Kreativ, intellektuell, virtuos und charismatisch

Zum Tod des Pianisten Robert-Alexander Bohnke ·


(nmz) -

Am 17. Oktober 2004 verstarb im Alter von 77 Jahren Robert-Alexander Bohnke – Pianist, Komponist, Hochschulprofessor und Pädagoge. Ein Herzversagen ereilte ihn, während er im Arbeitszimmer seines Tübinger Hauses mit einem Schüler telefonierte. Eine große Trauergemeinde – darunter Walter Jens – versammelte sich am 22. Oktober in der Tübinger Martinskirche, um Abschied zu nehmen. Vielen stand der Schmerz über den plötzlichen Verlust dieses so besonderen und liebenswürdigen Menschen und Künstlers im Gesicht geschrieben. „Es fällt schwer zu glauben, dass Robi wirklich tot ist“, schreibt Joachim Kaiser in seinem Nachruf vom 9. November in der Süddeutschen Zeitung.


Es gibt eine Stelle im 3. Satz des Rachmaninoff- Klavierkonzertes Nr. 3 d-Moll – das war seine Lieblingsstelle. „So möchte ich leben…“, kommentierte er, wenn er das Konzert auf CD in der Interpretation des von ihm hochverehrten Vladimir Horowitz anhörte. Und so lebte er – der über seinen Lehrer Vladimir von Horbowski Enkelschüler von Rachmaninoff und Busoni war – ein rastloses Künstlerleben, in „exorbitanter“ Fülle und Intensität, gleichsam wie eine Kerze, die an beiden Enden brennt. „Wer andere entzünden will, muss selber brennen“. Dieser Satz von Augustinus konnte gewiss auf ihn bezogen werden; kaum jemand konnte sich seinem Charme entziehen. Noch bis kurz vor seinem Tod trat er als Pianist auf, war erst wenige Wochen vorher von seiner letzten Japantournee zurückgekehrt und plante weitere Konzerte in Russland und dem fernen Osten.

Anlässlich seines 75. Geburtstages gab er im Festsaal der Tübinger Universität einen Klavierabend, der vom Südwestfunk mitgeschnitten wurde. Er interpretierte unter anderen die b-moll Sonate von Chopin, die Wanderer- Fantasie von Schubert und Kompositionen seines Vaters Emil Bohnke souverän, mit virtuoser Vehemenz und erstaunlicher Frische.

Sein Elternhaus

Robert -Alexander Bohnke wurde am 21. März 1927 als jüngstes Kind des Komponisten, Dirigenten und Bratschisten Emil Bohnke und der Geigerin Lilli Bohnke, geborene von Mendelssohn, in Berlin geboren. 1928 verlor er beide Eltern durch einen tragischen Unfall; sie waren auf der Suche nach einem Sommerquartier bei Pasewalk in Pommern mit dem Auto tödlich verunglückt. In den folgenden Jahren wuchsen Robert-Alexander Bohnke und seine beiden älteren Geschwister bei seinen Großeltern Marie und Franz von Mendelssohn in Berlin auf. Der Großvater – ein direkter Nachfahre des Philosophen Moses Mendelssohn, der wiederum der Großvater von Felix Mendelssohn Bartholdy war – war Bankier und Präsident der Berliner Handelskammer. Der kleine Robert-Alexander, genannt Robi, wurde von seinen Großeltern auf „nahezu absurde Weise“ verwöhnt, denn sie wollten ihn über den Verlust seiner Eltern hinwegtrösten. Im Hause Mendelssohn, einer Villa in Berlin-Grunewald, wurde viel musiziert. Robert-Alexander Bohnke schreibt im Piano-Jahrbuch (Band 3, 1983): „Mein Großvater […] spielte möglichst jeden Abend Geige, in früheren Jahren […] sehr oft Streichquartett mit Joseph Joachim, der einer der musikalischen Hausgötter unserer Familie war, später Quartette, Trios und Duos mit Artur Schnabel (dessen Frau, die Sängerin Therese Behr, meine Patentante war), mit meinem Patenonkel Carl Flesch (der, wie auch Georg Kulenkampff Freund und Geigenlehrer meiner Mutter gewesen war), mit Edwin Fischer (der mit meiner Tante Eleonora von Mendelssohn verheiratet war) und auch mit einigen Dilettanten, wie zum Beispiel Albert Einstein. Einstein spielte am liebsten Mozart, aber er hatte Intonationsprobleme und war auch nicht sehr rhythmisch. An einem Abend, an dem er bei uns zu Hause zusammen mit Artur Schnabel vor etwa zweihundert geladenen Gästen spielte, geriet ihm ein Takt völlig unrhythmisch, so dass Schnabel unterbrach und laut fragte: ,Einstein, werden Sie denn niemals lernen bis drei zu zählen?!’“

