Halbvolle Gläser, gepriesene Musikautoren

Jahrespressekonferenzen der GEMA und der Musikindustrie, Musikautorenpreise an Saunders, Bauckholt und Kreidler


(nmz) -
Die Nachrichten sind an sich erstaunlich positiv – in jedem Fall aber nicht negativ. Sowohl die GEMA als auch der Bundesverband Musikindustrie konnten über die Bilanzen des letzten Jahres ganz froh sein. Der allgemeine Abwärts­trend trotz Wirtschaftskrise scheint gebrochen.
Ein Artikel von Martin Hufner

So steigerte die GEMA ihre Erträge um 2,2 Prozent von 823 auf 841 Millionen Euro. Damit bleibt für die Mitglieder der GEMA (Autoren, Verlage und Textdichter) eine größere Verteilungssumme als im Jahr zuvor. Allerdings gilt dies auch für den Verwaltungsapparat und die Mitarbeiter der GEMA, deren Aufwendungen stiegen um 4,6 Prozent von 122,4 auf 128 Millionen Euro. Die so genannte Verschlankung im Bereich der Bezirksdirektionen hat sich noch nicht widerspiegeln können, da sie erst im Gange ist. Der Gründe für die Ende letzten Jahres angeordnete „Zusammenlegung“ der Bezirksdirektionen Augsburg, Stuttgart und München mögen vielfältig sein, wirken jedoch gerade angesichts der Steigerung der Erträge um 3 Prozent (von 286,1 auf 294,6 Millionen Euro) verwunderlich. Nicht zufriedenstellen können allerdings die Erträge im Bereich „Inkasso Online“ (Download, Streaming und Ruftonmelodien), die zwar insgesamt eine Steigerung von 45 Prozent verzeichnen, aber mit absolut 10,6 Millionen Euro unter Wert sind.

In dem Zusammenhang macht sich bemerkbar, dass es zwischen Firmen wie Youtube und der GEMA immer noch keine Einigung gibt. Die Frage, in welchem Umfang man sich diese wünsche, wollte man nicht beantworten. Stillschweigen ist angesagt. Zwar können sich die Autoren über das Jahr 2009 freuen, doch kann man für die Zukunft nur begrenzt optimis­tisch sein. Für das positive Ergebnis war wesentlich, dass sich das Inkasso aus der Kabelweiterleitung im Bereich Rundfunk und Fernsehen um 132,2 Prozent auf 60 Millionen Euro erhöhen ließ. Die Verhandlungen mit Kabelnetzbetreibern waren im letzten Jahr erfolgreich und Nachzahlungen liefen in die Gesamtertragssumme ein. Das wird sich nicht wiederholen.
Die Situation der Musikindustrie ist eine andere. Dort ging es seit Jahren mit dem Gesamtumsatz bergab. Heute spricht man davon, dass sich der Musikmarkt weiter auf Konsolidierungskurs befinde. In der Tat nähert sich die Gesamtumsatzkurve nahezu asymptotisch der Grenze von 1,5 Milliarden Euro. Sogar mehr, man erwartet für 2011 einen Turnaround. Die Einzelergebnisse sind dabei bisweilen erstaunlich. So hätte man allgemein erwartet, dass im Bereich Downloads der Einzeltrack die Zukunft sei. Mit 65 Prozent Wachstum sind aber offenbar Download-Bundles treibende Kraft im Markt. (Ein Hinweis für den Rundfunk im Norden: Das GANZE Werk macht das Rennen!) Großer Gewinner im CD-Markt ist der Bereich Klassik. Dort wurden 2,1 Millionen Tonträger mehr verkauft (jetzt 14,7 Millionen).

Überhaupt funktioniert im Musikmarkt der Übergang zur Internetwirtschaft mittlerweile besser als es bei der GEMA der Fall zu sein scheint.

