Zwischen Militärkapelle und Viola d’amore

Zentrale Orchesterwerke tschechischer Komponisten in neuen Partiturausgaben


(nmz) -
Leoš Janácek: Sinfonietta für Orchester (1926). Studienpartitur, hrsg. von Jiri Zahradka. Universal Editon UE 36 503. +++ Bedrich Smetana: Šárka. Partitur, hrsg. von Hugh Macdonald. Bärenreiter BA 11532 +++ Josef Suk: Symphonie c-Moll, „Asrael“, op. 27. Partitur, hrsg. von Jonáš Hájek. Bärenreiter BA 9532 +++ Antonín Dvorák: Symphonie Nr. 8, G-Dur, op. 88. Partitur, hrsg. von Jonathan Del Mar. Bärenreiter 10418
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Leoš Janácek: Sinfonietta für Orchester (1926). Studienpartitur, hrsg. von Jiri Zahradka. Universal Editon UE 36 503.

Der Beginn von Leoš Janáceks Sinfonietta gehört zum Verblüffendsten und Mitreißendsten, was die Orchesterliteratur des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Welche Klangvorstellung hinter der triumphal-sperrigen, am Ende in voller Orchesterbesetzung wiederkehrenden Fanfare steckt, ist eine von vielen Fragen, die Jiri Zahradka in seinem mit 30 Seiten außergewöhnlich umfangreichen und entsprechend gehaltvollen Vorwort zu seiner Partiturausgabe beantwortet. Für das ursprünglich „Militärsymphonietta“ genannte Werk schwebte Janácek der scharfe Blechbläserklang einer Militärkapelle vor. Das macht deutlich, mit welcher Qualität solcher Formationen er dabei vor Ort rechnen konnte. Anderswo war eine solche Einbeziehung eher nicht denkbar, was zu entsprechenden Aufführungsvarianten führte. Ähnliches gilt für den dritten Satz, in dem eigentlich die von Janácek so geliebten Viole d’amore besetzt sind, die in der Praxis natürlich durch Bratschen ersetzt werden. Mit eminenten, mitdenkenden und Modifikationen an der Partitur vornehmenden Dirigenten wie Václav Talich, Otto Klemperer oder Charles Mackerras hat die Sinfonietta außerdem eine komplexe Interpretationsgeschichte. All dies spiegelt, mit entsprechenden Fußnoten, die neue Studienpartitur wider, die trotz des vergleichsweise kleinen Formats gut lesbar ist. Der ausführliche kritische Bericht ist beim Verlag erhältlich, die Dirigierpartitur ist unter der Verlagsnummer UE 35865 erschienen.

Bedrich Smetana: Šárka. Partitur, hrsg. von Hugh Macdonald. Bärenreiter BA 11532

Am 26. Juni 1926 erklangen in Prag nach der Uraufführung von Janáceks Sinfonietta drei Teile aus Bedrich Smetanas „Mein Vaterland“. Den sechsteiligen Zyklus nicht als Ganzen aufzuführen, war lange Zeit üblich, und es wäre durchaus lohnend, würde man – jenseits der viel strapazierten „Moldau“ – auch einmal andere der in sich geschlossenen symphonischen Dichtungen einzeln im Konzert erleben. Gerade „Šárka“, der dritte Teil des Zyklus, könnte davon profitieren. Im Vorwort, das nicht vom Herausgeber Hugh Macdonald, sondern von Olga Mojžíšová stammt, werden zwei Versionen von Smetanas Programm wiedergegeben. Das düstere Sujet um die titelgebende Amazone und ihre Rache am männlichen Geschlecht hilft bei der dramaturgischen Zuordnung der Formteile, deren Ausdrucksgehalt erschließt sich aber auch ohne vertiefte Kenntnis des mythologischen Hintergrunds. Der überschaubare kritische Bericht ist auf einer Seite am Ende der Ausgabe mitabgedruckt.

Josef Suk: Symphonie c-Moll, „Asrael“, op. 27. Partitur, hrsg. von Jonáš Hájek. Bärenreiter BA 9532

Eines der erstaunlichsten, tiefgründigsten Orchesterwerke des tschechischen Repertoires ist Josef Suks „Asrael“-Symphonie (1905/06). Dass sie hierzulande nicht öfter zu hören ist, hat wohl mit ihrem schieren Umfang zu tun, was bei Mahler allerdings auch kein Hinderungsgrund ist… Mahler ist einer von vielen Bezugspunkten, die gerne genannt werden, um Suks monumentale Partitur stilistisch einzuordnen – natürlich abgesehen von Antonín Dvorák. Suks Lehrer und Schwiegervater war im Mai 1904 gestorben, ein weiterer Schicksalsschlag ereilte Suk während der Arbeit an der c-Moll-Syphonie: Am 5. Juli 1905 starb sein Frau Otilie. Dies hat sich in der Symphonie in Form einer klaren Zweiteiligkeit niedergeschlagen: Den attacca aneinandergereihten ersten drei Sätzen folgt eine lange Pause, an die sich zwei Adagios anschließen. Mit dem programmatischen Hintergrund, der Figur des Todesengels „Asrael“, beschäftigt sich das Vorwort dieser neuen Partiturausgabe nicht, in deren Mittelpunkt die Geschichte der Entstehung und Drucklegung der Symphonie steht. Für Letztere kann Herausgeber Jonáš Hájek auf Suks kürzlich wiederentdeckte Korrespondenz mit dem Verlag Breitkopf & Härtel zurückgreifen. Des Weiteren geht Hájek auf den wichtigsten Dirigenten der Symphonie, Václav Talich ein (der Suk zu einigen Revisionen im Notentext inspirierte) und deutet „intertextuelle Bezüge“ an. Hierzu zählen neben Mahlers Auferstehungssymphonie und Dvoráks Requiem auch Rückgriffe auf eigene Werke.

Antonín Dvorák: Symphonie Nr. 8, G-Dur, op. 88. Partitur, hrsg. von Jonathan Del Mar. Bärenreiter 10418

Im Gegensatz zu seiner immer noch zu wenig beachteten, formidablen siebten Symphonie muss für Dvoráks Achte kein Plädoyer eingelegt werden. Mit ihrem mitreißenden, doch nie vordergründigen musikantischen Schwung bei gleichzeitig meisterhafter Behandlung von Form und Orchestersatz hat sie neben der Neunten ihren zentralen Platz im Repertoire sicher. Entsprechend beschränkt sich Jonathan Del Mar als bewährter Herausgeber in seinem Vorwort auf wenige Angaben zu den Quellen und zu einigen Besonderheiten von Dvoráks Notation. Der kritische Bericht ist in Vorbereitung und wird separat unter der Verlagsnummer BA 10418-40 erhältlich sein.

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