„Die Andere Moderne“

Am 3. September fand in Lorsch im Nibelungensaal des historischen Rathauses ein besonderer Wettbewerb statt


(nmz) -
Der vom Heidelberger Komponisten und Pianisten Martin Münch, dem Leiter des Neckar-Musikfestivals, ins Leben gerufene bundesweite Klavierkompositionswettbewerb „Die Andere Moderne“ ist in mehreren Hinsichten etwas Besonderes.
Ein Artikel von Moisei Boroda

Erstens: Die Idee, in einer festlichen Veranstaltung Musik darzustellen, die sich von der „supermodernen“ Tonsprache abgrenzt, trotzdem aber zeitgenössisch bleibt, erweitert die stilistischen Grenzen des „zeitgenössisch Zugelassenen“ im Musikkomponieren – ohne sie ganz zu sprengen! – und unterstützt somit Komponisten und die Musikentwicklung im Allgemeinen.

Zweitens: Musik darstellen zu lassen, die unmittelbaren „Einzug in die Seele des Zuhörers“ findet, ohne sich ganz einfacher Ausdrucksmittel bedienen zu müssen, bedeutet zu zeigen, dass es eine Verbindung gibt zwischen der „quasi-traditionellen“ und der „sehr modernen“ Musiksprache beziehungsweise dem jeweiligen Musikdenken. Eine weitere Besonderheit bietet dabei die Idee, den Wettbewerb an unterschiedlichen Orten zu veranstalten, was den Komponisten die Möglichkeit gibt, ihre Werke jedes Jahr einem anderen Zuhörerkreis vorzustellen.

Martin Münchs Grundgedanke der „Anderen Moderne“, eine im weitesten Sinne traditionsverpflichtete neue Musik zu schreiben, deren Klangergebnis hörerorientiert ist und zugleich eine persönliche Stil-Handschrift des Komponisten aufweist, war von Anfang an nicht unumstritten. Im Laufe der Jahre zeigte sich aber, dass es eine Fülle von Komponisten gibt, die diese Konzertplattform des Neckar-Musikfestivals gerne nutzen, um ihre aktuellen Schöpfungen einem Publikum vorzustellen, das am Ende per Wahlzettel auch die Jury des Wettbewerbs ist.

Der Wettbewerb in Lorsch, an dem 21 Komponist/-innen im Alter zwischen 19 und 80 Jahren teilgenommen haben, war ein voller Erfolg. Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Erfolg leistete die hervorragende, authentische Interpretation von Werken ganz unterschiedlichen Stils seitens des international renommierten Pianisten und Jorge-Bolet-Schülers Rainer Maria Klaas. Er hat sich zu diesem Wettbewerb eine kaum zu unterschätzende Aufgabe gestellt, innerhalb kürzester Zeit nach Ende der Einschreibungsfrist die Werke – zum großen Teil Uraufführungen – einzustudieren.

Die Bandbreite der Stile reichte dabei vom tonalen Charakterstück in spätromantischer Tradition (Pierre Grandforet aus Mülheim mit fein ausgehörten As-Dur-Variationen, Rolf-Peter Rieger aus Dietzenbach mit einem ostinaten b-Moll-„Teufelswalzer“, Hans Bruhn aus Herne mit einem arpeggienreich auftrumpfenden e-Moll-Capriccio oder Andreas Birken aus Hamburg mit einem in übermäßigen Dreiklängen changierenden „Kleinen Walzer“) über Anspielungen auf die frühe Moderne des 20. Jahrhunderts (die Berliner Manfred Grote mit einem neoklassizistischen dreiteiligen Klavierstück von 1975, Altmeister Hans-Friedrich Ihme mit einem hintergründig-orches­tralen „Pas de deux“ von 2017, der inzwischen 80-jährige Nikolai Badinski mit einer rhythmisch vertrackten Toccata in bester Prokofjew-Nachfolge, und besonders apart, der Leipziger Christian FP Kram mit einem freitonalen „Poème in memoriam Alexander Skrjabin“) bis hin zu neuesten Entwicklungen, die naturgemäß überwiegend von den jüngeren und ganz Jungen repräsentiert wurden.
Da ist die 27-jährige Lübeckerin Katharina Roth mit ihrem Stück „Wie aus einer Spieldose“ zu nennen, für das Rainer Maria Klaas eine leichte Präparation im Flügel vornehmen musste, auch der 32-jährige Münchner Johannes X. Schachtner mit zwei Auszügen aus seinem „Pianino poetico“, darunter eine drastisch-humorige Darstellung von „Dri Chanasen mat dam Kontrabuss“, der 27-jährige Lübecker Daniel Clemens Müller mit einem fantasievollen „El sueño empieza“ und nicht zuletzt der erst 19-jährige Trojahn-Schüler Marc L. Vogler aus Gelsenkirchen mit einem fulminanten „Klavierkonzert“ (rechte Hand: Klavier solo, linke Hand: Orchester) – sicher eine der größten pianistischen Herausforderungen für den in allen stilistischen Sätteln versierten Rainer Maria Klaas.

Als stilistische Sonderfälle sicherten sich auch Johannes Marks aus Dortmund (zwischen Tonalität und Atonalität weit schweifender Sonatensatz), die meditativ-poetischen Miniaturen von Susanne Fritz (Freiburg), Patrice Chopard (Flensburg) und Ulrike Haage (Berlin), der „Antiktanz“ des gebürtigen Chinesen Wei Guo Mao (Günzburg), die subtilen „Blicke auf chinesische Landschaften“ des Hamburger Ligeti-Schülers Wolfgang-Andreas Schultz und sogar der eher pädagogisch orientierte „Jamaika-Tanz“ der Kölnerin Cleopatra Perepelita einen dankbaren Applaus des etwa fünfzigköpfigen Publikums.

Die Abstimmung gewann diesmal – zu eigener Überraschung – der aus Neuss stammende Arzt Gabriel Striewe mit einer witzigen, bereits 1997 komponierten „Hommage à Domenico Scarlatti“. Viel Applaus für den strahlenden Gewinner, die anderen anwesenden Komponisten und nicht zuletzt den Pianisten des denkwürdigen Abends.

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