Nirgendwo gibt es so viele Download-Stores wie in Deutschland.
Das Piraterie-Problem bleibt nach Ansicht des Bundesverbandes Musikindustrie nach wie vor bestehen. Man meint daher, weiter an der Abmahnpraxis festhalten zu müssen, die seiner Ansicht nach dafür sorge, dass man das Pirateriewesen in Grenzen halten könne. Einig sind sich GEMA und Bundesverband Musikindustrie darin, dass in Zukunft verstärkt ein gesellschaftlich-politischer Diskurs geführt werden müsse, wie die so genannte Kreativwirtschaft in der Gesellschaft in besserem Maße als bedeutende Ressource (gerade auch wirtschaftliche Ressource) erhalten werden könne. Dabei soll die Politik die Moderation übernehmen. Vielleicht wird dann, so die Hoffnung, das wilde Wuchern der Technik ein wenig in einen einvernehmlichen Takt kommen. (Siehe dazu die beiden anlässlich der Pressekonferenzen geführten Gespräche mit Dieter Gorny und Harald Heker, zu sehen auf www.nmzmedia.de)

Musikautorenpreis

Eine Woche nach der GEMA-Bilanz wurde im Berliner axica-Gebäude erneut der Deutsche Musikautorenpreis der GEMA vergeben. In einer Art moderiertem Gala-Dinner wurden Preise in neun Kategorien vergeben, die, bis auf den Preis der Nachwuchsförderung (10.000 Euro), Ehrenpreise sind. Unter den Preisträgern befanden sich Jan Delay, Rebecca Saunders, Carola Bauckholt und Johannes Kreidler. Die Veranstaltung, unter dem Motto „Autoren ehren Autoren“ verlief völlig harmlos. Preisträger, Autoren und Festredner (Kulturstaatsminister Bernd Neumann) lobten überschwänglich die Arbeit der GEMA, was auch wenig verwundert, leben sie ja zum Teil von den Tantiemen, die sie von der GEMA erhalten. Auch der „GEMA-kritische“ Komponist Johannes Kreidler unterstrich den Wert der GEMA-Tätigkeit, betonte jedoch die Bedeutung des Internets mit einer Umkehrung der gängigen Formulierung, dass es das Internet nicht ohne Content gäbe: „Es gibt auch immer mehr Content, weil es das Internet gibt.“ Carola Bauckholt hielt ein Plädoyer für experimentelles Musizieren und die musikalischen Randbereiche: „Die Arbeit am Rand schafft Raum.“

Gleichwohl blieben die eingesetzten Filmeinspieler zur Vorstellung der Nominierten im Bereich Neuer Musik fade. Kulturstaatsminister und Schirmherr der Veranstaltung Bernd Neumann spannte seinen Schutzschirm für die Urheber weit auf. Er konnte in seinem Grußwort nicht verhehlen, dass es ihm nicht gefalle, wenn sich bei Vergehen gegen das Urheberrecht im Internet nicht das Sperren der Internetzugänge der Urheberrechtsverletzer in Deutschland durchsetzen lasse, obwohl dies in England und Frankreich erwogen werde (die so genannte Three-Strikes-Regelung). Eine europäische Harmonisierung sei hier anzustreben. In welcher Richtung, ist offensichtlich. Ebenso sieht Neumann in der öffentlichen Verhandlung der Online-Petition zur GEMA eher eine Chance zur Klarstellung dessen, was die GEMA wirklich mache.

Angesichts solcher Wünsche dürfte die von Neumann mit Vorschusslorbeeren bedachte Enquete-Kommission „Internet und Digitale Gesellschaft“ kaum eine Angelegenheit mit offenem Ausgang und freiem Diskurs werden. So wirken auch die Aufrufe seitens GEMA und Musikindustrie, diesen Diskurs zu führen, eher halbherzig. Der Deutsche Musikautorenpreis selbst krankt aber auch an anderer Stelle. Zwar wird betont, dass die Jury vollkommen unabhängig handle, wenig weiß man aber über die Art und Weise, welche Kriterien dabei zum Tragen kommen. Geht es tatsächlich um die Würdigung der Arbeit der Autoren und Komponisten im vergangenen Jahr, wie Bettina Müller (GEMA-Sprecherin) darlegte? Das scheint, gerade auch angesichts der Würdigung der Laudatoren, die immer den kompletten Lebensweg miteinbezogen, unwahrscheinlich. Hier wäre sicher etwas mehr Transparenz wünschenswert.

Deutscher Musikautorenpreis 2010:

Kategorie Komposition Dance: Alex Christensen; Kategorie Jazz: Nils Wogram; Kategorie Text Schlager: Joachim Horn-Bernges; Kategorie Experimentelle Musik: Carola Bauckholt; Kategorie Komposition Rock/Pop: David Roth, David Jost, Pat Benzner (u.a. Tokio Hotel); Kategorie Instrumentalmusik: Rebecca Saunder;  Kategorie Text Rock/Pop: Jan Delay; Kategorie Nachwuchsförderung: Johannes Kreidler; Kategorie Lebenswerk: Michael Kunze; Erfolgreichstes Werk: Silbermond

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