Vergebliche Suche nach Identität

Ausstellung zu Siegfried Wagner im Schwulen Museum Berlin


(nmz) -
Richard Wagner war tolerant gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Seine Musik zog Homosexuelle wie den Bayernkönig Ludwig II., Oscar Wilde oder Thomas Mann besonders an. Dagegen wurden ähnliche Neigungen seines Sohnes Siegfried bislang weitgehend verschwiegen oder nur verschlüsselt diskutiert. Siegfried Wagner musste 1915 auf Druck der dominanten Mutter die minderjährige Winifred Williams-Klindworth heiraten, nachdem ihn der Journalist Maximilian Harden öffentlich als „Heiland aus andersfarbiger Kiste“ bezeichnet hatte.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Die jetzt im Schwulen Museum Berlin gezeigte Ausstellung „Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste“ will das Schweigen brechen. Es ist, wie Peter P. Pachl zur Eröffnung hervorhob, die erste Komponisten-Ausstellung, die sich an dieses Thema heranwagt. Berlin sei für den Wagner-Sohn ein Zufluchtsort gewesen, wo er am freiesten seinen Neigungen nachgehen konnte. Wichtige Unterstützung erhielten die Kuratoren Peter Pachl, Achim Bahr und Kevin Clarke von der Internationalen Siegfried-Wagner-Gesellschaft sowie vom Richard-Wagner-Museum Bayreuth. So kam auch ohne öffentliche Förderung mit Fotos, Programmzetteln, Gemälden, Dokumenten, Karikaturen und Partituren eine interessante Überblicksausstellung zustande.

Der 1869 geborene Sohn Richard Wagners und seiner Frau Cosima war von Geburt an zum Erben bestimmt. Aber er erfüllte nicht die in ihn gesetzten Erwartungen. Trotz seines stolzen Vornamens war Siegfried ein trauriges Kind und später kein mutiger Kämpfer, sondern ein weicher Mensch. Obwohl er eigentlich Architekt werden wollte, studierte er bei Engelbert Humperdinck Komposition und wurde 1906 Leiter der Bayreuther Festspiele. Seine 18 Opern setzten sich durch Märchenthemen und weniger kühne Musik vom Schaffen des übermächtigen Vaters ab. Während Peter Pachl ihn als erfolgreichen Komponisten sieht und den autobiographischen Charakter seiner Werke hervorhebt, bewertet Sven Friedrich, der Leiter des Richard-Wagner-Museums, Siegfried Wagner als weitgehend gescheitert. Seine Suche nach Identität sei vergeblich gewesen.

Noch strittiger als der Komponist und Dirigent ist seine widersprüchliche Stellung zum Nationalsozialismus. Die von Siegfried Wagner geleiteten Festspiele standen in Opposition zur Weimarer Republik. Früh unterstützte der Festspielchef Adolf Hitler, den er als „herrlichen Mann“ bezeichnete. 1924 weilte General Ludendorff als Ehrengast in Bayreuth. Aber trotz der Nähe zu Hitler und trotz des Antisemitismus im Bayreuther Kreis um Houston Stewart Chamberlain und Hans von Wolzogen lud er jüdische Künstler und Gäs­te ein. Goebbels schimpfte deshalb 1928: „Siegfried ist ein feiger Hund, kriecht vor Juden.“ Zweifellos wären die Konflikte nach 1933 eskaliert. Siegfried Wagner starb aber schon 1930, nachdem er Toscanini als ersten ausländischen Dirigenten verpflichtet hatte. Sven Friedrich spricht deshalb von der „Gnade des frühen Todes“.

Seine Männerfreundschaften mit Clement Harris, mit dem er 1892 eine Asienreise unternahm, mit dem Maler und Illustrator Franz Stassen und dem Gymnasiasten Werner Franz, welche die Ausstellung dokumentiert, mussten zu seinen Lebzeiten verborgen gehalten werden, um Erpressungsversuche abzuwehren. Rätselhaft bleibt, warum der Dirigent Hans Knappertsbusch Fotos des Festspielleiters in enger Badehose sammelte, die überraschend in seinem  Nachlass auftauchten. Erpressung kam sogar aus der eigenen Familie. Siegfried Wagners persönliche Korrespondenz befindet sich bis heute im Familienbesitz und ist nicht zugänglich. Nur gegen den Widerstand der Witwe Winifred Wagner konnte 1972 die Siegfried-Wagner-Gesellschaft gegründet werden. Zu vermehrten Aufführungen seiner Werke kam es erst ab 2001 nach dem Ende des Urheberschutzes. Videos von Opernproduktionen bilden den Schluss der anregenden Ausstellung, die durch einen Essay-Band und Begleitveranstaltungen ergänzt wird.

Die Ausstellung „Siegfried Wagner: Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kis­te“ ist noch bis 26. Juni im Schwulen Museum Berlin zu sehen. www.schwulesmuseum.de

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