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Neues Altes vom berühmtesten Orgelstück

Untertitel
Eine weitere Rekonstruktion der d-Moll-Toccata von Johann Sebastian Bach
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nmz 2000/10 | Seite 20
49. Jahrgang | Oktober

Rezensionen

Neues Altes vom berühmtesten Orgelstück
der Welt

Eine weitere Rekonstruktion der d-Moll-Toccata von Johann Sebastian Bach

Nun neigt sich das Jahr 2000 dem Ende entgegen und mit ihm die ausführlichen Feierlichkeiten zum 250. Todestag des wichtigsten deutschen Barock-Komponisten, Johann Sebastian Bach. Und wie kein zweites Jahr hat dieses eine ganze Reihe von neuen Erkenntnissen über den Leipziger Thomaskantor gebracht, als hätten es die Musikforscher darauf angelegt, dem alten Herrn noch ein paar neue Ansichten abzugewinnen.

So ist in diesen Tagen ein Buch des deutschen Cembalisten und Dirigenten Siegbert Rampe und des Schweizer Musikwissenschaftlers Dominik Sackmann erschienen, denen die lange Zeit als schwierig bis unmöglich angesehene Datierung der Bach’schen Orchesterwerke gelungen sein soll. Und jüngst betrat der Franzose Bruce Fox-Lefriche die Bühne der Bach-Entschlüssler und präsentierte der Öffentlichkeit seine Version der weltberühmten Toccata und Fuge d-Moll BWV 565 (Les Editions Musicales Regia No. 5631).

Damit ist der Franzose der bislang letzte einer langen Reihe von Musikforschern, die dem ungelösten Geheimnis des wohl bekanntesten Orgelstücks der gesamten Literatur auf den Grund gehen wollen. Fox-Lefriches Rekonstruktionsversuch ist der zu diesem Zeitpunkt werbetechnisch wohl am geschicktesten platzierte, zumal er in Deutschland nur über das Internet zu beziehen ist. Er versucht nachzuweisen, dass es sich bei Toccata und Fuge in d-Moll um die Orgelbearbeitung einer Violinsonate in a-Moll handele, die beide nicht von Bach stammten. Zu häufig träten Ungereimtheiten in Stimmführung und Tonsatz auf, zu simpel sei die dramatische Anlage des Stückes, als dass es originaler Bach sein könnte. Und es sei schon verwunderlich, dass niemand auf diese offensichtliche Idee gekommen sei, so der Franzose in seinen Erläuterungen.

Fragen lassen muss sich Fox-Lefriche jedoch, ob seine Idee wirklich so neu und einzigartig ist. Besonders die Argumente für seine Fassung decken sich erstaunlich wörtlich mit denen des Rekonstruktionsversuchs von Jaap Schröder, und der ist immerhin schon fünfzehn Jahre alt. Dem Plagiatsvorwurf weicht er jedoch durch eine leicht unterschiedliche Notenfassung aus, die im Gegensatz zur Schröder-Version eine größere Nähe zur überlieferten Fassung aufzuweisen scheint.

Die Zentren deutscher Bachforschung sehen solche Rekonstruktionsversuche mit einer Mischung aus Neugier und Distanz. Ulrich Leisinger vom Bach-Archiv in Leipzig verweist auf die mehr als ungesicherte Quellenlage des Werkes. Angesichts des Fehlens einer Partitur, die sicheren Rückschluss auf Komponist und Entstehungszeit zulässt, sei natürlich den Spekulationen Tür und Tor geöffnet. Solange diese Spekulationen aber sinnvolle Beiträge zur musikalischen Literatur nach sich zögen und nicht den Anspruch erhöben, sie seien die einzig richtige Lösung des Problems, sei nichts dagegen einzuwenden, so der Musikwissenschaftler.
Also bleibt doch alles beim Alten. Die Forscher hoffen auf die spektakuläre Entdeckung der Originalnoten, während die Musiker sich in Bearbeitungen von Bearbeitungen versuchen. Dabei gibt es genug „echten“ Bach, der musikalisch weitaus interessanter ist. Warum also in die Ferne schweifen, wenn Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564 liegen so nah?

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