Vom Ende der Unsichtbarkeit

Frauen in der Musik – eine aktuelle Bestandsaufnahme · Von Andreas Kolb


(nmz) -
„Raus mit den Männern aus dem Reichstag und raus mit den Männern aus dem Landtag (…) und rein in die Dinger mit der Frau“, sang Claire Waldoff alias Clara Wortmann 1926 in der Berliner Revue „Von Mund zu Mund“. Das war acht Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland, von Frauenquote war damals keine Rede. In der aktuellen Legislaturperiode sind immerhin 30,9 Prozent der Bundestagsabgeordneten Frauen, in den Landtagen sieht es ähnlich aus. Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen sind die Frauen auf dem Vormarsch. Nur im Bereich der Musik waren sie lange Jahre ausschließlich als Musen erwünscht – und vielleicht noch als Harfenistinnen.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Bis in die 1980er- und ’90er-Jahre hin­ein waren die großen Orches­ter mehrheitlich exklusive Männerbünde. Das weibliche Element an sich störte offenbar beim Erzeugen kollektiver Klangerregung. Die Berliner Philharmoniker nahmen 1982 die erste Frau als Geigerin auf und noch sind die Kontroversen anlässlich der Berufung von Sabine Meyer als Soloklarinettistin durch Herbert von Karajan bei den Berlinern 1983 gut im Gedächtnis. Auch dies ist heute Geschichte: In den Exzellenzjugendorchestern dominieren Frauen, das ursprünglich männlich determinierte Instrument Geige ist dort heute fest in Frauenhand, und auch klassische Männerdomänen wie Posaune, Trompete, Kontrabass oder Perkussion sind im Schrumpfen begriffen. Doch wirft man einen Blick in die Studie „Frauen in Kultur und Medien“ des Deutschen Kulturrats aus dem Jahr 2016 werden die Defizite schnell offensichtlich: 88 Prozent der deutschen Komponierenden sind Männer, nur 12 Prozent Frauen. Was die Zahl der Dirigentinnen, Generalmusikdirektorinnen oder Professorinnen angeht, ist Frau noch deutlicher unterrepräsentiert.

Ein aktuelles Beispiel für die Misere erwähnte Alexander Strauch kürzlich im Bad Blog of Musick: Der DTKV Bayern steuert zur Veranstaltungsreihe des Münchner Kulturreferats „1918-2018 – Was ist Demokratie?“ zwei Gesprächskonzerte unter dem Titel „100 Jahre Bayerisches Musikleben“ bei. Sowohl in Würzburg als auch in München sind Frauen kaum repräsentiert: als Komponistinnen gar nicht, als Referentinnen in der Minderzahl, einzig als Interpretinnen spielen sie eine Rolle.

Ganz anders das Festkonzert des Münchener Konzertvereins „Starke Frauen“ zu „100 Jahre Wahlrecht für Frauen“ mit dem Frauenorchester „Europamusicale“ unter der Leitung der estnischen Dirigentin Kristiina Poska und mit Lauma Skride als Klaviersolistin. „Europamusicale“ steht in einer feministischen Traditionslinie: Vor mehr als hundert Jahren wurde bereits dazu aufgerufen, Frauenorchester zu gründen, da große Orchester keine Frauen einstellten.

Komponierende Frauen waren damals erst recht undenkbar. Dass man dies ändern kann, zeigt der Sektor Gegenwartsmusik: Auch wenn bei den Donaueschinger Musiktagen 2018 nicht wie ein Jahr zuvor 30 Prozent der Komponisten weiblich war, war doch ein deutlich kleiner werdendes Gender Gap zu bemerken. Und das nicht nur weil Malin Bång den Orches­terpreis des SWR Symphonieorches­ters für ihr Stück „splinters of ebullient rebellion“ erhielt (unser Titelfoto). Dass sich das gesellschaftliche Klima prinzipiell zugunsten der Frauen verändert hat, dass Machtverhältnisse in Institutionen sich verändern, dass Schweigen nicht mehr die einzige Option für Frauen ist, zeigt auch die #MeToo Debatte, die längst die meisten Musikinstitutionen erreicht hat.

Ein Schwenk in eine der angeblich letzten Männerdomänen der Musik führt uns zum Jazz und zu seinen virilen Virtuosen. Anlässlich ihres 24. Jazzforums, das Mitte Oktober in Hannover stattfand, hat die Union Deutscher Jazzmusiker (sic!) eine „Gemeinsame Erklärung zur Gleichstellung von Frauen im Jazz“ veröffentlicht. In der Erklärung heißt es, die Jazzszene Deutschlands sei „nach wie vor maßgeblich von Männern geprägt. Frauen machen laut der UDJ-Jazzstudie 2016 nur ein Fünftel der Jazzmusiker/-innen in Deutschland aus.“ Obwohl mehr Mädchen als Jungen an Musikschulen Unterricht nehmen, heißt es weiter, fänden sich anschließend weniger Frauen in Bands und Ensembles als Männer. Auch bei weiterer Professionalisierung – etwa als Dozentin – würde der Anteil der Frauen abnehmen.

Analoge Aussagen wurden vor kurzem bei der Podiumsdiskussion „Frauen in der Neuen Musik“ auf dem Festival „Antennenglühn“ des Bayerischen Komponistenverbandes getroffen. Frauen würden bessere Abschlüsse vorweisen und seien im Musikleben später dennoch unterrepräsentiert, konstatierte dort die Komponistin und GEMA-Aufsichtsrätin Charlotte Seither. Sie führte es darauf zurück, dass Frauen die entscheidenden fünf Jahre nach dem Master nicht so gewinnbringend für ihre Karriere nutzen könnten wie die Männer. Ursachen seien fehlende weibliche Netzwerke, mangelnde Role Models und eine (noch) völlig anders als bei Männern geartete Situation bei Frauen, was die Lebens- und Familienplanung angeht. Nicht zuletzt können Frauen keine gesicherte Existenz aufbauen, solange sie laut der Kulturratsstudie von 2016 durchschnittlich immer noch 34 Prozent weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen! Hier braucht es bildungs- und kulturpolitische Maßnahmen. Zunächst müssen Künstlerinnen ihre Arbeit sichtbarer machen – im kulturpolitischen Fach-Sprech: Gender Mainstreaming betreiben. Da kommt Organisationen wie musica femina oder dem Archiv Frau und Musik eine wichtige Rolle zu.

Sicher ist, dass alle Gleichstellungspläne und -beauftragten, alle Quotenregelungen, alle Förderpreise nur für Frauen, alle Diskriminierungsverbote, alle Aktionen auf der politischen Bühne Makulatur sind, wenn nicht jede Einzelne und jeder Einzelne, die oder der eine Entscheidung treffen darf, den Gender-Aspekt mitbedenkt. Um noch einmal Claire Waldoff zu bemühen: „Rein mit den Frauen in die Festivalprogramme, in die Hochschulen und auf die Podien – rein in die Dinger mit der Frau.“

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