulturpolitische Empfehlungen und Forderungen eingebracht, zum Beispiel die Aufforderung zu gemeinschaftlichem und solidarischem Handeln und der Stärkung von Verbänden oder verbandsähnlichen Zusammenschlüssen – oder auch die Forderung nach einem starken Urheberrecht und der angemessenen Vergütung von urheberrechtlich geschützten Werken.

Eine Mammut-Arbeit ist diese Sammlung von Informationen und – gerade in Corona-Zeiten – eine ganze Kiste von Argumenten für die Verbesserung von Rahmenbedingungen von Künstlerinnen und Künstlern.

  • Gabriele Schulz/Olaf Zimmermann: Frauen und Männer im Kulturmarkt: Bericht zur wirtschaftlichen und sozialen Lage, Deutscher Kulturrat, Berlin 2020, 508 S., € 24,80, ISBN 978-3-947308-20-0

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