Konservativ im besten Sinne

Leserbrief von Michael Stolle


(nmz) -
Zu „Wenn das kulturelle Erbe zum Fetisch wird – Sind Musikinstitutionen Komplizen reaktionären und hegemonialen Denkens? · Von Fabien Lévy“, nmz 4/2021, Seite 1 f.
Ein Artikel von Leserbrief

[…] Schon die Überschrift regt mich zum Widerspruch an: Ich betrachte nämlich das kulturelle Erbe überhaupt nicht als ,,Fetisch“ (also als Götzenbild), sondern als Verpflichtung, etwas Wertvolles zu pflegen und zu bewahren.[…] Natürlich sollen alle Musik-Institutionen – Konzerthäuser und Musikhochschulen – offen sein gegenüber experimentellen Techniken und avantgardistischen Versuchen, das Spektrum der Musik zu erweitern. Da haben Sie Recht. Und natürlich soll die alte Musik vor Bach gepflegt werden. Und natürlich sollen wir neugierig sein auf außereuropäische Klänge. Sie mahnen an: neue Spieltechniken, elektronische Technologien, Einführung außereuropäischer Instrumente. Sie haben Recht: Offenheit gegenüber Neuem ist erstrebenswert. Aber ist nicht die hohe, durch Jahrhunderte gewachsene europäische Musikkultur ein Magnet, der jährlich Tausende Musikliebhaber zum Beispiel aus China, Korea und Japan nach Europa zieht und hunderte von Studenten aus diesen Ländern vorzugsweise an die deutschen Musikhochschulen? Wo kann zum Beispiel der oder die asiatische Studierende das Erbe Bachs oder Mendelssohns authentischer studieren als in Leipzig? Sollten wir Europäer nicht stolz auf diese Tradition sein?

Ich weigere mich, die großen Werke der europäischen Musik von Bach und Mozart, von Beethoven, Brahms, Tschaikowsky, Dvorák, Verdi, Debussy bis zu Strawinsky, Bartók und Schostakowitsch als Produkte einer „vielleicht westlichen, eurozentrischen, phallozentrischen und kolonialistischen Welt‘‘ zu sehen! Es sind Gipfelwerke der Musik, die der ganzen Welt gehören – egal, wo, wann und in welchem historischen Kontext sie entstanden sind. So sehe ich meine Aufgabe als Dirigent und Musikpädagoge: alles musikalisch Wertvolle meines Kulturkreises dem Hörer zu vermitteln und an die junge Generation weiterzugeben. Das ist für mich nicht „reaktionär“, ,sondern konservativ im besten Sinne. Conservare heißt bewahren! Unser Notationssystem verengt Ihrer Meinung nach „das Denken und auch die Wahrnehmung“. Widerspruch: Ich halte unser europäisches Notensystem für eine der großen Kulturleistungen der Menschheit. Ist es nicht eine Schande, dass viele Schüler nicht mehr Noten lesen können, weil Musik und Bildende Kunst zu „Wahlfächern“ degradiert wurden? Noch ein Widerspruch: Die sogenannte absolute Musik ist keine „tote Sprache“, sondern vermittelt immer wieder in den Stunden der konzertanten Realisation Begeisterung, Tatkraft, Nachdenklichkeit, poetische Bilder, Träume, Erinnerungen. Dass diese „kanonisierten“ Musikwerke der Blütezeit zwischen 1700 und 1920 „museal“ seien und von „weißen“ und meist männlichen Komponisten erdacht, wird wohl den begeisterten Konzerthörer nicht stören.

Noch eine letzte Anmerkung: die genderisierte Sprachverstümmelung mit dem Sternchen (wie z.B. bei „Komponist*innen“) sollten Kulturschaffende sich und den Lesern nicht zumuten!

Michael Stolle, Wittenberg

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