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Vor 100 Jahren: Deutsch-österreichische Künstlerbilder. Arnold Schönberg

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Rückblende 12-2019/1-2020
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[…] Schönberg ist kein Jüngling mehr, 1874 zu Wien geboren ist er der Typus des Wienertumes, dem nichts recht und billig, alles umsturz- und reformbedürftig erscheint – was kein Tadel sein soll, denn dieser Charakterzug ist das treibende Moment in Schönbergs Künstlertum. […]

Schönbergs Klangwelt zu werten ist auch für den Fachmann eine schwere Aufgabe. Angesichts der technischen Riesenarbeit, die in Schönbergs zahlreichen Werken liegt, drängt sich zunächst der Gedanke auf, ob in diesen Notenbildern ein System liegt. Viele halten Schönberg für einen musikalischen Cagliostro, Abenteurer und Taschenspieler in Noten, andere sehen in ihm den Mann nie gehörter Tonvisionen, den Begründer einer neuen Tonwelt. Nicht um eine Köpenikade gerissener Künstlerpose handelt es sich hier, sondern um einen übersensitiven überreizten Künstlergeist, der sonderliche Wege geht. Und auf diese Wege gebracht hat Schönberg nicht künstlerische Skandalsucht, nicht wie manche meinen ein perverses Musikempfinden, sondern – „die Sehnsucht nach neuen unerhörten Klängen“. […]

Schönberg hat sich nicht umsonst mit malen versucht. Oft mag er nicht wissen, ob er vor der Staffelei oder Notenpapier steht. Malen! nur malen können. In Tönen malen, Klangfarben! […] Zu erwähnen wären die aus der Verwendung der Ganztonskala sich ergebenden Gebilde und die Akkorde mit Quartenaufbau. Typisch erscheint mir die Technik des Zusammenpralls und das was ich Akkordgeschiebe nennen möchte. Die widersprechendsten Akkorde alten Systems erklingen gleichzeitig ineinandergeschachtelt und prallen aneinander. […] Manche Akkordgebilde sind von giftschillernder Prächtigkeit, auf die das Witzwort „Pfui teufel, wie schön“ paßt. Manche, besonders die durch Stimmführungskünste erreichten Gebilde machen kubistischen Farbenkleckseindruck und reizen zur Ablehung. Diese Seite der Technik ist kniffelig, für Aug und Ohr unverständlich, obstinate Strudelteigpolyphonie, die einen Musiker wütend ärgern könnte. Dabei gibt’s viele hochinteressante Stellen, die Meisterhand zeigen, sie werden aber erdrückt durch eigensinnige Stilblüten. Es ist eben alles Farbe und Spachtelarbeit.

[…] Und doch möchten wir Österreicher diesen Mann nicht missen, wenn wieder einmal alles im altösterreichischen Schlendrian versinkt und alle Musik zufrieden im gewohnten Geleise plätschernd dahingeht, dann dröhnt Schönbergs Posaune, er belebt, reizt zum Widerspruch, vieles seiner Technik zieht an und so erfüllt er seine Mission, als der Sauerteig unseres Musiklebens. Ist auch uns Musikern seine Sprache fremd, oft klingt in seinem Schaffen frappierend eine Saite jener Klangwelt, die jeder Musiker in sich trägt, jener unerfüllten Musik der Sphären, die das innere Ohr des Schaffenden erlauscht, aber die spröde Materie nie und nimmer verwirklichen läßt. […]

Prof. Josef Lorenz Wenzl (St. Pölten), Neue Musik-Zeitung, 41. Jg., 15. Januar 1920

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