Rüde, romantisch und gnadenlos folgerichtig

Schillers „Räuber“ als großes Kooperationsprojekt in Offenburg


(nmz) -
Dass Schüler Schillers „Räuber“ auf die Bühne bringen, ist für sich genommen nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich wurde jene „Räuber“-Inszenierung, die Mitte Juli in Offenburg zu erleben war durch ihren Rahmen, durch ihre pädagogische und ihre geradezu atemberaubende künstlerische Kraft.
Ein Artikel von Robert Ullmann

Dabei war sie nah dran am Original, diese Inszenierung mit 200 Haupt- und Realschülern dreier Offenburger Schulen, bei sinnvollen Modernisierungen, rüde, romantisch – und von einer gnadenlosen Folgerichtigkeit. „Gerechtigkeit“ war das Schlüsselwort. Alle Personen dieses Stücks erfahren Unrecht. Da ist Franz Moor, der ungeliebte Zweitgeborene, von Schiller als „hässlich“ charakterisiert. Er intrigiert gegen Karl, den Älteren, den Begabten, den Sonny-Boy. Karl hat sich eine Zeitlang seinen Spaß geholt, gesoffen, gehurt, gelungert. Nun will er zurück in den Schoß der Familie, Karriere machen, familiäre Ideale leben. Franz stellt den Bruder als Verbrecher dar, der alte Moor glaubt’s, wohl weil er schon immer mit dem rebellischen Kern in seinem Lieblingssohn haderte. Karl wird verstoßen, reagiert pubertär beleidigt und gründet mit Robin-Hood-Idealismus eine Räuberbande, will den Reichen nehmen, den Armen geben. Doch das Unternehmen versinkt in Blutrausch und Lust an Gewalt. Die Regisseurin und Theaterpädagogin Annette Müller findet faszinierende Bilder. Etwa diese immerzu changierende Bühne. Schauspieler in Rot mit roten Kapuzen bilden auf magische Weise Diwane und Throne, einen bizarren Wald oder ein Labyrinth, indem sie ihre roten Ärmel ins Endlose verlängern. Es gibt keine festen Möbel und keine festen Gewissheiten. Müller arbeitet heutige Medien ein: Der Brief, der Karl verstößt, ist für alle sichtbar auf den Bühnenhintergrund projiziert – der interne Vorgang aus adligem Hause wird medial öffentlich gemacht. Eine entscheidende nächtliche Begegnung findet bei völliger Dunkelheit statt – als Hörspiel. Krachenden Heavy-Metal-Gitarren und HipHop-Beats, zu denen die Räuber breakdancen, zeigen sie als heutige Jugendliche. Im Hause Moor dagegen hört man Klassik, dis-tinguiert. Die Live-Musik wird von der Musikschule Offenburg-Ortenau gestellt, durch eine Rockband aus dem „Band-Lab“, einer der Abteilungen für die populären Stile, sowie durch ein Kammerensemble, in der auch die Sopranistin Marie-Audrey Schatz mitwirkt, Bundespreisträgerin bei „Jugend musiziert“ 2010. Zudem übernahm die Musikschule die Organisation des Mammut-Projekts. „Das gehört zwar nicht zu unseren Kernaufgaben“, sagt dazu Petra Lütte, künstlerische Leiterin der Musikschule. „Aber es gehört zu unserem Bildungsauftrag, möglichst vielen Jugendlichen Teilhabe am künstlerischen Agieren zu ermöglichen. Und genau das tun wir.“

Gefördert wurde das Projekt von einer Offenburger Bürgerstiftung, von regionalen Unternehmen und dem Staatlichen Schulamt. Die Jugendlichen, teils Hauptschüler, deren Eltern in der Türkei oder in Kasachstan aufgewachsen sind, nahmen das Schiller-Deutsch zunächst als „Schwulensprache“ wahr, erzählt die Regisseurin. Doch das änderte sich. Überrascht habe sie das Verständnis für den Schurken Franz: „Alle fanden, er sei ungerecht behandelt worden und habe sich nur gewehrt.“

Letztlich fanden die Haupt- und Realschüler bei Schiller ein Thema, von dem sie sich betroffen fühlten, nämlich: Wie entwickelt man bei aller Ungerechtigkeit in der Welt eine Vision fürs eigene Leben? Eine Antwort darauf fanden die Jugendlichen im Projekt selbst. Sie, die fast ausnahmslos Theater allenfalls vom Hörensagen kannten, erlebten „Kunst“ – aktive Kunst, selbst gestaltet in der Auseinandersetzung mit sich und der Welt – plötzlich als Perspektive, als Weg zu sich selber und in die Gesellschaft.

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