Unter der Obhut seiner Großeltern besuchte Robert-Alexander Bohnke als Kind viele Konzerte und fühlte sich schon früh „als hervorragender Fachmann“. Im Piano-Jahrbuch berichtet er weiter: „Als mich in der Pause eines Furtwängler-Konzertes eine alte Dame, die mich wohl irgendwie rührend fand, fragte: ‚Na, mein Kleiner, hat dir denn die Beethoven-Symphonie auch gut gefallen?‘ und dabei noch meine Haare streichelte, antwortete ich gereizt: ‚Gefallen? Wo doch jeder Mensch weiß, dass Furtwängler immer die Tempi der Ecksätze verschleppt?!‘“

Pianist und Komponist

Robert-Alexander Bohnke begann mit fünf Jahren Klavier zu spielen. Zunächst wurde er von der Schnabel-Schülerin Hansi Graudan unterrichtet, dann, nachdem sie 1933 Deutschland verließ, von Hans Erich Riebensahm, einem anderen Schnabel-Schüler. Mit 12 Jahren wechselte er zu Vladimir von Horbowski, „von dessen unerbittlicher Strenge im Klavierunterricht man in Berlin mit angenehmem Gruseln sprach“. 1941 endete diese intensive Unterrichtszeit , denn wegen der Bombenangriffe auf Berlin brachten die Großeltern Mendelssohn ihre drei Enkelkinder nach Österreich.

Aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, machte Robert-Alexander Bohnke 1946 am humanistischen Uhland-Gymnasium in Tübingen sein Abitur und studierte anschließend an der Stuttgarter Musikhochschule Klavier bei Horbowski und Komposition bei Georg von Albrecht.

„Der ungeheure Druck, den Hitlers Reich und der 2. Weltkrieg auf mich ausgeübt hatten, war endlich weg, die Freiheit von den Nazis machte mich damals so glücklich und gleichzeitig unruhig, dass ich es nicht aushielt, ‚nur‘ Musik zu studieren. Ich reiste sehr viel umher, lernte viele für mich neue Städte und sehr viele Menschen kennen, studierte in Tübingen bei Krüger, Weischedel, Spranger und Guardini Philosophie, bei Carl Leonhardt und Georg Reichert Musikwissenschaft, bei Helmut von Glasenapp Indologie und außerdem noch etwas Germanistik. Ich komponierte viel und übte zu wenig systematisch Klavier.“(Piano-Jahrb.)

Trotzdem gewann Robert-Alexander Bohnke mit 22 Jahren den. 2. Preis bei einem Wettbewerb des Hessischen Rundfunks, 1953 den Kranichsteiner Musikpreis, 1956 die ersten Preise der internationalen Klavierwettbewerbe in München, Genf und Veralli. Er bekam sehr viele Konzertengagements und Angebote zu Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen.

