Kulturelle Identität Europas im Fokus

Ein Essay-Band mit Texten des 2014 verstorbenen Gerard Mortier


(nmz) -
„Tradition oder das, was gewöhnlich als Tradition bezeichnet wird, ist oft nur ein Synonym für Trägheit, denn die sogenannte Aufführungstradition, die den Werken anhaftet, spiegelt nicht notwendigerweise ihr wirkliches Wesen wider.“ In diesen kurzen Sätzen ist der ganze Gerard Mortier enthalten, wie man ihn aus Opern und Theatern kennt. Sein Credo: Theater und Musik, überhaupt jede Kunst, ist nichts Museales, sondern muss ein Ort der lebendigen Auseinandersetzung sein und zur Harmonie im menschlichen Zusammenleben beitragen.
Ein Artikel von Dirk Klose

Der 1943 im belgischen Gent geborene Mortier war vor fünf Jahren im Alter von 70 Jahren an einem Krebsleiden gestorben. Mit ihm verlor die europäische Opern- und Theaterwelt einen ihrer originellsten Köpfe. Wo immer er arbeitete, erlebte das Gesamtkunstwerk Oper wahre Sternstunden – 1981 bis 1990 in Brüssel, 1991 bis 2000 in Salzburg, von 2002 bis 2004 bei der Ruhrtriennale und bis zum Jahr 2009 an der Pariser Oper. Ab 2010 war Mortier künstlerischer Leiter des Teatro Real in Madrid, das unter ihm zu einem Höhenflug ansetzte, den dann sein plötzlicher Tod stoppte. Unumstritten war Mortier dabei nie, aber das wollte er auch nicht sein: Opernhäuser und Theater, so sagte er im Jahr 2009 in einem Vortrag, sind keine Warenhäuser für beliebiges Genießen, sondern „Stätten der Auseinandersetzung mit aktuellen Themen“.

Sein künstlerisches Bekenntnis hatte Mortier schon vor Jahren in dem Buch „Dramaturgie einer Leidenschaft“ (deutsch 2014) niedergelegt; jetzt sind noch einmal mehrere Texte, die in seinen letzten Jahren in Spanien entstanden, ins Deutsche übertragen worden. Es sind Vorträge, Zeitungsartikel und Beiträge in Programmheften, die einmal mehr den sprudelnden, überbordenden, mitunter auch ungeduldigen Geist Mortiers zeigen. Unterstützt haben Übersetzung und Druck die Salzburger Festspiele und das Klangforum Wien.

Das Buch vermittelt gleichsam en miniature sowohl Mortiers Leidenschaft für zeitgemäße Opernarbeit als auch seine immense musikalische Kenntnis. In Monteverdi und Mozart sieht er zwei der größten europäischen Künstler. Der geistreiche Mozart-Aufsatz in diesem Buch geht bis zu konkreten Fragen von Bühnenbild und Kostümen: „,Don Giovanni‘ sollte man nie mit his­torischen Kostümen inszenieren, auch ,Cosi fan tutte‘ nicht. Don Giovannis sehen wir täglich; wenn ich dieses Gebäude heute verlasse, werde ich vielen Don Giovannis begegnet sein.“

Ähnlich fragt er, wie heute Wagner, Debussy und Messiaen inszeniert werden sollten. In Bayreuth, wo er sich einmal vergeblich beworben hatte, müsse der ausschließliche Bezug auf Richard Wagner endlich aufhören. Wagner selbst habe ja für Auftragswerke plädiert; warum diesen Gedanken nicht wieder aufnehmen? „Ohne Zweifel könnte ein Komponist wie Wolfgang Rihm eine wunderbare Oper für Bayreuth schreiben!“ Den „Ring des Nibelungen“ sieht Mortier als eine der kühnsten Visionen von Aufstieg und Fall einer ganzen Zivilgesellschaft, darum auch hier die unbedingte Aktualität. Bloßer Realismus allein aus Tradition sei „grundfalsch“.

Der Band wird eingeleitet mit einem Vortrag, den Mortier im Frühjahr 2014 in Brüssel hätte halten sollen, wozu es wegen seines Todes am 8. März 2014 nicht mehr kam. Er ist ein leidenschaftliches Plädoyer, Europa in all seiner his­torischen Verschiedenheit als „eine kulturelle Identität“ zu sehen. Separatistische Bestrebungen hätten keinerlei Rechtfertigung mehr: „Es hat keine große künstlerische Bewegung in Europa gegeben, die nur einer Nation oder einem Land zugehört […] gewiss hat jedes Land sein eigenes Kolorit, aber der Farbfächer ist europäisch.“ Mortiers Leben und sein künstlerisches Schaffen sind dafür bestes Zeugnis.

  • Gerard Mortier: Das Theater, das uns verändert. Essays über Oper, Kunst und Politik, aus dem Spanischen v. Konstantin Petrowsky, mit einem Vorwort v. Sylvain Cambreling, Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 2018, 192 S., € 29,99, ISBN 978-3-7618-2088-9