Eine ganze Berufsgruppe wird abgehängt

Ein Panel auf der Musikmesse Frankfurt 2015 beschäftigte sich mit der so genannten freien Szene


(nmz) -
Lehrbeauftragte, Jazzer, Instrumentalpädagogen und immer mehr Orches­termusiker sind freiberuflich tätig. Der Gründerboom der freien Ensembles Mitte der 80er-Jahre sorgte für ein weiteres Anwachsen von nicht festangestellten Musikern. Die Probleme, die sich sowohl künstlerisch sowie vor allem im Bereich der Daseinsfürsorge für diese Klientel auftun, waren Thema beim Panel „Vogelfrei? Die so genannte freie Szene“ auf der Musikmesse Frankfurt. nmz-Redakteurin Ursula Gaisa diskutierte am Stand von Deutschlandradio, Deutschem Musikrat und neuer musikzeitung mit drei Freiberuflerinnen: mit der Oboistin Birgit Schmieder, die nach 14 Jahren bei den Berliner Symphonikern in die „Freiheit“ wechselte und als gewählte Delegierte der freien Musiker und Lehrbeauftragten in der DOV sprach; mit Tanja Ratzke, der kaufmännischen Geschäftsführerin des Freiburger Ensemble Recherche, sowie mit der Flötistin, Dozentin, Autorin und erster Vizepräsidentin des DTKV, Adelheid Krause-Pichler.
Ein Artikel von Ursula Gaisa

Ursula Gaisa: Frau Krause-Pichler, waren Sie jemals in einer Festanstellung?

Adelheid Krause-Pichler: Nein, ich war immer selbstständig. Ich habe als Flötistin mit eigenen Ensembles und in verschiedensten Ensembles gespielt­. Zwanzig Jahre lang hatte ich an drei verschiedenen Hochschulen Lehraufträge inne.

Gaisa: Kann man davon leben?

Krause-Pichler: Die freie Szene der Musiker ist insgesamt einer der wenigen Berufsstände, der sich in den letzten zehn Jahren deutlich verschlechtert hat.

Gaisa: Inwiefern?

Krause-Pichler: Dumpingpreise. Es gibt kaum reguläre Preisvorstellungen für ein Honorar.

Gaisa: Frau Schmieder, wir haben gehört, Sie waren festangestellt bei den Berliner Symphonikern, sind dann aber freiwillig gegangen. Haben Sie das bereut?

Birgit Schmieder: Nein, niemals. Ich bin damals gegangen, weil mir klar war, dass das Orchester über kurz oder lang nicht mehr existieren würde und habe mich zu einer Zeit selbstständig gemacht, in der das Feld noch etwas freier und besser bezahlt war. Auch war das Verhältnis zu den Lebenshaltungskosten noch ein anderes, besseres. Inzwischen habe ich die Erfahrung machen müssen, dass Gagen immer niedriger werden und auch Probezeiten und Pausen oft überhaupt nicht geregelt sind. Das hat mich dann dazu gebracht, ähnlich wie in anderen Ländern, zu sagen: Eigentlich müssten wir Freien auch eine Gewerkschaft haben.

Gaisa: Sie sind dann an die DOV herangetreten …

Schmieder: Die DOV hatte damals gerade beschlossen, sich mehr den Freien und Lehrbeauftragten zu öffnen. Wir haben in Berlin/Brandenburg eine AG Freie Musiker gebildet und in den vergangenen fünf Jahren auf der Grundlage von Umfragen Mindeststandards erarbeitet, die wir seitdem bei Musikern und Veranstaltern verbreiten und die zunehmend mehr Beachtung finden.

Gaisa: Frau Ratzke, Sie sind kaufmännische Geschäftsführerin eines freien Musikensembles. Was machen Sie da eigentlich beim Ensemble Recherche?

Tanja Ratzke: Ich versuche, genau diese finanziellen Probleme wie sie hier angesprochen wurden so weit wie möglich zu lösen. Ich mache die gleichen Erfahrungen, die meine Vorrednerinnen schon beschrieben haben. Dass Honorare sinken, vor allem gemessen an den steigenden Lebenserhaltungskosten. Ich sehe dafür auch noch eine weitere Ursache.

Die so genannte freie Szene sowie die etablierte Szene hängen eng zusammen: Sie sind ein Organismus, der nur gemeinsam funktioniert. Vor zehn Jahren gab es für uns noch die gute Möglichkeit, bei Kooperationen und Koproduktionen mit Rundfunkanstalten oder mit anderen öffentlichen Gebietskörperschaften oder Körperschaften ein genügend hohes Honorar zu verlangen und einzuspielen, so dass wir dadurch eben mit einer Mischkalkulation auch mit anderen Projekten, die nicht so gut finanziert waren, wieder hinkamen. Durch das zunehmend betriebswirtschaftlich und weniger inhaltlich geprägte Denken in den Führungsetagen von Rundfunkanstalten und anderen Stellen sind dort die Haushalte so weit abgebaut worden, dass im Grunde die großen Institutionen mit uns um die gleichen Geldgeber, Stiftungen, Sponsoring-Möglichkeiten und so weiter konkurrieren. Das ist natürlich ein ganz ungleicher Kampf.