In diesen Jahren war er einer der hoffnungsvollsten Pianisten Europas – jung, attraktiv, charmant und geistreich. Aber er wollte sich auch nicht von einem hektischen Konzertbetrieb vereinnahmen lassen. Dennoch unternahm er auch größere Konzerttourneen, 1966 war er einer der ersten westlichen Pianisten mit einer ausgedehnten Sowjet-Tournee. „In Taschkent, an der chinesischen Grenze, habe ich auch den besten Steinway-Flügel,den ich in meinem Leben gespielt habe, erlebt… Der Stimmer liebte den Flügel so sehr, dass er sogar unter dem Instrument schlief…“ Rund 20 Jahre später formuliert Robert-Alexander Bohnke seine pianistischen Zielsetzungen: „Manche Aufgaben, die ich mir früher stellte, finde ich heute nicht mehr so wichtig. Ich glaubte noch mit 30 Jahren, dass ich unbedingt alle Klavierkonzerte von Mozart, alle Werke von Chopin, Schumann und Skrjabin und möglichst auch alle Klavierwerke von Bach öffentlich spielen wollte. Heute erscheint es mir viel erstrebenswerter, einen wesentlichen Teil dieser Werke, der mir besonders wichtig ist, immer wieder von neuem zu erarbeiten. […]“ (Piano Jahrbuch)

Hochschullehrer und Pädagoge

1956 erhielt Robert-Alexander Bohnke eine Klavierprofessur an der Freiburger Musikhochschule, die er bis Anfang der 90er-Jahre innehatte. Er behielt seinen ersten Wohnsitz in Tübingen, wo auch seine Familie wohnte – er war in zweiter Ehe verheiratet, Vater von fünf Kindern –, pendelte wöchentlich zwischen Tübingen und Freiburg mit dem Zug durch den Schwarzwald. Carl Seemann war damals Direktor in Freiburg; die beiden Pianisten spielten gerne die Doppelkonzerte von Bach und Mozart und andere Werke an zwei Flügeln.

Sein Kollege, Prof. Dr. Hannsdieter Wohlfahrt, Professor für Musikgeschichte im Ruhestand, erinnert sich:

„Robert-Alexander Bohnke war ein ausgesprochen weltmännischer Kollege, bei ihm beschränkte sich das Gespräch nicht auf hochschulpolitische Tagesthemen, sondern er überschaute auf souveräne Weise größere Zusammenhänge, nicht nur auf musikalischem Gebiet, auch in allgemeinen kulturpolitischen Fragen.“

Was war nun das Besondere an seinem Unterricht? „Robi“, wie er nicht nur von Freunden, sondern auch von Schülern, die längere Zeit bei ihm Unterricht hatten, genannt wurde, setzte Klaviertechnik voraus, arbeitete auf künstlerischer Ebene, besprach aber sehr genau den Fingersatz, achtete auf Texttreue und ermutigte zur gerechten Selbsteinschätzung. Interpretationen, die zwar fehlerfrei waren, aber am Kern des Stückes vorbeigingen, konnte er sehr scharf kritisieren. Bei der Wahl eines ungünstigen Fingersatzes regte er sich manchmal regelrecht auf: „Halt! Da nimmt man den dritten Finger, nicht den vierten. Das ist so klar, man müsste es eigentlich nicht sagen. Aber Ihnen muss man die selbstverständlichsten Dinge erklären. Ich sage, klettern Sie nicht durch das Fenster, um hereinzukommen, bohren Sie nicht ein Loch vom Keller, sondern kommen Sie durch die Tür. Aber nein, Sie brechen durch die Wand herein“ (Edna Grasshorn- Gebhardt in Piano-Jahrbuch, 1982).

Sehr wertvoll waren die monatlichen Klassenstunden, in denen die Klasse zusammen unterrichtet wurde. Hier erwartete er auch nach fünf Stunden gemeinsamen Unterrichts noch höchste Konzentration und Präsenz. Erinnerungen an Klassenausflüge werden wach, wie den Besuch von Albert Schweitzers Geburtsort Kaysersberg im Elsass oder der ehemaligen Wohnsitze von Edwin Fischer und Rachmaninoff in der Schweiz. „Zahlreiche wichtige Impulse, die Robert-Alexander Bohnke gab, geschahen gleichsam am Rande des eigentlichen Klavierunterrichts.[…] Bohnke hatte als Lehrer keinen ,Stil‘, er formierte keine ‚Schule‘. Aber er bildete angstfreie, selbstständige, mit der Musik glücklich umgehende Musiker heran. Heute erst weiss ich, wie wertvoll dies alles ist. Wir, seine Schüler und Freunde, tragen Robi im Herzen.“, so Till A. Körber, Professor für Klavier und Kammermusik an der Anton Bruckner- Privatuniversität Linz (Schwäbisches Tageblatt, 19.10.2004).

