Organisches Wuchern und ozeanisches Raunen

Die Eröffnung des Eclat-Festivals mit dem Jubiläum des Stuttgarter Kompositionspreises und der Abschlusstag


(nmz) -
Sechzig Jahre Förderung junger Komponisten: So lange verleiht die Stadt Stuttgart alljährlich ihren Kompositionspreis, oft an mehrere Preisträger; und spätestens mit Aribert Reimann – das war 1966 – hat er den Ruch des Regionalen hinter sich gelassen: Entgegengenommen haben diesen ältesten Förderpreis der Stadt schon Wolfgang Rihm und Helmut Lachenmann, Younghi Pagh-Paan und Violeta Dinescu. Diesmal ging er zur Gänze an den Schweizer Komponisten Michael Pelzel und sein 2013 entstandenes Stück „Sempiternal Lock-in“ für großes Ensemble und Solo-Harfe, das – wie seit ein paar Jahrzehnten alle Preisträgerstücke – im Eröffnungskonzert des Eclat-Festivals zu hören war.
Ein Artikel von Ines Stricker

Nicht nur Laudator Michael Kunkel, einer der Juroren und Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Hochschule für Musik Basel, auch die Künstlerische Leiterin des Festivals Christine Fischer sprachen im Vorfeld von Pelzels Hang zum Exzentrischen, Üppigen, Sinnlichen. Und tatsächlich erzeugte das hervorragende Klangforum Wien unter Enno Poppe in Pelzels Werk eine Art organisches Wuchern von Klangflächen aus virtuosen Klavierpassagen, Streicherglissandi und tiefen Bläserakzenten, die sich immer wieder auftürmten und aus denen gelegentlich Motive und Naturlaute aufzutauchen schienen. Michael Pelzel arbeitet dabei mit einer südafrikanischen Perkussionstechnik, bei der mehrere Spieler ein mit hoher Geschwindigkeit ablaufendes Muster erzeugen, das immer wieder verdichtet oder ausgedünnt wird – ein hochsinnliches Klangerlebnis, das zu genauem Hinhören zwingt, auch wenn es gelegentlich langatmig wird.

Vorangegangen war als totaler klanglicher Gegensatz „Anachronism“ von Georg Friedrich Haas, einem der Lehrer von Pelzel: eine im staccato gespiel-ten 11/8-Takt motorisch durchlaufende Arbeit, stark an der minimal music orientiert. Doch Haas spielt mit hohen und tiefen Lagen, etwa dem Diskant des Klaviers und der Bläser, aus denen sich allmählich Akkorde herausbilden, so dass trotz scheinbar immer gleicher Abläufe durchaus Spannung entsteht.

Diese ließ die Preisverleihung durch die Sozialbürgermeisterin der Stadt schmerzlich vermissen: Zu erleben war eine Ansprache, in der sich Ahnungslosigkeit in der Sache und Unkenntnis der Aussprache von Namen und Werktiteln die Hand gaben. Eine merkwürdige Vorstellung der Stadt zum 60. Jahrestag ihres renommierten Preises.

Doch der Abend endete versöhnlich, denn zuletzt dirigierte Enno Poppe, selbst ehemaliger Preisträger, mit „Koffer“ noch ein eigenes Werk, in dem er Stücke aus einer seiner Opern weiterspinnt: Häufig scheinen im Portamento der Blechbläser kurze sängerische Phrasen auf, Eruptionen einzelner Instrumente führen zu einer dramatischen Steigerung. Souverän lässt Poppe stilistische Anspielungen an den Jazz Revue passieren, Leierkastenanklänge wechseln sich ab mit Fetzen von Kaffeehaus- oder Straßenmusik. Ein hochwillkommener, ironisch-nostalgischer und leichtfüßiger Abschluss dieses Eröffnungsabends beim Stuttgarter Eclat-Festival.

Tag vier des Festivals

Einer der großen Vorzüge eines Festivals für Neue Musik ist, dass sich die besonderen Erlebnisse nicht vorausahnen lassen, eine gewisse Spannung also bis zuletzt bestehen bleibt. Beim Eclat-Festival im Stuttgarter Theaterhaus war es im Kammerkonzert am Sonntagnachmittag an der Zeit für Erfrischendes, etwa bei der jungen Russin Anna Korsun: Sie legt ihre Klangstudie „UCHT“ zunächst ganz perkussions- und geräuschbetont an, lässt etwa vier Spieler des Ensemble Ascolta mit Händen, Plastikfolie und Nudelholz eine große Trommel bearbeiten, um anschließend in einem großen Spannungsbogen Sphären und Lagen zu erforschen, von den Tiefen der Schläuche, des E-Basses und des Cellos über das schrille Tönen von Mundharmonikas bis hin zum ohrenbetäubend-gleißenden Zwitschern der Blockflöten.

Mit scheinbarer Banalität operiert Boris Filanovsky in „Endliche Melodie“ für sechs Stimmen. Sängerinnen und Sänger blasen und tönen in Melodicas, quäkende Instrumentalklänge und zart aufblühende Stimmflächen und Zungengeräusche lösen einander ab. Dafür brauchen auch erfahrene Neue-Musik-Profis wie die Neuen Vocalsolisten einen schier unendlichen Atem. Und Benjamin Scheuer greift bei „Kiste“ für Klavier und Zuspielungen unbekümmert und atemberaubend ins Virtuose: Der Pianist Florian Hölscher agierte hochkonzentriert und gelegentlich halsbrecherisch an Klavier und Laptop, startete Zuspiele und produzierte dazu vertrackte Läufe und Cluster.

Das Thema Musik und politische Stellungnahme verhandelte Dietrich Eichmanns „Offener Vollzug“ für sieben Instrumente; hörbar werden aber trotz des anspruchsvollen Konzepts vor allem ein ständiger unterschwelliger Drive und Musikzitate vergangener Jahrzehnte. Dagegen setzte Dror Feilers ebenfalls politisch motiviertes „32° 43’ Nord 33° 31’ Ost/Den 10 gewidmet“, mit einer bei aller Lärmhaftigkeit hochkomplexen akustischen Dauersalve einen fulminanten Schlusspunkt.

Im folgenden Programm dann eine tour de force der anderen Art: Der Spanier Alberto Posada besinnt sich in „Tombeau & Double“ für Viola solo auf die Tradition des Solovirtuosen, und Christophe Desjardins zelebrierte diese halbstündige intensive Erkundung eines lange vernachlässigten Instruments hinreißend.

Die an diesem Nachmittag aufgebaute Hörlust versandete dann allerdings erst einmal im räumlich und klanglich groß angelegten Hauptwerk des Abendkonzerts. Für Klaus Langs „viola.harmonium.orchester“ bespielte das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter Emilio Pomárico das Publikum im größten Saal des Theaterhauses von mehreren Seiten. In ozeanisch anmutendem Raunen und teils wabernden, teils irisierenden Klangflächen scheinen sich Zeit und Raum aufzulösen und, je nach Empfinden, eben auch gegen unendlich zu dehnen. Als wohltuender Gegensatz dazu folgten Rebecca Saunders’ „Void“ für Schlagzeug und Orchester mit düsterer atmosphärischer Wucht und geradezu vulkanischen Entladungen des Schlagzeugs und, wieder ganz anders, Sergej Newskis „Ground cloud“ für Violine und Orchester. Auch Newski zitiert, wie vor ihm Posada, alte Traditionen; in sparsamen expressiven Gesten zeichnet er ein Violinkonzert in komprimiertem Format als lebendigen Abschluss des Eclat-Programms.

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