Wie sieht die Zukunft der Musiker:innenausbildung in Europa aus? Beim Jahreskongress „The Sound of Future Music Education: Leadership, Innovation and Wellbeing“ der Association Européenne des Conservatoires, Académies de Musique et Musikhochschulen (AEC), der dieses Jahr von der Universität Mozarteum in Salzburg ausgerichtet wird, sprach Franziska Wallner als Leiterin des Instituts für Coaching & Career über Stressbewältigung, Selbstführung und neue Kompetenzprofile für Künstler:innen.
Foto: Michael Klimt
Resilienz ist mehr als Stressbewältigung
Dein Thema beim AEC-Kongress war „Resilient zwischen Stressbewältigung und Zukunftskompetenzen“ Wie definierst du Resilienz in diesem Kontext?
Nach meinem Verständnis hat Resilienz nicht nur mit Stressmanagement zu tun, sondern mit der Selbstwahrnehmung und damit, wie man seine eigenen Stärken einschätzen kann, das Bewusstsein über die eigenen Kompetenzen, die vielleicht über das Fachliche hinausgehen. Ein wichtiger Punkt für Resilienz im Kunst- und Kulturbereich ist das Wissen um die Selbstwirkung, die eigenen Skills abseits der fachlichen Kompetenz und wo sie eingesetzt werden. Wer seine Stärken kennt und sie flexibel einsetzt, kann Umbrüche souveräner meistern und Chancen für neue, flexible Karrierewege jenseits klassischer Laufbahnen erschließen. Es braucht eine gute Balance zwischen Selbstbewusstsein, dem Einsatz der eigenen Kompetenzen und den Strategien des Stressmanagements für eine gewisse Achtsamkeit gegenüber der eigenen Gesundheit.
Was genau bietet das Institut für Coaching & Career an der Universität Mozarteum an?
Das Institut für Coaching & Career gibt es seit 2023 und arbeitet wie die meisten Institute an der Universität Mozarteum bereichsübergreifend, das heißt, wir bieten verschiedene Workshops, Einzelberatungen, Coachings und Freie Wahlfächer für Studierende aus allen Departments beziehungsweise Disziplinen an. Die Schwerpunkte liegen auf Karrieregestaltung, dem Erwerb von überfachlichen Kompetenzen und auf physischer und psychischer Gesundheit. Und wir haben außerdem einen Startup- und Gründungsservice sowie eine Vermittlungsbörse für Künstler*innen aufgebaut.
Warum braucht es diese Angebote an einer Kunstuniversität?
Auf der einen Seite ist die physische und psychische Gesundheit ein sehr relevantes Thema, auf der anderen Seite natürlich auch die Herausforderungen am Arbeitsmarkt. Dieser hat sich stark verändert, dementsprechend muss man eine andere Art von Flexibilität mitbringen und die eigene Erwartungshaltung vielleicht überdenken. Wir haben einen Markt, der darauf angewiesen ist, dass die Leute flexibel in ihrer Ausrichtung, sehr experimentierfreudig und bereit sind, interdisziplinär zu arbeiten. Das sind große Herausforderungen. Deshalb ist es wichtig, Studierende gut darauf vorzubereiten, die Angebote dafür können durchaus noch intensiver sein. Über mentale Gesundheit zu sprechen, ist noch nicht so selbstverständlich, wie es sein sollte. Und es ist auch eine soziologische Frage, etwa aus welchen kulturellen Hintergründen Studierende kommen und ob es leichtfällt, seine Emotionen auszusprechen oder sich einzugestehen, dass man vielleicht irgendwo Unsicherheiten hat. Den Bedarf sehe ich aber ganz generell.
Hat sich diesbezüglich auch das Bewusstsein von Studierenden geändert?
Vielen Künstler:innen ist inzwischen bewusst, dass man heute ein 360-Grad-Profil braucht. Und ich habe das Gefühl, dass der Wertewandel, den unsere Gesellschaft permanent durchläuft, dabei eine große Rolle spielt. Vielen genügt es nicht mehr, einfach nur Teil einer Gesamtproduktion zu sein. Sie möchten vielmehr einen echten Mehrwert für die Gesellschaft leisten – sei es einen sozialen, kulturellen oder ökologischen Beitrag. Dieses Bedürfnis nach Selbstwirksamkeit und Einfluss ist sehr stark ausgeprägt, oft ist es nicht mehr das Ziel, 40 Stunden pro Woche in einem Orchester angestellt zu sein, stattdessen wünschen sich viele, selbstständig oder freiberuflich zu arbeiten, sich persönlich zu verwirklichen, eine gute Life-Work-Balance zu haben und mit Inhalten und Werten tätig zu sein, die zu ihrem eigenen künstlerischen Selbstverständnis passen.
Was wünschst du dir für die Zukunft der Musiker*innenausbildung?
Dass Gesundheit, Resilienz und Selbstführung genauso selbstverständlich werden wie Technik, Interpretation oder Musiktheorie. Künstlerische Qualität und persönliche Stabilität gehören für mich untrennbar zusammen. Und ich möchte die Rolle von Netzwerken betonen: Viele Studierende verbringen ihr Studium hauptsächlich allein im Übezimmer und konzentrieren sich nur auf ihre Arbeit. Wenn man nach dem Studium in die Berufswelt startet, merkt man oft, wie viele Chancen man verpasst hat, Menschen kennenzulernen und Beziehungen aufzubauen. Es gibt nicht „die“ eine Kulturszene, sondern viele kleine Szenen, in denen man sich kennt, sich gegenseitig empfiehlt und vieles über Mundpropaganda läuft. Deshalb finde ich jede Form von Veranstaltung, bei der man sich begegnen, präsentieren und in Kontakt bleiben kann, extrem wichtig. Es ist wichtig, einen Überblick zu behalten und zu wissen, mit wem man wo in Kontakt treten kann – sonst steht man schnell ziemlich allein da, wenn man keine Agentur im Hintergrund hat.
Weitere Infos: https://moz.ac.at/de/studium/institute/institut-fuer-coaching-career
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