Prof. Dr. Vitaly Margulis, langjähriger Kollege von Robert-Alexander Bohnke und jetzt Klavierprofessor in Los Angeles schreibt aus Amerika:

„Robert-Alexander Bohnke ist von uns gegangen. Freunde zählen mit Freude die Ehrungen, die er in seinem Leben erhalten hat. Aber diese Auszeichnungen sind nichts im Vergleich zu der Ehrung, die er in der letzten Stunde bekommen hat – den gnädigen, leichten Tod. Wofür dieser Segen? Toller Pianist; guter Lehrer? – natürlich! Aber Ausgezeichnete gibt es viele. Er war ein glücklicher Mensch, wie es selten einen gegeben hat. Jemand führte ihn durchs Leben (dieser jemand führt auch uns), aber er folgte seinem Willen mit Leichtigkeit. Dafür hat er den höchsten Lohn erhalten. Friede sei mit Dir, mein Freund.“

Diskografie

I. Alexander Skrjabin Klavierwerke
Robert-Alexander Bohnke, Klavier
Dca 93119
(zur Zeit vergriffen)

II. Das Wohltemperierte Klavier 1. Teil
J.S.Bach, Doppel-CD
Dca 93142/43
Robert-Alexander Bohnke, Klavier
(zur Zeit vergriffen)

III. Klavierabend Robert-Alexander Bohnke
Phantasien von Haydn, Mozart, Beethoven u.a.
HH,M&M
 Tel.07633/982561

IV. Klavierabend auf dem Flügel von Vladimir Horowitz im Festsaal der Universität Tübingen
Attempto-Verlag
Nauklerstr.2, 72074 Tübingen
Tel.07071/21201
Co.-Produktion mit dem Südwestfunk Landesstudio Tübingen

V. Beethoven Sonaten op.57 und 106
Sas 007033, (zur Zeit vergriffen)

VI. Mozart KK595 Beethoven, Chorfantasie, Camerata vocali, Sinfonieorchester der Stadt Tübingen
 Attempto-Verlag

Kompositionen von Emil Bohnke auf CD

I. Piano Concert op.14 Sinfonie op.16
Robert-Alexander Bohnke, Klavier
Bamberger Symphoniker
Israel Yinon
2001 Koch/Schwann Classics GmbH
 3-6420-2

II. Klavierwerke von Emil Bohnke
Robert-Alexander Bohnke, Klavier
Real Sound/musikwelt
 0510032

III. Emil Bohnke Violinkonzert op.11 u.a.
Kolja Lessing, Violine
Radio-Sinfonie-Orchester Prag, Israel Yinon
Real Sound/musikwelt 0510035

IV. Kammermusik von Emil Bohnke
Kolja Lessing, Violine und Viola
Bernhard Schwarz, Violoncello
Trio Alkan
Verdi Quartett, Doppel-CD
Dabringhaus und Grimm
MDG 2350531-2

V. Klavierwerke von Bach, Beethoven, Emil Bohnke und Skrjabin
Ute Guddat, Klavier
Ars/MusikweltFCD 368 377

Erinnerung an Robi

Ich war viele Jahre seine Schülerin und erinnere mich besonders an seine Ausrufe: HALT!!
Dann wusste man schon, jetzt wird es wieder phantasievoll.
Mich schrie er gerne an: Halt! Erspare mir Dein Geklimpere!
Wäre ich Dein Vater, ich würde Dich 14 Tage bei Wasser und Brot und einem Klavier einsperren, und 1x täglich dürftest Du durch eine Glasscheibe einen Mann anschauen.
Seine Notizen in den Noten erheitern heute meine eigenen Klavierschüler. Mit meiner Gabe, Stücke ohne Instrument zu lernen hat er jahrelang Kommilitonen gequält.
Er war ein Meilenstein in meiner musikalischen Entwicklung, dafür sage ich Dir Danke, lieber Robi!

eine Deiner “Täubchen”