Meister des sensiblen Donnerns

Zum Tode des großen Schlagzeugers und Klangformers Peter Sadlo


(nmz) -
Wer mit ihm sprach, hörte besonders oft das Wort „Klang“. Dieses Wort passt eher nicht zu weit verbreiteten Vorstellungen von Schlagzeug-Spiel, aber Musiker wie er haben viel dafür getan, diese Vorstellungen zu korrigieren.
Ein Artikel von Roland Spiegel

Der Schlagzeuger Peter Sadlo war ein hochsensibler Klangforscher und Klangformer, sein Spiel vereinte auf beispielhafte Art Energie und Feingeist, er verstand es, mitzureißen mit einer Kunst, die er entscheidend voranbrachte. Sadlo war einer der weltweit bedeutendsten Solisten des klassischen Schlagzeugs, Professor an der Hochschule für Musik und Theater München und am Salzburger Mozarteum, Gastprofessor an der Franz Liszt Hochschule Weimar, ein Vorbild junger Stars wie Martin Grubinger, und verschaffte dem Publikum Erlebnisse von atemberaubender musikalischer Schönheit. Erschüttert erfuhr die Musikwelt vor kurzem, dass Peter Sadlo am 29. Juli dieses Jahres in München an den Folgen einer Nierenoperation gestorben ist – mit 54 Jahren, ein Jahr, nachdem dieser herausragende Musiker den renommierten Frankfurter Musikpreis erhalten hatte, der verbunden ist mit Namen wie Alfred Brendel und György Ligeti.

Viel zu früh ist einer gegangen, der Vielen das Lauschen beibrachte. Kleine Becken konnten bei ihm das Flüs-tern lernen, ein Marimbaphon so zart klingen, als würden Regentropfen auf die Klangstäbe fallen, und der Trommel-Donner in dem großen Schlagzeug-Klassiker „Rebonds“ des griechischen Komponisten Yannis Xenakis füllte bei ihm mit besonderer Elastizität den Raum.

Seine Begeisterung für das Schlagzeug hatte der 1962 geborene und in Zirndorf bei Nürnberg aufgewachsene Peter Sadlo früh entdeckt. Mutters Kochtöpfe interessierten ihn wegen des Radaus, den man auf ihnen machen konnte, mit fünf baute er sich aus leeren Waschmittel-Behältern ein Papp-Drumset. Wenig später meldete ihn eine Nachbarin ungefragt beim örtlichen Spielmannszug an – das war der Auslöser einer erstaunlichen Karriere. Mit zwölf Gaststudent am damaligen Konservatorium in Nürnberg, später der Wechsel an die noch junge Musikhochschule Würzburg als Schüler des renommierten Schlagzeugers Siegfried Fink. Mit 20 wurde Sadlo zum Solopauker der Münchner Philharmoniker berufen, 15 Jahre blieb er bei dem Orchester, das damals von dem unbequemen Klang-Philosophen Sergiu Celibidache geleitet wurde; von dem habe er „enorm viel“ gelernt, sagte Sadlo später. Obwohl der Anfang nicht leicht gewesen sei: „Weißt du, Sadlo, was ich an dir nicht mag? Dein Ego ist zu stark“, soll Celibidache gesagt haben, nachdem der Schlagzeuger 1985 souverän den 1. Preis beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD gewonnen hatte.

Doch das Verhältnis wurde herzlicher und Sadlo zu einem gefeierten Solisten des Orchesters, bis er es 1997 verließ, um mehr Zeit für eigene Projekte zu haben – etwa Kammermusik mit Kollegen wie Pianistin Martha Argerich und Geiger Gidon Kremer, außerdem Solo-Aufnahmen und -Konzerte. Und nicht zuletzt Weitergabe von Erfahrung. Von „Bewegungsmotorik“ und „Phrasierung“ in „wesentlichen klassischen Schlaginstrumentengruppen“ handelte seine Dissertation, mit der er 1997 an der Universität Bukarest die Doktorwürde erlangte.

Schlagzeug: Das sind viele unterschiedliche Instrumente von der Pauke über verschiedene Trommeln, Röhren, Gongs bis hin zum Vibra- und Marimbaphon. Sadlo beherrschte sie alle auf höchstem Niveau. „Schlagen“? „Zeug“? Bei einem wie ihm muss man nach anderen Worten suchen. Er selbst sagte: „Draufhauen ist nicht alles. Die richtige Stelle eines Schlaginstruments mit dem für einen bestimmten Klang erforderlichen Krafteinsatz zu treffen – das erfordert eine ähnliche Bewusstheit der Bewegung wie bei einem Tai-Chi-Spezialisten, der mit der Handkante einen Ziegelstein zerschlägt.“ Eine Kunst der Einheit von Körper und Geist. Und nicht zuletzt: eine Kunst besonders sensibler Ohren. Sadlo hatte sie, und wer ihn je erlebt hat, hörte fortan selber anders. Ein Meister des Klangs und der besonders feinen Interpretation.   

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