Gaisa: Sind Sie fest angestellt?

Ratzke: Ich bin genauso selbstständig wie die Musiker, sonst wäre ich zu teuer. Im Ensemble Recherche arbeiten wir tatsächlich auf Provisionsbasis.

Gaisa: Frau Krause-Pichler, was macht der DTKV für die Freien?

Krause-Pichler: Zunächst bemühen wir uns erst einmal um Aufklärung. Es geht hier um ein gesellschaftliches Problem, das mit der Wertigkeit des Musikers als solchem zu tun hat. In Berlin haben wir die Erfahrung besonders hautnah gemacht, weil nach der Wende die beiden Welten Ost und West zusammenprallten.

Gaisa: Frau Schmieder, fürchten Sie die Altersarmut?

Schmieder: Von meinen Kollegen weiß ich, dass sie Rentenerwartungen von 400 bis 800 Euro im Monat haben – das bei einem Full-Time-Job mit Schülern an der Musikschule und Auftritten am Wochenende. Das ist einfach eine Ungerechtigkeit.

Gaisa: Wie könnte man da Abhilfe schaffen?

Schmieder: Wie ich schon gesagt habe, hat die DOV Mindeststandards für die Arbeit von freien Orchestermusikern erarbeitet, mit denen sich unter anderem der Berliner und der Deutsche Chorverband sowie die AG Kirchenmusik des Deutschen Musikrats solidarisch erklärt haben und die wir weiter etablieren werden. Wir möchten alle freien Musiker ermutigen, sich des Wertes ihrer Arbeit bewusst zu sein und sich gewerkschaftlich zu organisieren, sie sind nicht allein. In anderen Ländern gibt es schon sehr viel länger Gewerkschaften für freie Musiker. Zum Beispiel in der Schweiz ist das eine kontinuierlich gewachsene Konstellation zwischen fest angestellten und freiberuflichen Musikern. Dort gibt es einen Tarifrechner, mit dem man als Freier und auch als Veranstalter genau errechnen kann, was einem Musiker für ein Konzertprojekt unter Angabe von Probenanzahl und Funktion als Gage zusteht. Auch hat die Gewerkschaft einen Argumentationskatalog erstellt, in dem steht, was ein Veranstalter bekommt, wenn er seine Musiker gut bezahlt. Nämlich gut vorbereitete, ausgeruhte Musiker, deren Instrumente gut gepflegt sind.

Gaisa: Frau Ratzke, Stichworte Sozialversicherung und Steuersystem – was wäre hier für die freien Ensembles vonnöten?

Ratzke: Die Sozialversicherung müsste den Gegebenheiten und den Arbeitsweisen der freien Ensembles angepasst werden. Diese geringen Renten resultieren historisch daraus, dass gesellschaftlich lange Zeit angenommen wurde, freier Musiker bleibt man nur eine gewisse Zeit, dann bekommt man entweder eine gut bezahlte Lehrstelle oder Professur oder man nimmt eben eine feste Stelle in einem Tariforches­ter an. Jetzt haben wir die Situation, dass die Leute, die angefangen haben in der Gründungswelle, den 80er-Jahren, die sich jetzt dem Rentenalter nähern, eben nie in gut bezahlte Stellen gewechselt sind. Auch das Stichwort der Scheinselbstständigkeit geistert dann immer wieder herum. Sind wir denn Freiberufler, oder sind wir das nicht? Denn wir entscheiden nicht selbst, wann wir proben und was wir proben. Und das wird eben von verschiedenen Finanzämtern verschieden ausgelegt. Auch werden manche freien Ensembles mit der Frage konfrontiert, was mit ihren Gastmusikern passiert. Ob man sie zum Beispiel nachträglich wie Angestellte behandeln muss und dann Sozialversicherungsabgaben nachzahlen müsste. Das wäre finanziell eine Katastrophe für die Ensembles, die schon lange existieren.

Gaisa: Frau Krause-Pichler, würden Sie einem jungen Musiker trotzdem noch zu dieser Laufbahn raten?

Krause-Pichler: Ich glaube, einen jungen Menschen, der sich für Musik begeistert, den wird man nicht zurückhalten können, diesen Beruf zu ergreifen. Unsere Gesellschaft braucht Künstler, wir brauchen diese verrückten Typen, die nicht als erstes die Hand aufhalten. Aber wir müssen Honorarregelungen finden, die mit anderen Berufen vergleichbar sind. Dafür müssen wir uns als Berufsverband einsetzen.

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