Verbandskästchen

Juan Martin Koch über Debatte, Austausch, Utopie und Verbandstätigkeit


(nmz) -
Einige Kolleginnen und Kollegen der schreibenden Zunft haben das Phänomen schon beobachtet, und in den ersten Veranstaltungen des vorsichtig aus dem unverschuldeten Dornröschenschlaf aufblinzelnden Konzertbetriebs musste es auch der Autor dieser Zeilen alarmiert konstatieren: Angefacht durch haltlose Panikmache und in vorauseilendem Gehorsam gegenüber einer euphemistisch als „Etiquette“ bezeichneten Gängelung und Unterdrückung natürlicher Körperbedürfnisse droht eine Kulturleistung ersten Ranges zu verstummen. Um die so schmerzlich vermisste präcoronare Saal-Atmosphäre zu erhalten, sei deshalb an dieser Stelle die Gründung einer „Allianz zum Erhalt des symptomfreien Konzerthus­tens“ in Aussicht gestellt. Bis zur Bestätigung der Gemeinnützigkeit fließen die Vereinsbeiträge zur Gänze in eine Imagekampagne dieser Zeitung – Claim: „Husten gehört zum guten Ton!“
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Genug geblödelt: Es geschieht ja schließlich nicht aus Jux und Dollerei, dass in diesen Krisenzeiten immer neue verbandsähnliche Zusammenschlüsse aus dem Boden sprießen. Dazu gehört das im April gegründete Forum Musik Festivals, dessen Sprecher Tobias Wolff auf Seite 23 Auskunft über die berechtigten Anliegen seiner gebeutelten Klien­tel gibt. Oder das Forum Musikwirtschaft, von dem sich unter anderem der Deutsche Musikverleger-Verband und der Bundesverband Musik­industrie eine schlagkräftigere Lobbyarbeit versprechen.

Jüngst hinzu kommt nun „Pro Musik – Verband freier Musikschaffender“, ein in der Gründungsphase sich befindender Verein, der zunächst mit einem Facebook-Auftritt und nun auch mit einem Positionspapier an die Öffentlichkeit gegangen ist (siehe Seite 17). Was da unter anderem in Sachen Arbeitsbedingungen, soziale Absicherung oder Urheberrecht gefordert wird, ist ebenso unterstützenswert wie das hehre Ziel, Politiker*innen über die Mechanismen der freien Musikbranche, insbesondere im Pop-Bereich, aufzuklären und zu angemessenen Entscheidungen zu animieren.

Gleichzeitig mag die Frage erlaubt sein, ob es nicht effizienter wäre, vorhandene Strukturen zu nutzen, sprich: sich in bereits bestehenden Verbänden zu engagieren. Gibt es da – unter dem Dach des Musik- und Kulturrates oder anderswo – wirklich keine Interessenvertretung, die sich dieser Themen kompetent annehmen könnte? Es ist ja nicht so, dass von dieser Seite in den vergangenen Monaten Funkstille geherrscht hätte – im Gegenteil. Werden die bestehenden Verbände dennoch nur als praxisferne, in Würde gealterte Gremien wahrgenommen? Als große, höchstens eingeschränkt manövrierfähige Tanker? Oder sind die vielen Partikularinteressen innerhalb des Musikbetriebs – hehren Parolen zum Trotz – eben doch nicht in einem Boot unterzubringen?

All denen, die gerade deswegen Sehnsucht nach einem Forum für Debatte, Austausch und öffentlichkeitswirksames Lancieren von utopischen Zukunftsvisionen und handfesten kulturpolitischen Forderungen verspüren, sei zumindest verraten, dass ein solches schon vor bald 70 Jahren ins Leben gerufen wurde: als Neigungsgruppe musikalischer Zusammenhalt – kurz: nmz.

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