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Repertoire-Jungbrunnen

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Decca-Reihe „Entartete Musik“ wieder veröffentlicht
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Ist die Krise groß, werden als erstes die Lager von Überflüssigem befreit. Großreinemachen als Allheilmittel? Das Repertoire schrumpft und der Kunde schaut in die Röhre. Den umgekehrten Weg ist nun das Label Decca gegangen, indem es eine bereits ausrangierte Reihe wieder ins Programm genommen hat, obwohl diese sich kaum als Massenmagnet erweisen dürfte.

Die nazibraunen Kunsthüter eröffneten 1938 in Düsseldorf eine Ausstellung mit dem Titel „Entartete Musik“, ein Pen- dant zur vorangegangenen Münchner Schau „Entartete Kunst“. Ein Titel, mit dem die Decca ab den 80er-Jahren eine üppige CD-Reihe zierte, darunter viele Erstaufnahmen. „Entartete Musik“ umfasst dreierlei: die Veröffentlichung von Werken, die einst verboten waren; die Darstellung musikalischer Entwicklungen, die unterdrückt wurden, bevor sie ausgereift waren; und die Dokumentation von Exilmusik, die, als Reaktion auf neue Herausforderungen, ungewöhnliche Ideen gebar. Im Ganzen eine riesige Fundgrube, in der alle Gattungen vertreten sind, vom Chanson bis zur Oper, dazu Klaviermusik, Lied, Ballett, Operette. Stilvielfalt, ehedem geschmäht und jetzt (endlich wieder) hofiert. Ein Jungbrunnen, nicht nur für Sammler.

Einer der Protagonisten ist Lothar Zagrosek, der unter anderem mit fünf Opernproduktionen vertreten ist, darunter auch mit Kreneks „Jonny spielt auf“. Die Geschichte vom Jazzgeiger Jonny wird zum Feuerbad, lichterloh brennend, knisternd, flammend, nicht zuletzt dank des hervorragenden Sängerensembles. Klangtechnisch ist sie der einzigen Alternative von 1964 (unter Hans Hollreiser) weit überlegen. Von Berthold Goldschmidts „Der gewaltige Hahnrei“ nach Fernand Crommelyncks erfolgreichem Stück von 1920 existiert ohnehin nur eine einzige Aufnahme: die mit Zagrosek. Ihm kommt es mehr auf Verläufe an als auf Details, er bepinselt die Partitur großflächig, weniger mit Blick auf einzelne, glänzende Farben. Die durchsichtige Instrumentation leidet darunter allerdings nicht zu sehr, außerdem warten die Sänger mit einer Reihe von Kostbarkeiten auf. Einzig trüber Tropfen im ansonsten bestens präparierten Bassin von Viktor Ullmanns „Der Kaiser von Atlantis“ ist der ziemlich mürrische Walter Berry als Tod. Weit beglückender dagegen Michael Kraus als Kaiser und Iris Vermillion als Trommlerin, die als Zugabe Ullmanns „Hölderlin-Lieder“ feilbietet. Kraus ist es auch, der neben Matthias Goerne die Aufnahme von Braunfels „Die Vögel“ dominiert. Wie umsichtig
Zagrosek durch klangschwelgerische Fin-de-siècle-Partituren hindurchlotst, beweist er in Franz Schrekers „Die Gezeichneten“, eine der besten Einspielungen der gesamten Reihe; glänzend Heinz Kruse, der mit der eklig hohen Tessitura bestens zurechtkommt, und Elizabeth Connell als Carlotta.

Hinein in die Nischen, in Klein- und Kleinstwerke, die gespickt sind mit atonalen Zuspitzungen und unerwarteten Lichtschneisen, in denen wild attackiert oder aber Tonzuckerwatte gereicht wird. Ute Lemper singt „Cabaret Songs“ rund um Berlin, von Spoliansky und Hollaender bis Goldschmidt; gegenüber den frühen Dokumenten mit Blandine Ebinger ist sie eine Art Fischer-Dieskau des Chansons. Lawrence Foster leitet erschütternd herb das „Requiem Ebraico“ von Eric Zeisl, Matthias Goerne betört mit Hanns Eislers „Hollywood Songbook“. In Sachen Zemlinsky duellieren sich die Aufnahmen Riccardo Chaillys mit denen von James Conlon (EMI). Einen klaren Gewinner indes gibt es nicht. Bei der „Florentinischen Tragödie“ hat Conlon insgesamt ein besseres Sänger-Ensemble zur Verfügung, Chailly dafür das bessere Orchester. Eine Entdeckung ist Erwin Schulhoffs Tanzpantomime „Die Mondsüchtige“ mit dem bewusst kratzigen Gewandhausorchester Leipzig. Einige Durchhänger dagegen bietet Schulhoffs Klavierkonzert mit Aleksandar Madzar und der Deutschen Kammerphilharmonie unter Andreas Delfs. Das Ganze ächzt zu wenig, bleibt oft zu wattig, im Finale fehlt die visionäre Kraft des Explosiven. Wie tief einige Komponisten zwischenzeitlich im Brunnen der Ver- gangenheit verschwunden waren, zei-gen die vom Matrix Ensemble erfrischend bunt gedeuteten „Afrika-Songs“ von Wilhelm Grosz, der irgend-wo zwischen Korngold und Eisler anzusiedeln ist. Ehrenrettung für einen Vergessenen.

