Ein Plädoyer namens Wanda

Zur Lage der Wiener Band nach „Amore“, „Bussi“, „Niente“ und unzähligen Tourneen


(nmz) -
Eigentlich ist die Geschichte der österreichischen Band Wanda schnell erzählt. Michael Marco Fitzthum alias Marco Michael Wanda (Gesang), Manuel Christoph Poppe (Gitarre), Christian Hummer (Klavier/Keyboards), Ray Weber (Bass) und Lukas Hasitschka (Schlagzeug) wollten es unbedingt. Dass sie dafür gelitten, gerauft und gestritten haben, wird in vielen Songs verständlich. Am hörbarsten im neuen Album „Niente“, das wütend und folglich traurig daherkommt. Das sich fast schon unheimlich detailliert mit Kindheit und Aufwachsen und Ursprung beschäftigt.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Etwas anders begutachteten noch die Vorgängeralben die Gegenwart der Band. War „Amore“ 2014 noch ein hitziges, fahndendes, aber doch unterweisendes Werk, das mit Songs wie „Bologna“, „Schickt mir die Post“, „Wenn ich zwanzig bin“ oder „Dass es uns überhaupt gegeben hat“ zumindest den Nerv einer deutschsprachigen, nahezu zerronnenen Generation zwischen 20 und 45 Jahren traf, schickte sich „Bussi“ ein Jahr später an, der Soundtrack dieses menschlichen Jahrgangs zu werden.

Songs wie „1,2,3,4“, „Mona Lisa der Lobau“ oder „Das wär schön“ rammten sich ins verletzte Herz dieser suchenden, ohne Halt in der Zeit operierenden Menschen. Und so entstand ein Problem für die Wiener Band. Denn dieser gelebte und verzeihbare, weil augenzwinkernde Größenwahn wurde sowohl auf Tour als auch in diversen missverstandenen und unsicher geführten Interviews – insbesondere von Michael Marco Fitzthum – geradezu unabsichtlich zelebriert.

Das schürte unnötigen Neid oder grundlose Eifersüchteleien. Plötzlich waren diese Hoffnungsträger, die sie nie sein konnten, verzogene Schnösel, die auf Rockstar machen. Eine deutsche Band namens AnnenMayKantereit blökte etwas altbacken und schulhofmäßig gegen die Wiener. Und hysterisch wie das deutschsprachige Volk an sich nun mal ist und damit einhergehend das deutsche Pop-Feuilleton, gab es erste missgünstige Töne gegen Wanda.

Dazu schrieb ein Wiener Journalist just zur Veröffentlichung von „Bussi“ einen furchtbaren Artikel („Eine Fischvergiftung namens Wanda“), in dem er der Band jegliche Daseinsberechtigung, auch als Menschen, entziehen wollte. Vielleicht postulierte der Wiener Autor aber auch einfach typisch wienerische Verklärung, wissend, einer Band trotzen zu müssen, die tatsächlich Einfluss besitzt und gehört wird. Irgendwann ist eben Schluss, mit dem Gefilde der Seligen aus Falco, Ambros und Fendrich. So oder so.

Der Hype kam. Mit seinen positiven und negativen Charakteren. Wildfremde Menschen, die aufstöhnten, wenn sie den Namen „Wanda“ hör(t)en. Kritiker, die, weil eventuell selbst als Musiker erfolglos, genau das, was Wanda haben, gerne gehabt hätten. Und sich laut fragten: Warum die und nicht ich? Ja. Zweifellos kann man daran zerbrechen. Als Band. An diesen Unruhestiftern. Oder zu Grunde gehen. Doch Wanda wachsen. Und machen stattdessen das dritte Album: „Niente“. Zornig irgendwie, dennoch behutsam. Sie entdecken sich neu. Lieder wie „Weiter, weiter“, „Das Ende der Kindheit“, „Lascia mi fare“, „Lieb sein“ oder „0043“ geben plötzlich Halt. Verweben Überreste der eigenen Kindheit so famos mit Erinnerungen von Michael Marco Fitzthum, dass man schnell das Gefühl hat, der kennt das alles. Der zweifelt doch genauso und braucht die Vergangenheit zur Bewältigung der Gegenwart. Das ist lieb von Wanda. Auf diesem Album. Dass sie eben nicht anknüpfen. An „Amore“ oder „Bussi“. Dass da ein Bruch ist zu vorher. Dass sie neu beginnen. Klare Grenzen abstecken. Vor allem live. Auf der aktuellen Tour.

Hier das Publikum, dort die Band. Wir stehen für nichts (mehr), also fragt uns nicht. Sie machen nur das, was sie immer machen wollten: Musik. Und damit – und das ist verdammt noch mal mehr als legitim – Geld verdienen. Und dennoch sind Wanda immer Wanda geblieben. Deshalb ist es nicht einsehbar, diese Band zu diskreditieren. Mit keiner Silbe. Man darf sich ruhig freuen, selbst als Insasse des deutschsprachigen Raums, wenn eine deutschsprachige Band nicht so klingt wie deutschsprachige Bands klingen: betroffen, ernst, miesepetrig und lamentierend. Meist im Refrain und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Lasst Wanda weiter rauchen, saufen und singen. Ich persönlich werde diese Band immer gernhaben. Weil sie das machen und leben, von dem jeder träumt, der je in einer Band spielte. Und durch Wanda lebe nicht nur ich diesen Traum ein Stück weit mit. Und weil ich kein Kritiker sein kann. Sondern ein Liebhaber guter Musik.

Das könnte Sie auch interessieren: