Spricht die Seele …

Nachschlag 2018/02


(nmz) -
Kulturmanagement und -beratung sind hip und in aller Munde einschließlich der dazugehörigen Köpfe. Sie sind, wenn noch nicht die Leitkultur der Kultur, so doch ihre immer härteren und enger gesteckten Leitplanken. Abermals aufklärerisch dabei diese Zeitung, lux in tenebris, mit ihrem entsprechenden Dossier (nmz 12/2017-01/2018), welches die Beratung und Management von Außen erfordernden Entwicklungen bei Theatern und Orchestern anhand der Beispiele aus Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz minutiös aufdröselte.
Ein Artikel von Bojan Budisavljevic

Was sich dabei vor allem abzeichnete, das ist ein ausuferndes Suchen nach dem Wie und Womit, Fragen nach Prozess- und Strukturqualitäten, wobei das Was und das daraus abgeleitete Warum (gemäß der Terminologie des Qualitätsmanagements: Fragen nach Inhalt und Orientierung) nahezu unterbelichtet bleiben, bis auf wohlfeile Antworten, Theater bzw. Orchester müssten sein wegen der allbekannten Effekte auf Bildung, Tourismus, Kulturwirtschaft, Standortentwicklung und -marketing usf. Dabei mögen doch allerhand Menschen in Meck-Pomm ihre Theater und Orchester…

Egal. Denn solcherlei Verfahren entspringen einem umfassenden Prozess der Abbildung von Welt durch Um-, An- und Berechenbarkeiten, dem numerischen Tracking aller globalen Dinge – von Bologna-Punkten bis zur aus­teritätspolitischen Schwarzen Null und darüber hinaus. Wert, kurzum, bemisst sich heutzutage nach Excel-Tabellen, ist in Likes oder Euro stets Produkt von Algorithmen, die, selbst wenn es mal gestattet sein sollte, nur sehr schwer zu durchschauen, geschweige denn öffentlich zu diskutieren sind. Worüber jetzt und hier nachzudenken im jüngst ausgerufenen Europäischen Kulturerbejahr sich besonders anbietet, da wir aufgefordert sind, „im Austausch über unsere gemeinsamen Wurzeln und Werte der Seele Europas nachzuspüren“, so Kulturstaatsministein Grütters bei der Auftaktveranstaltung Anfang Januar in Hamburg: „Nur als Wertegemeinschaft hat die Europäische Union eine Zukunft.“

„Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr.“ Es drängt das Distichon Schillers sich dazu nachgerade auf, denn, wie es in einem anderen heißt, „die Seele spricht nur Polyhymnia aus“, die Muse des Gesangs. Will sagen: Wertstellung und Zukunft allein dem prognostischen Tracking von Zahlenreihen zu entnehmen, geht in Kunst und Kultur an dem, worum es geht, vorbei, erreicht es nie und nimmer. Und die Menschen auch nicht. Wird die Seele alphanumerischen Zeichenketten veräußert, so spricht sie eben diese und nicht sich. Ohnehin nur im „ach!“ findet sie sich als Stoßseufzer zwischen dem Noch-Nicht und dem Nicht-Mehr. Und das ist der originäre Raum der Kunst, der Zeitkunst Musik allemal. Und allemal hieße „der Seele nachzuspüren“, ihr den Raum groß und weit zu machen, in dem sie zwischen dem Vorherbestimmten und dem Vorausseh­baren sich aussingen kann: Wie etwa in der musikalischen Interpretation von Notentext, so auch bei den Musikinstitutionen in Mecklenburg-Vorpommern oder Rheinland-Pfalz bzw. Resteuropa, geht es um den unsagbaren Rest.

Dieser Raum besaß einst einen Wert, der, jenseits aller Repräsentationen, Distinktionen und sonstiger gesellschaftlicher Zwänge und oft genug gegen sie, massenhaft individuelle Überschüsse lieferte, Gefühls-, Seelen und Erfahrungshaushalte der Menschen, mal mehr, mal weniger, aber stets zuverlässig füllte mit Unberechenbarem, Unverhofftem. Mit gutem Grund war dieser Raum öffentlich und rechtlich geschützt, von Staats wegen besonders heraus- und hervorgehoben. Bildung, Kultur, Kunst eben. Mit Sicherheit ist dort zuweilen gegen rechtschaffene Haushaltsführung und Planung verstoßen worden, wie auch sonst wo, etwa bei der Bundeswehr oder der Bundestagsverwaltung (Nichtabführung von Sozialabgaben Scheinselbständiger). Das strenge Durchregieren austeritätspolitischer Kriterien vermittels betriebswirtschaftlichen Maßnehmens hat jedoch, nicht nur dass es die Branche der Kulturberater und -manager üppiger ins Brot gesetzt hat als die der -produzenten, die inhaltlichen Qualitäten von Kunst und Kultur, siehe oben, annihiliert – und womöglich die der nicht nur hubschrauberlosen Bundeswehr auch.
Solcherlei Wertermittlung und -erhaltung ließe sich ja auch mit dem Begriff der Quote umschreiben – der, wie bekannt, der Werbewirtschaft entstammt und der Kostenermittlung von gesendeten Reklameminuten dient, und an den der öffentlich-rechtliche Rundfunk seit Einführung des Privatfernsehens Wesen oder Alleinstellungsmerkmale verschleudert hat. War ihm, Medienwandel hin, Generationenabriss her, die Quote in irgendeiner Weise hilfreich? Nö. Die Zustimmung und der gesellschaftliche Konsens, der ARD und ZDF auch finanziell trägt, werden immer geringer, und in der Schweiz und bald wohl auch in Italien werden die Gebührensender vielleicht abgewählt. Selbst die Politik, siehe KEF und mancherlei Drohungen aus den Staatskanzleien, hat ihr Lieblingsmedium längst schon verlassen. Sie hat ja im Internet neue, flächendeckendere, billigere.

Eher also Wertevernichtung betreibt die privatwirtschaftliche Organisation öffentlichen Guts. Die Institutionen der Kunst und Kultur sollten sich also angesichts der quotengesteuerten Selbstabschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ernsthaft überlegen, wie weit sie gehen können in ihrem Verlangen nach Management und Beratung, ohne ihre Seele zu verkaufen. Schließlich ist ihr Teppich nicht zum Handel geeignet, sondern zum Fliegen bestimmt. Mit „ach“ und „oh“.

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