Transkulturelle Energien

Die Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik


(nmz) -
Seit nunmehr 20 Jahren bilden die Weimarer Frühjahrstage für zeitgenössische Musik (zusammen mit den im Herbst stattfindenden Tagen Neuer Musik in Weimar) so etwas wie die Speerspitze kompositorischer Gegenwart im ansonsten auf diesem Feld nicht gerade reich bestellten Thüringen. Zwei Aspekte waren schon immer eine Art Gütesiegel des Festivals: zum einen der Anspruch, jungen, noch nicht etablierten Komponisten/-innen eine Plattform zu bieten; zum anderen der Wille, über den europäischen Tellerrand hinauszublicken und den Austausch mit anderen Musikkulturen zu suchen.
Ein Artikel von Dirk Wieschollek

In diesem Jahr standen Musiker/-innen und Komponist/-innen aus Asien besonders im Blickpunkt. Weit über 20 Uraufführungen unterstrichen den Innovationswillen des kleinen, aber produktiven Festivals. In Kooperation mit dem Lehrstuhl Transcultural Music Studies der Hochschule für Musik Franz Liszt gab es auch eine Podiumsdiskussion zum Thema „Transkulturelle Komposition“.

Leiter Johannes K. Hildebrandt hatte schon immer ein Händchen dafür, bemerkenswerte Interpreten und Ensembles ausfindig zu machen, die bis dahin niemand so recht auf der Rechnung hatte. So überraschte die Hörer in diesem Jahr das elektrisierend gute Ensemble Omnibus aus Usbekistan, das ein rappelvolles, atmosphärisch dichtes Eröffnungskonzert spielte. In der Mischung zentralasiatischer und europäischer Instrumente und Klangvorstellungen verkörperte es „Weltmusik“ im besten Sinne; viele Stücke entstanden dabei in intensiven Arbeitsprozessen mit dem Ensemble. Gleich der erste Beitrag entpuppte sich als eine der interessantesten Kompositionen im Jubiläumsjahr: „Sheida“ des iranischen Komponisten Mohammad H. Javaheri präsentierte spannungsträchtige Synthesen aus Elektronik und traditionellem Instrumentalkang, die in mächtigen Rauschfeldern endeten. Ein Komponist, von dem man sicher noch hören wird und dessen Streichquartett „Obsession“ im Kammermusikwettbewerb den Publikumspreis gewann. Auch den anderen Komponist/-innen gelang es, traditionelle zentralasiatische Instrumente (Tanbur, Sato, Bambusflöte und Hackbrett) durchweg originell einzubeziehen. Das geschah naturgemäß oft ausgesprochen folkloristisch (Jakhongir Shukur mit „Khona“) oder groovend polystilistisch (Il-Ryun Chungs „Momentum“; Giordano Bruno do Nascimento mit „Equilibrium“). Auffällig auch Onur Dülger, der im Streichquartett „Bar­zakh“ mit fragilen Geräuschtexturen oder explosiven Glissandi „Übergängen“ ins Jenseitige nachspürte.

Auch das Konzert mit dem Ensemble via nova, quasi Thüringes Haus­ensemble für zeitgenössische Musik, fand auf absolut hohem Niveau statt. Es präsentierte ein kompaktes, stilistisch recht einheitliches Programm mit Stücken von Lina Tonia, Miro Dobrowolny, Ilias Rachaniotis, Siegruf S. Paik, Erik Janson, Gordon Kampe und Gian­luca Castelli, die fast allesamt mit sublimierten Tanzcharakteren, stark burlesker Gestik und vielfältigen Illusionen und Allusionen einer ausgesprochen musikantischen Spielfreude frönten. Helmut Zapf schließlich vereinigte alle drei beim Festival beteilig­ten Formationen (Omnibus, via nova, Ensemble MIET+) in einer Raumkomposition namens „BAUeinHAUS“, die stilistisch und strukturell die verschiedensten Klangsphären miteinander zu verspachteln suchte, mal mehr, mal weniger zwingend. Eine weitere Hommage zum Weimarer Bauhausjubiläum bildeten die „MARATÖNE“ des Ensemble MIET+ (Johannes K. Hildebrandt, Korg MS-20; Magdalena Grigarova, Gitarre; Giordano Bruno do Nascimento, E-Gitarre; Maria Löschner, Akkordeon), die in mehreren Etappen, verteilt in den historischen Räumen des Henry van de Velde-Hauses den zeitgleichen Marathonlauf mit konditionsstarken Improvisations-Experimenten flankierten.

Eine dankenswerte Besonderheit des Weimarer Festivals sind seine zwei internationalen Kompositionswettbewerbe: Für das Preisträgerkonzert Kammermusik zeichnete diesmal das polnische NeoQuartet verantwortlich, mit einem ebenfalls dezidiert „asiatisch“ gefärbten und dennoch ästhetisch vielsprachigen Programm. 1. Preisträger war der südkoreanische Komponist Youngkwang Yang mit seinem Streichquartett „Bewegtheit in der Bewegtheit“, das (durchaus in der Tradition Isang Yuns) in die „innere Bewegung“ des Einzeltones abtauchte. Eine ziemliche Enttäuschung im Vergleich zu den Vorjahren allerdings waren die Preisträgerstücke des diesjährigen Orchesterwettbewerbes, der traditionell den Höhepunkt der Frühjahrstage markiert – zwei Hornkonzerte. Beide Stücke fielen vor allem durch Konventionalität und Konservatismus auf. Vielleicht ein Grund, dass die Jury keinen ersten Preis vergab, sondern zwei zweite Plätze? Die „Meditation im Frühling“ des 24-jährigen Shiqi Geng klang so wie der Titel es ahnen lässt, ein lyrischer Horn-Gesang vor farblich wechselnden Hintergründen, das gelegentlich Toshio Hosokawas Hornkonzert „Moments of Blossoming“ in Erinnerung rief. Geradezu altmeisterlichen Neoklasssizismus entfachte mit rhythmischer Verve und effektvoller Orchestrierung Martin Christoph Redel in „Disput“ für Horn und Orchester op. 88a, das auf der abertausendfach durchgespielten konzertanten Konfrontation von Solist und Kollektiv beruhte. Die Jenaer Philharmonie unter Markus L. Frank blühte hier hörbar auf und erspielte zusammen mit dem famosen Jörg Brückner, Solo-Hornist der Münchner Philharmoniker, auch den Publikumspreis.

Leider steht die Finanzierung der nächsten Festivalausgabe bisher auf tönernen Füßen. Trotz aller wohlfeilen Grußworte der politischen Entscheidungsträger und Sponsoren zum Jubiläum sieht sich das Festival, falls überhaupt im nächsten Jahr durchführbar, mit einschneidenden strukturellen Änderungen konfrontiert. Dessen Fortbestand sollten Stadt und Land doch eine Herzensangelegenheit und kein Lippenbekenntnis sein …

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