Postfaktische Blasenwürfe

Uraufführungen 2017/03


(nmz) -
Wenn neue Musik gesellschaftskritisch sein will, dann soll sie zunächst einmal mit der Selbstreflexion ihrer eigenen Bedingungen und Möglichkeiten beginnen. Zu befragen wären ihre Materialien, Medien, Institutionen, Grenzen und Reichweiten auf potentielle Entqualifizierung, Verengung, Erstarrung und betriebsamen Leerlauf. Leider bleiben Wirkungs- und Bedeutungsansprüche neuer Musik oft bloßes Wunschdenken, leere Behauptung oder marktschreierische Werbung. Besonders Vertreter der Generation der gegenwärtig dreißig- bis vierzigjährigen sogenannten „Digital Natives“ oder „Millennials“ pos­tulieren gerne soziale Relevanz und Brisanz. Doch tun sie dies bevorzugt theoretisch, weniger durch ihre praktisch geleistete künstlerische Arbeit. Der Umstand, dass sie sich nicht einfach als mündige Staatsbürger äußern, sondern ausdrücklich als Künstler, muss als Beleg dafür genügen, sie seien politische Künstler, die auch politische Kunst machen. So schnell so kurzschlüssig und harmlos. Zuweilen handelt es sich jedoch bloß um Maulheldentum.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Die Broschüre zur diesjährigen Berliner MaerzMusik treibt die Erwartungen an die gesellschaftliche Relevanz neuer Musik mit fast schon satirischer Emphase auf die Spitze. Dem „Festival für Zeitfragen“ geht es vom 16. bis 26. März um „Anliegen, die mit dem Leben der Gegenwart zu tun haben“. So weit so allgemein und unverbindlich. Doch Fes­tivalleiter Berno Odo Polzer will nahezu alle Themen, Probleme und Sorgen verhandeln, die Deutschland, Europa und die Welt gegenwärtig in Atem halten: Gewalt, Angst, Instabilität, Rassismus, Nationalismus, Feminismus, Kolonisierung, Umwelt- und Finanzkrise, Spiritualität, Ungleichheit, Utopien… Warum nicht auch noch Armut, Hunger, Flüchtlinge, Brexit, Internet, Social Media, Fake-News, Trumpismus …? Ja, die Welt ist aus den Fugen! Und ausgerechnet Musik soll die Wunden diagnostisch beleuchten oder gar heilen? Nichts gegen hehre Hoffnungen und eine ambitionierte Agenda. Doch, wo man kein Wort über das Wie von deren Einlösung verliert, gehen schnell Maßstäbe verloren, wird Realismus durch Illusionismus ersetzt und Musik unter überzogenen Anforderungen verheizt. Eine durch keine Erfahrung gedeckte Proklamation bleibt rein hypothetisch oder – um es modisch zu sagen – postfaktisch beziehungsweise – genauer gesagt – präfaktisch. An die Stelle ernsthaft zu diskutierender Zeitfragen tritt verbales Geschwalle, das sich nicht zeitkritisch verhält, sondern dem Geist der Zeit konform, mithin affirmativ und ideologisch.

MaerzMusik bietet dieses Jahr unter dem Titel „Thinking Together“ einen „Raum für transdisziplinären Gedankenaustausch, kollektives Lernen und Verlernen“. Zum Thema „Decolonizing Time“ gibt es Konferenzen, Symposien, Gespräche, Lesegruppen, Workshops und Filme. Dagegen wirken die Titel der beim Festival uraufgeführten Stücke eher politisch unauffällig: „The Electric Harpsichord“ und „Raag Surah Shruti“ von Catherine Christer Hennix, neue Streichquartette von Jörg Mainka und Chiyoko Szlavnics, „The Unbreathing“ von Uriel Barthélémi, „Svara Varam-Boon of Notes“ von Ramesh Vinayakam sowie Gruppenkompositionen von Berliner Schülerinnen und Schülern. Da zu befürchten ist, die Stücke könnten – gemessen an der Ankündigungsrhetorik – als gescheitert empfunden werden, schließt der Kurator seinen emphatischen Wunsch, die neue Musik gesellschaftlich zu re-funktionalisieren, vorsichtshalber mit einem Hinweis auf die gute alte Autonomie der Kunst: „Gleichzeitig bilden die im Festival präsentierten künstlerischen Arbeiten ihre jeweils eigene Welt. Unabhängig von ihrer kuratorischen Kontextualisierung stehen und sprechen sie für sich und sind offen für alle möglichen Wahrnehmungsweisen und Lesarten.“

Statt zu versuchen, die kuratorische Kontextualisierung möglichst passgenau auf die ausgewählten künstlerischen Arbeiten zu beziehen, bleiben sich die gewollte Programmatik und das tatsächliche Programm fremd. Und alle vollmundige Entschiedenheit zerplatzt zu kleinlauter Beliebigkeit.

Weitere Uraufführungen

04.03.: Johannes Boris Borowski, Klavierkonzert, WDR-Funkhaus Köln
06.03.: Manfred Trojahn, Sonata V für Klarinette und Klavier, Tonhalle Zürich
10.03.: Charlotte Seither, figure in space für Boulanger-Trio, Städtisches Museum Heilbronn
11.03.: Sven-Ingo Koch, 2. Streichquartett, Konzerthaus Berlin; Martin Smolka, Walden für Chor des Bay­erischen Rundfunks, Prinzregententheater München
18.03.: Alexander F. Müller, Andreas Paparousos, Riccardo Castagnola, neue Stücke für das Projekt ResonanzKörper, Festival TANZ Schwankhalle Bremen
19.03.: Vinko Globokar, Neues Werk für Ensemble Musikfabrik, WDR-Funkhaus Köln
24.03.: Vito Zuraj, Do-over für Orches­ter, Elbphilharmonie Hamburg
25.03.: Moritz Eggert, Kammeroper Caliban, Amsterdam Compagnietheater

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