Einer der führenden Dirigenten dieser Reihe ist, neben Zagrosek, der Amerikaner John Mauceri. Stellenweise seltsam verhuscht seine Reminiszenz „Schönberg in Hollywood“, besonders in der „Suite für Streichorchester“; auch bei der Deutung des Korngold-Violinkonzerts mit Chantal Juillet gibt es dank Jascha Heifetz Aussagekräftigeres. Seine Einspielung von Schulhoffs Don-Juan-Oper „Flammen“ spielt allerdings in einer anderen Liga. Eindrucksvoll furchterregend Iris Vermillion als Tod, Kurt Westi gibt einen trefflich windig-winkligen Verführer, meisterlich auch Jean Eaglen in diversen Frauenpartien. Als spitzfindiger Anwalt für Orchesterstimmen erweist sich Mauceri auch in Korngolds „Das Wunder der Heliane“ nach Hans Kaltnekers Mysterienspiel „Der Heilige“. Das RSO Berlin animiert er zu einem stellenweise hinreißenden Spiel zwischen Mystik, Spekulation und Konkretheit. An der Seite der sopranhell funkelnden Anna Tomowa-Sintow in der Titelpartie singen John David de Haan, René Pape und Nicolai Gedda auf durchweg gleich hohem Niveau.

In summa: eine Reihe voller Überraschungen, Entdeckungen, Neubegegnungen. Natürlich gibt es vereinzelt Mäkelpunkte. Das liegt in der Natur der Sache. Doch sie verschwinden angesichts der Verdienste des Konzepts und seiner Ergebnisse. Dem Hörer werden zahllose Türen geöffnet, die lange verschlossen waren. Er betritt fremde Räume, neue Welten. Genügend Zeit, um sich darin umzutun, sollte man allerdings mitbringen: 30 CDs erfordern Sitz- und Hörausdauer. Wem das zu viel ist, der sollte sich wenigstens den Sampler zu Gemüte führen. Darauf gibt es die Highlights als Häppchen. Qualitäts-Fast-Food für die Eiligen.

Diskografie

(alle Titel bei Decca/Universal)

  • Braunfels: Die Vögel; Goerne, Kwon, DSO Berlin, Zagrosek; 2 CDs; 448 679
  • Eisler: Deutsche Symphonie; Goerne, GWO Leipzig, Zagrosek; 448 389
  • Eisler: Hollywood Songbook; Goerne, Schneider; 460 582
  • Goldschmidt: Cello-, Klarinetten-, Violinkonzert; Ma, Meyer, Juillet, Orch. symph. de Montreal, Dutoit, Orch. der Komischen Oper, Kreizberg, Philharmonia Orchestra, Goldschmidt; 455 586
  • Goldschmidt: Der gewaltige Hahnrei, Mediterranean Songs; Alexander, Wörle, Kraus, DSO Berlin, GWO Leipzig, Zagrosek; 2 CDs; 440 850
  • Grosz: Afrika Songs, Clarey, Gardner, Matrix Ensemble, Ziegler; 455 116
  • Haas, Krása: Streichquartette; Hawthorne-Quartett; 440 853
  • Haas, Sarlatán: Bogza, Vodicka, Prague State Oper Orchestra, Yinon; 460 042
  • Hollaender, Goldschmidt, Spoliansky: Cabaret Songs; Lemper, Matrix Ensemble, Ziegler; 452 601
  • Kálmán: Herzogin von Chicago, Wottrich, Groop, Lindskog, RSO Berlin, Bonynge; 2 CDs; 466 057
  • Korngold: Das Wunder der Heliane; Tomowa-Sintow, Welker, de Haan, Pape, Gedda, RSO Berlin, Mauceri; 3 CDs; 436 636
  • Korngold: Between two Worlds; DSO Berlin, RSO Berlin, Mauceri; 444 170
  • Korngold, Weill, Krenek: Violinkonzerte; Juillet, RSO Berlin; Mauceri; 452 481
  • Krása, Verlobung im Traum, Sinfonie; Lascarro, Wörle, GWO Leipzig, Zagrosek; 455 587
  • Krenek: Jonny spielt auf; Marc, Kruse, GWO Leipzig, Zagrosek; 2 CDs; 436 631
  • Krenek: Symphonie Nr. 2; GWO Leipzig, Zagrosek; 452 479
  • Rathaus: Symphonie Nr. 1; DSO Berlin, Yinon; 455 315
  • Schönberg in Hollywood; DSO Berlin, RSO Berlin; Mauceri; 448 619
  • Schreker: Die Gezeichneten; Kruse, Connell, Polgar, DSO Berlin, Zagrosek; 3 CDs; 444 422
  • Schreker, Schulhoff, Hindemith: Tanz Grotesk; GWO Leipzig, Zagrosek; 444 182
  • Schulhoff: Flammen; Höhn, Westi, Vermillion, Eaglen, DSO Mauceri; 2 CDs; 444 630
  • Schulhoff: Concertos alla Jazz; Hawthorne-Quartett, Deutsche Kammerphilharmonie, Delfs; 444 819
  • Strasvogel: Klaviermusik; Lessing; 455 359
  • Ullmann: Kaiser von Atlantis; Oelze, Lippert, GWO Leipzig, Zagrosek; 440 854
  • Waxman: Song of Terezin; Zeisl, Requiem Ebraico; Riedel, Kraus, RSO Berlin, Foster; 460 211
  • Wolpe: Zeus & Elida; Ebony Band, Herbers; 460 001
  • Zemlinsky: Florentinische Tragödie; Vermillion, Concertgebouw Orchestra, Chailly; 455 112
  • Zemlinsky: Seejungfrau, Psalm 13 & 23; RSO Berlin, Chailly; 444 969
  • Zemlinsky: Lyrische Symphonie; Concertgebouw Orchestra, Chailly; 443 569
  • Entartete Musik: Verfemte Komponisten im Dritten Reich (Sampler); 2 CDs; 473 691

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