Die Erfahrung Land gründlich reflektiert

Robert HP Platz ist neuer Leiter des Schreyahner Herbstes in Niedersachen


(nmz) -

„I’m goin’ up the country, where the water tastes like wine“ – so sang die Rockband Canned Heat vor dreißig Jahren. Für die Neue Musik ist das Land allerdings kaum ein Ort, wo Wasser wie Wein schmeckt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine davon ist der Schreyahner Herbst, ein Festival Neuer Musik, das seit 1986 im Dorf Schreyahn im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg stattfindet. Nahe der früheren Grenze zur DDR ist gelungen, was auf dem Land selten gelingt – das Festival hat seit Jahren ein motiviertes, festes Publikum. Ort ist der Künstlerhof Schreyahn, eine Stipendiatenstätte des Landes für Schriftsteller und Komponisten.

Ein Artikel von Thomas Janssen

„I’m goin’ up the country, where the water tastes like wine“ – so sang die Rockband Canned Heat vor dreißig Jahren. Für die Neue Musik ist das Land allerdings kaum ein Ort, wo Wasser wie Wein schmeckt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Eine davon ist der Schreyahner Herbst, ein Festival Neuer Musik, das seit 1986 im Dorf Schreyahn im niedersächsischen Landkreis Lüchow-Dannenberg stattfindet. Nahe der früheren Grenze zur DDR ist gelungen, was auf dem Land selten gelingt – das Festival hat seit Jahren ein motiviertes, festes Publikum. Ort ist der Künstlerhof Schreyahn, eine Stipendiatenstätte des Landes für Schriftsteller und Komponisten.Nahe liegend also, im Programm Musik und Literatur zu verbinden. Nahe liegend auch, das Thema „Land“ als zentrales Motto zu verwenden – zumindest wenn ein Programm in relativ kurzer Zeit erarbeitet werden muss. Das war die Situation für den Kölner Komponisten Robert HP Platz, als er im Frühjahr die künstlerisches Leitung des Schreyahner Herbstes übernahm. Sein Vorgänger, der Berliner Komponist Gerald Humel, hatte dem Schreyahner Herbst in 13 Jahren Tätigkeit ein Profil gegeben, das hohe interpretatorische Qualitäten mit einem ausgeprägten Blick auf die Vielgestaltigkeit aktueller Tonkunst verband.

„Land“ also war das erste Thema des Schreyahner Herbstes nach dem Wechsel: Die Umsetzung bot mehr als Naheliegendes. Der Begriff „Land“ bringt zusammen, was das Englische in „country“ und „nation“ aufteilt: Regionen abseits der Metropolen und den Nationalstaat. Die Erfahrung des Lebens abseits der Metropole, seiner Kultur und die künstlerische Reflexion beider war ein Strang des musikalischen Teils: Kagels „Kantrimiusik“, „Schreyahn“ von Platz selbst waren dafür zentrale Kompositionen. „Schreyahn“, während der Stipendiatenzeit im Künstlerhof geschrieben, reflektiert diese Erfahrung in vielen thematisch-motivischen Metamorphosen, Kagels „Pastorale“ (1975) wirkt mit ihren subtilen Verschiebungen von Scheinbekanntem ins Absurde auch heute aktuell.

Die Aufführung beider Stücke waren für Platz wohl auch ein Stück ästhetischer Positionsbestimmung in seiner neuen Rolle. Wie das gesamte Programm wurden sie von dem diesjährigen „Ensemble in Residence“ aufgeführt: Das Ensemble Köln hatte die in Schreyahn neue Funktion übernommen. Es zeigte sich durchgängig als souverän, subtil ausnuanciert spielend und mit Genauigkeit unterschiedliche ästhetische Ansätze aufgreifend. Karlheinz Essles spektralistisch angehauchtes „Deviation“ etwa erklang genauso interpretatorisch pointiert wie das akademisierende „Gestalt… Gesplittert“ von Steffen Schleiermacher.
Der war einer von vier Komponisten aus der früheren DDR, deren Werke auch auf den Aspekt der Nation im Begriff Land verwiesen. Unter den Stücken der anderen drei herausragend und deutlich am Eigenständigsten das zerrissene „Nachtschwarz wird das Blau“ von Annette Schlünz.

Maria des Alvears „Land“ für zwei Rapper und Ensemble griff im letzten der acht Konzerte eine zentrale Form übernationaler Popkultur auf, bricht sie in der kontrastierenden Verbindung mit aktueller Kunstmusik. Wenn das Werk so auch die Idee Nation relativieren will, gerät es in seiner Methode doch zu einer tendenziellen Deutschland-Affirmation.
Die Erfahrung von Land als einem eigenständigen Lebensort prägte auch den literarischen Teil des Programms, selten jedoch kam es zu tiefer gehenden Korrespondenzen beider Programmteile. Eine Besonderheit war ein Kompositionsworkshop für Kinder und Jugendliche, dessen Ergebnisse das Ensemble „L’Art pour l’Art“ bei einem eigenen Konzert vorstellte – nicht unerwartet das, welches am meisten Gäste anzog. Die Workshops sollen wie die Verbindung von Musik und Literatur fester Bestandteil des Schreyahner Herbstes bleiben.
Finanziell hat sich dessen Situation in diesem Jahr verbessert. Allein die Landesförderung wuchs in diesem Jahr von 40.000 auf 70.000 Mark, der Gesamt-Etat stieg von 45.000 auf 125.000 Mark.

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