Glauben, schöpferisch sein – im Anthropozän

Festivalleiter Frank Kämpfer zur neuen Ausgabe des Forum neuer Musik in Köln


(nmz) -
„Im Anthropozän“ – das klingt nicht nach Musik. Aber dieser Begriff hat in der Öffentlichkeit zu kursieren begonnen. Frank Kämpfer, DLF-Redakteur und Kurator des Kölner Forum neuer Musik, hält das Thema für derart relevant, dass er sich mit seiner Festival-Planung 2017 wieder einmal weit auf außermusikalisches Terrain begibt. Die Arbeit begann folgerichtig statt mit Partituren mit brisanter Lektüre – auch für die Veranstaltungspartner, die Kölner Musikhochschule und die Kirche Sankt Peter. nmz-Chefredakteur Andreas Kolb sprach mit Kämpfer über das aktuelle Forums-Programm.
Ein Artikel von Andreas Kolb, Frank Kämpfer

neue musikzeitung: Wie findet und entwickelt man als Festivalleiter so einen Themenschwerpunkt?

Frank Kämpfer: Ich las Dipesh Chakrabarty, einen Begründer der Subaltern Studies: „Vier Thesen zum Klima der Geschichte“. Das ist ein post-kolonial fundierter Text, zuzuordnen der Fraktion der „Klimagerechtigkeit“. Das klang für mich sofort nach Forum! Ich las dann Haber, Boff, Sloterdijk und hatte den Schlüsselbegriff des „Anthropozän“. Klar war, es geht nicht allein um CO²-Ausstoß und Nitrate im Boden, es braucht einen Blick auf die Entwicklung der Menschheit als Spezies. Da passte es, dass David Smeyers mit seinen Studierenden die legendäre „Missa nigra“ von Friedrich Schenker wieder ausgraben wollte. Dazu suchten wir dann ein Pendant …

nmz: Schenker, auch Katzer – das sieht nach einem DDR-Schwerpunkt aus? Andererseits dann die Lesung von „Laudato si, über die Sorge für das gemeinsame Haus“ von Papst! Franziskus im Kunstraum Sankt Peter. Wie passt das zusammen?

Kämpfer: Schenkers Fünfundsiebzigster steht in diesem Jahr an, das Forum stößt dazu die Tür auf. Mich interessiert aber nicht die DDR, sondern das ökopolitische Bewusstsein dieser Generation. Schenker war da sehr weit, aber intuitiv. Bei Georg Katzer ist das philosophisch fundiert: Seiner Beschäftigung mit dem Frühaufklärer La Mettrie entsprangen etliche Werke über den Menschen, der seinen Ursprung aus der Natur verleugnet. Und Octavian Nemescu will Schöpfung und Wissenschaft wieder vereinen.     

nmz: Ich verstehe noch nicht: Geht es bei diesem Forum 2017 nicht um den Klimawandel? Und was soll eine Papst-Lesung auf einem Festival Neuer Musik?

Kämpfer: Der Mensch ist heute der zentrale irdische Akteur. Wir sind dabei, die Biosphäre, unsere Lebensumwelt auf der Jagd nach Wachstum aller Art immer stärker zu stören. Die zeitgenössischen Künste müssen sich dazu positionieren! Beim Forum 2017 thematisieren wir deshalb das Verhältnis von Natur und Kultur, wir sensibilisieren für Verantwortung und Nachhaltigkeit. Um solche ethischen Aspekte im Klimadiskurs gruppieren sich dreizehn Veranstaltungen: Musiktheater, Hörstücke, Diskussionen, Lectures und Lesung.  

nmz: Von den Aufgaben der Neuen Musik, das heißt von Vorstößen in neue ästhetische Dimensionen bewegt sich dieses Forum weit weg, richtig?

Kämpfer: „Die Zeit wird kommen wo wir an jeden Text die Frage stellen, was sagt er über das Klima aus“ – prophezeit der amerikanische Philosoph Timothy Morton. Unter diesem Aspekt ist unser Forum ästhetisch ganz vorn! 

nmz: Der Deutschlandfunk hat Kompositionsaufträge vergeben – was erwartet uns?

Kämpfer: Gerald Eckert schreibt ein großes Stück für Orgel und Schlagwerk, in dem es um Entschleunigung geht. Die Performance „Peoples Age“ spielt mit der Technik des Postfaktischen. Am meisten bin ich auf Malin Bångs multimediales Drama „Kudzu / The 6th Phase“ gespannt. Stefano Mancusos „Intelligenz der Pflanzen“ liegt dieser Arbeit zu Grunde, komponiert ist der Klimawandel aus der Perspektive der Pflanzen.

nmz: Ich muss wirklich endlich einmal zum Forum kommen! Und was ist nun mit dem Papst?

Kämpfer: Mario Bergoglios ökologische Enzyklika „Laudato si‘“ ist ein aufrüttelnder Text. Weil er die ökologische und die soziale Frage auf diesem Planeten als nur gemeinsam zu lösen auffasst. Friedrich Schenker hat das ähnlich empfunden, er wird sich also keinesfalls im Grabe umdrehen. Anders als in der „Missa nigra“ formuliert Papst Franziskus aber eine Zukunftsperspektive. Die Menschheit als Ganze müsste allerdings einen größeren Paradigmenwechsel vollziehen.

www.deutschlandfunk.de/forum-neuer-…

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