Der Geist von New Orleans

Zum Tod des legendären Dr. John, „The Night Tripper“


(nmz) -
Wer sich in den frühen 70er-Jahren für „black music“ interessierte, kam an ihm nicht vorbei: Dr. John. Bald erfuhr man, dass Mac Rebennack ein weißer Mann mit schwarzer Seele war, wie New-Orleans-Legende Mezz Mezzrow oder der Rhythm‘n‘Blues-Bandleader Johnny Otis.
Ein Artikel von Viktor Rotthaler

Alle drei waren aufgewachsen in „schwarzen“ Biotopen. Geboren wurde Malcolm John Michael Creaux Rebennack 1941 in New Orleans. Weil sein Vater einen Plattenladen betrieb, wuchs er schon als Kind mit der neuesten „Race Music“ auf, wie man den Rhythm’n’Blues damals noch genannt hat.

Inspiriert von Musikern wie Fats Domino oder Professor Longhair, begann er bald selbst Musik zu machen. Anfangs noch als Gitarrist, aber nach einem Unfall nur noch als Pianist. Und so trieb er sich schon als Teenager in den Studios von New Orleans herum, in der Umgebung von Typen wie Huey „Piano“ Smith oder dem grandiosen Schlagzeuger Earl Palmer. In der Hippiezeit war Dr. John, „The Night Tripper“, der Mann der Stunde. Schon sein erstes sehr „psychedelisches“ Album „Gris-Gris“ von 1968 entwickelte sich schnell zum Klassiker, pure Voodoo-Musik.

Sechs weitere Alben für Atco Records sollten folgen. Sein damaliger Produzent Jerry Wexler brachte es auf den Punkt, als er Dr. John als den „schwärzesten weißen Mann in dieser Welt“ bezeichnet hat. Als „funky Horowitz“ hat er dann auch in der Zeit von Jimi Hendrix, Marvin Gaye, Isaac Hayes oder Curtis Mayfield den „Whiteys“ den New-Orleans-Sound näher gebracht.

Das Album „Gumbo“ war 1972 die „Essenz“ seiner Voodoo-Kunst, eine einzigartige Hommage an New Orleans. Den Dixie-Cups-Hit „Iko Iko“ transzendierte er mit seiner tiefen, krächzenden Stimme in eine Voodoo-Hymne. 1977 hatte er dann auch seinen großen Auftritt in Martin Scorseses „The Last Waltz“, dem Mitschnitt des Abschiedskonzerts von The Band. Er sang darin seinen letzten großen Hit „Such A Night“. Ein Ohrwurm wie das unglaublich groovende „Right Place Wrong Time“. Jerry Wexler, der auch Aretha Franklins legendäre Atlantic-Alben produziert hat, hat mal über den Musiker Mac Rebennack geschrieben: „Niemand hat mir mehr über Musik beigebracht als Dr. John – egal ob Rock, Rhythm’n’Blues, Soul oder Funk.“ Nach etwas mageren Plattenjahren feierte Dr. John Ende der achtziger Jahre ein Comeback mit dem jazzigen Album „In A Sentimental Mood“ (mit dem umwerfenden „Makin’ Whoopee“ im Duett mit Rickie Lee Jones). Für „Goin’ Back to New Orleans“ erhielt er einen Grammy.

Danach entstanden Tribute-Alben an einige seiner musikalischen Helden wie Louis Armstrong, Duke Ellington und Johnny Mercer. Zu den Höhepunkten seiner Spätphase gehört das großartige „Locked Down“, das in Zusammenarbeit mit Dan Auerbach von The Black Keys enstanden ist. Hier schloss sich noch einmal der Kreis zu seiner gro-ßen Atco-Zeit. Das war gewissermaßen „Gris Gris Revisited“. Ein modernes Popalbum, das zurückführte zu den Wurzeln von Dr. Johns Voodoo-Kunst. Am 6. Juni ist Mac Rebennack in seiner Heimatstadt New Orleans gestorben. Sein „Geist“ aber wird in der Popmusik weiter herumspuken.

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